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27.10.2011

15:56 Uhr

Schuldenschnitt in Griechenland

Zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig

VonJörg Hackhausen, Annika Williamson

Der Schuldenschnitt hat den Griechen Zeit verschafft, das Problem jedoch nicht gelöst. Die Reaktion am Anleihemarkt zeigt: Auf die griechische Zahlungsfähigkeit vertrauen Anleger noch lange nicht.

Dem griechischen Haushalt hat der Schuldschnitt nur Zeit verschafft, hat ihn aber nicht geheilt. dpa

Dem griechischen Haushalt hat der Schuldschnitt nur Zeit verschafft, hat ihn aber nicht geheilt.

DüsseldorfDie Investoren lassen locker – zumindest ein bisschen, für heute. Am Tag nach dem denkwürdigen Euro-Gipfel in Brüssel steigen die Kurse für Anleihen der Schuldenstaaten und die Renditen sinken.

Die Rendite der zehnjährigen Staatsanleihen aus Griechenland fällt um 1,1 Prozentpunkte. Sie liegt nach dem kräftigen Anstieg der vergangenen Wochen aber immer noch bei 22,3 Prozent. Dass die Skepsis der Investoren nach wie vor groß ist, zeigt sich bei den kurzlaufenden Papieren. Die Rendite zweijähriger Bonds sinkt nur leicht und liegt weiterhin bei mehr als 70 Prozent.

In der Nacht hatten sich die Regierungschefs der Euro-Zone auf neue Maßnahmen im Kampf gegen die Schuldenkrise geeinigt. Einer der Kernpunkte: Die Gläubiger sollen Griechenland die Hälfte seiner Schulden von rund 200 Milliarden Euro erlassen. Experten bezweifeln, dass die Schuldenkrise damit gelöst ist. „Auch bei einer vollständigen Umsetzung des angestrebten Schuldenschnitts würde das Verhältnis von Staatsschulden zum Bruttoinlandsprodukt noch immer deutlich über 100 Prozent liegen“, sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank.

Der Tag an den Märkten (Stand: 17.30 Uhr)

Dax

+ 4,9 Prozent

Euro Stoxx 50

+ 5,7 Prozent

Dow Jones

+ 2,1 Prozent

Nikkei

+ 0,22 Prozent

CSI 300

+ 0,22 Prozent

Euro

1,4168 Dollar (+ 2,1 Prozent)

Öl (Brent)

112,43Dollar (+ 1,9 Prozent)

Gold

1.729 Dollar (+ 0,6 Prozent)

Die Kosten für Kreditausfallversicherungen auf Griechenland-Anleihen, sogenannte Credit Default Swaps (CDS), gaben ebenfalls nach. CDS auf griechische Staatsanleihen notierten am Donnerstag bei 5460 Basispunkten; vor zehn Tagen waren es noch 6333 Basispunkte. Das bedeutet, dass es aktuell 5,46 Millionen Dollar kostet, um griechische Anleihen im Wert von zehn Millionen Dollar für die Dauer von fünf Jahren abzusichern. Zum Vergleich: Eine Ausfallversicherung auf deutsche Bundesanleihen liegt bei 100 Basispunkten.

Auf eine Entschädigung durch eine Ausfallversicherung dürfen die Gläubiger allerdings nicht hoffen. So lange sie einem Schuldenschnitt freiwillig zustimmen, werden die Kreditausfallversicherungen nicht ausgelöst. Das hat die zuständige Behörde, die International Swaps and Derivatives Association (ISDA), entschieden.

Die ISDA trifft verbindliche Entscheidungen dazu, wann Kreditversicherungen fällig werden. Da die Inhaber der griechischen Anleihen den vereinbarten Anteil freiwillig erlassen würden, trete voraussichtlich kein Kreditereignis ein, sagte David Geen, Chefjurist der ISDA. Ob der Schnitt bei 50 Prozent oder bei den ursprünglich geplanten 21 Prozent liege, sei dabei egal, solange das Entgegenkommen freiwillig sei. Die Entscheidung liege letztlich aber beim Experten-Gremium der ISDA.

Der internationale Bankenverband IIF erklärte sich bereit, eine entsprechende „freiwillige“ Vereinbarung zu entwickeln. Derzeit werden CDS auf griechische Anleihen im Wert von 3,7 Milliarden Dollar gehandelt. Anfang des Jahres waren es laut Bloomberg noch 5,3 Milliarden Dollar.

Unterm Strich heißt das: Für Griechenland ist die Krise noch lange nicht ausgestanden, und die Investoren ahnen das. Die zehnjährigen griechischem Anleihen waren am Morgen bei einem Kurs von 34,7 Prozent - das heißt, sie werden für gut ein Drittel ihres Nennwertes gehandelt. Selbst mit einem Schuldenschnitt von 50 Prozent ist dieser Wertverlust noch nicht wettgemacht

Kommentare (9)

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einBeobachter

27.10.2011, 16:29 Uhr

Frage zum Verhandlungsmandat der Bankenvertreter bzgl eines Forderungsverzichts

Ist meine Annahme richtig, dass Bankenvertreter kein Mandat zur Vertretung aller Privatanleger haben und daher auch keine verbindliche Zusage zum Umtausch aller Anleihen machen koennen? In diesem Fall waere es doch fraglich, ob Anleger tatsaechlich auf einen Umtausch mit 50% Verlust eingehen. Falls ein Privatanleger nicht freiwillig umtauscht, wird dann Griechenland zur Faelligkeit der Anleihe entweder zu 100% zahlen oder zu 50% (und damit seinen Verpflichtungen nicht nachkommen) oder zu 0%? In den letzteren beiden Faellen waere doch ein Zahlungsausfall gegeben, der ein Kreditereignis im Sinne der CDS Bedingungen darstellt?

Account gelöscht!

27.10.2011, 17:35 Uhr

Also Murksel strahlt ja ueber das gesamte Gesicht ob dieser Loesung. Die Steuerzahler selbst haben ja keine Lobby die strahlen koennte. Auch das Wahlvolk eigentlich nicht - die stoeren die Politiker doch nur. Gibt es strahlende Griechen - die ihre Schiffe und Sonstiges nie versteuerten oder/und ihr Geld ausser Landes geschafft haben? 1 Tag auf so einer Jacht waere nicht schlecht...als deutscher Zahler. Wird wohl ein Traum bleiben. S-O-S. Murksel, was ist die Gegenleistung fuer uns??? FUER MICH??????

Account gelöscht!

27.10.2011, 17:35 Uhr

Muss das Handelsblatt jetzt der Bild Konkurrenz machen? Vorher gab es diese negative Betrachtung auch nicht, dabei war das vorher auch schon klar. Griechenland braucht 80-90% und einen Wirtschaftsplan, sonst stehen wir in 3 Jahren wieder da wo wir heute sind.

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