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12.03.2012

21:46 Uhr

Schuldenschnitt

Griechenland schließt Anleihentausch ab

Die Regierung in Athen meldet Vollzug: Der Schuldenschnitt ist abgeschlossen. Die davon betroffenen Kleinanleger fühlen sich übergangen. Sie wollen vor Gericht ziehen und hoffen auf Entschädigung.

Rasiert: Beim Schuldenschnitt verlieren Privatanleger einen Großteil ihres Geldes. dpa

Rasiert: Beim Schuldenschnitt verlieren Privatanleger einen Großteil ihres Geldes.

Hamburg/DüsseldorfGriechenland hat den Anleihentausch im Wert 177,2 Milliarden Dollar abgeschlossen. Damit erreicht die Beteiligung der privaten Gläubiger eine Beteiligung von 96 Prozent. Das erklärte das Finanzministerium in Athen am Montag. Die letzten widerspenstigen Anleger wurden zum Tausch gezwungen.

Dass der Schuldenberg Griechenlands bei einer vollständigen Schuldenschnitt-Beteiligung privater Gläubiger bis 2020 stärker abgebaut werden könnte als bisher angepeilt, geht aus dem aktuellen Bericht zur Tragfähigkeit der Staatsschulden hervor. Bei einer Beteiligungsquote über 96 Prozent sei demnach eine Marke von 116 bis 117 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) zu erreichen. Ziel der Euro-Länder ist es bisher, die Verschuldung von derzeit deutlich über 160 Prozent bis 2020 auf 120 Prozent zu senken. Nach Angaben der griechischen Regierung sind bisher 96 Prozent der Besitzer griechischer Staatsanleihen zum Verzicht auf 53,5 Prozent ihrer Forderungen bereit.

Die davon betroffenen Kleinanleger sehen davon allerdings noch nichts - in den Depots ist der Tausch noch nicht vollzogen. So kann beispielsweise die Direktbank Comdirect zur Stunde nicht sagen, wann die Änderungen wirksam werden. Die Bank wartet nach eigenen Angaben auf ein Signal von den entsprechenden Abwicklungsstellen. Nach Auskunft der Deutschen Börse, deren Tochter Clearstream für die Abwicklung von Wertpapiergeschäften zuständig ist, könnte die Umstellung noch bis zum 21. März dauern. Erst danach seien die neuen Anleihen im Handel.

Besonders die Privatanlegern fühlen sich beim Schuldenschnitt übergangen. Sie hatten keine Möglichkeit, über die Umschuldung abzustimmen, werden nun aber zur Teilnahme gezwungen. In Deutschland wollen einige Privatanleger deshalb vor Gericht gehen. Doch wie aussichtsreich sind Klagen gegen den Schuldenschnitt? Die meisten der Anleihen – 177 von 206 Milliarden Euro – unterliegen dem nationalen, also dem griechischen Recht. Dort vor Gerichten zu verhandeln ist nahezu aussichtslos und verursacht weitere Kosten.

Was Anleger beim Schuldenschnitt 2012 erhalten

Frische 30-jährige Anleihe

Exakt 31,5 Prozent des ausstehenden Nennwerts der bisherigen Anleihen erhalten Gläubiger in Form des folgenden Papiers:

Anleihe mit Laufzeit bis 2042:

In den Jahren 2013, 2014 und 2015 beläuft sich die Zinszahlung (Koupon) auf: 2,0 Prozent

In den Jahren 2016 bis 2020 einschließlich beläuft sich die Zinszahlung (Koupon) auf: 3,0 Prozent

Im Jahr 2021 beläuft sich die Zinszahlung (Koupon) auf: 3,65 Prozent

Ab dem Jahr 2022 beläuft sich die jährliche Zinszahlung (Koupon) auf: 4,3 Prozent

Die Zinsen werden ab dem 24. Februar 2012 berechnet.

Die neuen Anleihen werden eine Umschuldungsklausel (CAC) enthalten.

An das BIP gekoppeltes Papier

Zu der frischen 30-jährigen Anleihe mit EFSF-Absicherung erhalten die Anleger ein getrennt handelbares Wertpapier:

Der Wert dieses Papiers wird von der Entwicklung des Wirtschaftswachstums in Griechenland abhängen. Ab welchem Wachstumswert des Bruttoinlandsprodukts (BIP) diese Papiere greifen, war in der ersten veröffentlichten Übersicht des griechischen Finanzministeriums nicht vermerkt. Mittlerweile liegen die Schwellenwerte vor, ab denen es zusätzliche Zahlungen geben wird.

Eine Auszahlung wird es erstmals für das Jahr 2014 geben, die Überweisung dafür erfolgt am 15. Oktober 2015. Bezugsgröße ist das bis dahin von der europäischen Statistikbehörde Eurostat veröffentlichte BIP für Griechenland. Spätere Revisionen finden keine Berücksichtigung. Die letzte Zahlung kann es im Jahr 2042 für das Jahr 2041 geben.

Die Auszahlung errechnet sich wie folgt:

[(Nominales BIP - nominaler BIP-Referenzwert] - realem BIP-Referenzwert] x 1,5 = Y
Sollte Y den Wert 0,01 überschreiten, gilt Y=0,01
Auszahlung für jeweils 100 Euro Nennwert des Papiers = 100 € x Y
Maximal werden also 1 Euro je 100 Euro Nennwert ausgeschüttet.

Die Wachstumsrate berechnet sich aus dem nominalen BIP im betreffenden Jahr im Vergleich zu nominalen Referenz-BIP-Werten.

Die realen BIP-Referenzwerte sind folgende:
2014 - 2,345 %
2015 - 2,896 %
2016 - 2,845 %
2017 - 2,797 %
2018 - 2,597 %
2019 - 2,497 %
2020 - 2,247 %
2021-2041 - 2 %

Die nominalen BIP-Referenzwerte lauten (in Mrd. €)
2014 - 210,1
2015 - 217,9
2016 - 226,4
2017 - 235,7
2018 - 245,5
2019 - 255,9
2020-2041 - 266,5

Aus den nominalen und realen BIP-Referenzwerten für 2014 leitet sich folgendes Beispiel ab: Das nominale BIP im Jahr 2014 muss mindestens 215,03 Milliarden Euro betragen, damit es eine Zahlung auf die Papiere gibt. Ab einem nominalen BIP-Wert von 217,13 Milliarden Euro im Jahr 2014 gibt es für dieses Jahr die maximale Zahlung von einem Euro pro 100 Euro Nennwert.

Zur Erinnerung: Das nominale BIP Griechenlands hat im Jahr 2010 laut den jüngsten Zahlen von Eurostat 230 Milliarden Euro betragen, ist im vergangenen Jahr aber deutlich geschrumpft. Bei einem angenommenen Minus von sieben Prozent hat das nominale BIP 2011 etwa 214 Milliarden Euro betragen. Die Stagnation des BIP-Referenzwerts ab 2020 lässt Auszahlung in den Jahren danach wahrscheinlicher werden.

Die Angaben erfolgen ohne Gewähr.

EFSF-Papier statt Bargeld

Gläubiger mit Sitz in den USA erhalten 15 Prozent des ausstehenden Nennwerts ihrer Anleihen in bar ausgezahlt. Alle anderen Gläubiger erhalten diese 15 Prozent in Form eines EFSF-Wertpapiers:

EFSF Note:

Es wird zwei Varianten dieser „Notes“ geben, beide mit einem Gesamtvolumen von bis zu 15 Milliarden Euro.

Die Laufzeit endet am 12. März 2013 beziehungsweise am 12. März 2014.

Der Zinssatz auf diese Papiere steht noch nicht fest.

Etwas anderes ist es, wenn ein deutscher Bankberater seine Kunden mangelhaft über die Risiken dieser Anlage aufgeklärt hat. Dass durchaus noch etwas zu holen ist, zeigt der Fall der Lehman-Zertifikate vor einigen Jahren. Hier gelang es einigen Anlegern, ihren Banken nachzuweisen, fehlerhaft beraten zu haben. „Jeder, der Griechenland-Anleihen nach Anlageberatung durch die Bank erworben hat, sollte prüfen lassen, ob Schadensersatzansprüche wegen Fehlberatung bestehen, falls nicht ausreichend auf die Risiken hingewiesen wurde“, rät der Frankfurter Anwalt Klaus Nieding.

Kommentare (12)

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AlfredHeerhausen

12.03.2012, 18:19 Uhr

Mag ja sein, dass der, dem nicht gesagt wurde, dass er einen (Total)Verlust erleiden kann, sich jetzt mit allerlei juristischen Spitzfindigkeiten da raus manövrieren kann. Dafür gibt er dann aber auch zu, naiv und leichtgläubig gewesen zu sein, die beachtlich hohen Zinsen auf diese Anleihen gesehen und begehrt zu haben, aber nicht imstande gewesen zu sein zu erkenne, warum die so hoch waren. Gier schaltet eben oft den Verstand aus. Sollten lieber froh sein, nur einen Teil eingebüßt zu haben, alternativ hätte Griechenland den Konkurs erklärt und dann wäre alles weg gewesen. Staaten kann man nicht so einfach den Gerichtsvollzieher schicken, schon gar nicht wenn sie eine Menge Leopards haben.

XXX

12.03.2012, 18:51 Uhr

Sie haben recht, es besteht bei jeder Geldanlage ein Risiko, seien es griechische Papiere oder Lehmann-Zertifikate oder Bundesanleihen oder US-Anleihen. Die Zinsen auf griechische Papiere betrugen zwischen 4 und 5,5% Prozent auf mehrjährige Anleihen und waren damit nur minimal (ca. 1%) höher als auf Bundesanleihen. Übrigens ist Griechenland bankrott, genau das bedeutet es, alle Anleger zum Umtausch zu zwingen. Die Anleger verlieren bei dem Umtausch ca. 80% Ihres Einsatzes. Beim Bankrott Argentiniens haben die Anleger nur 70% Ihres Einsatzes verloren. Der Bankrott Griechenlands ist also sowohl vom Volumen als auch von der "verbleibenden Konkursmasse" schlimmer als der Argentiniens. Und wenn einem jemand Geld schuldet, halte ich es durchaus für legitim, einen Anwalt einzuschalten, insbesondere wenn nachträglich und einseitig die Vertragsgrundlage geändert wurde.

kleinfeldt

12.03.2012, 19:25 Uhr

Ja, in Griechenland investieren heißt Geld verlieren!

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