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16.01.2015

13:20 Uhr

Schweizer Notenbank hält Bundesanleihen

Der größte Gläubiger Deutschlands unter Druck

VonJürgen Röder

Die Schweizer Notenbank, von Experten als größter Hedgefonds der Welt bezeichnet, hält vermutlich deutsche Bundesanleihen im Wert von 100 Milliarden Euro. Die Freigabe des Wechselkurses dürfte gravierende Folgen haben.

Rund ein Zwölftel der gesamten deutschen Staatsschulden besitzt die Schweizer Nationalbank. Getty Images

Rund ein Zwölftel der gesamten deutschen Staatsschulden besitzt die Schweizer Nationalbank.

DüsseldorfDas ist kein gutes Geschäft. Erst Ende des vergangenen Jahres sind die Devisen-Reserven der Schweizer Notenbank um mehr als 30 Milliarden Euro auf rund 500 Milliarden Euro gestiegen - und diese haben mit der Entscheidung vom Donnerstag, den festen Wechselkurs des Schweizer Franken von 1,20 gegenüber dem Euro freizugeben, schlagartig an Wert verloren. Denn der Euro fiel gegenüber dem Franken zwischenzeitlich auf 85 Cent, hat sich aber mittlerweile auf eine Parität gegenüber eingependelt. Fast 50 Prozent der Bilanz der Devisenreserven der Schweizer Nationalbank sind in auf Euro ausgestellte europäische Staatsschulden investiert.

Und das angekündigte Staatsanleihen-Kaufprogramm der EZB dürfte den Euro-Kurs weiter unter Druck setzen. Zwar sagte SNB-Chef Jordan sagte gestern auf Nachfrage zwar, die aktuelle Entscheidung habe nichts mit der EZB zu tun, doch ein weiterer Kursverfall des Euros dürfte ihr gigantische Verluste bescheren. Was nicht ohne Auswirkungen auf die Rendite von deutschen Staastanleihen haben dürfte.

Denn die Schweizer Notenbank gilt als der größte deutsche Gläubiger. Sie hält nach Schätzungen von Experten 100 Milliarden an deutschen Staatsanleihen, rund ein Zwölftel der gesamten deutschen Staatsschulden. Bei einem Gesamtwert dieser Papiere von rund 1,2 Billionen Euro bedeutet dies, dass Deutschlands südlicher Nachbar deutlich mehr als acht Prozent davon besitzt. „Die Schweiz ist inzwischen einer der größten Hedgefonds der Welt“, sagte Christian Heger, Chefanlagestratege bei HSBC Global Asset Management in Deutschland, bereits Anfang 2013. Damals lagen die Devisen-Reserven nur bei 430 Milliarden Euro.

Als Folge der gestrigen Wechselkurs-Entscheidung stieg der Kurs der deutschen Bundesanleihen am Freitag weiter. Denn aufgrund der Verunsicherung an den Märkten nach den Maßnahmen der Schweizerischen Nationalbank am Vortag waren als sicher geltende Anlagen bei Investoren stärker gefragt. Bundesanleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren rentierten zuletzt mit 0,46 Prozent einen Basispunkt tiefer. Der Terminkontrakt Bund-Future stieg um 25 Basispunkte auf 157,56 Prozent. Bei den zehnjährigen Schweiz-Bonds sank die Rendite um drei Basispunkte auf 0,012 Prozent. Zehnjährige Anleihen aus der Euro-Peripherie tendierten seitwärts.

Staatsanleihen: Renditen im Sinkflug

USA

Rendite (zehnjährige Anleihe): 2,61 Prozent
Renditeveränderung (in den vergangenen drei Monaten): - 17,1 Basispunkte
Quelle: Bloomberg, 10.06.2014

Deutschland

Rendite: 1,38 Prozent
Renditeveränderung: - 24,8 Basispunkte

Italien

Rendite: 2,74 Prozent
Renditeveränderung: - 62,4 Basispunkte

Spanien

Rendite: 2,57 Prozent
Renditeveränderung: - 72,9 Basispunkte

Portugal

Rendite: 3,32 Prozent
Renditeveränderung: - 110,6 Basispunkte

Irland

Rendite: 2,41 Prozent
Renditeveränderung: - 65,9 Basispunkte

Griechenland

Rendite: 5,47 Prozent
Renditeveränderung: - 132,4 Basispunkte

Frankreich

Rendite: 1,71 Prozent
Renditeveränderung: - 48,5 Basispunkte

Finnland

Rendite: 1,57 Prozent
Renditeveränderung: - 35,9 Basispunkte

Österreich

Rendite: 1,66 Prozent
Renditeveränderung: - 24,7 Basispunkte

Niederlande

Rendite: 1,60 Prozent
Renditeveränderung: - 24,6 Basispunkte

Belgien

Rendite: 1,81 Prozent
Renditeveränderung: -52,1 Basispunkte

Großbritannien

Rendite: 2,69 Prozent
Renditeveränderung: - 10,8 Basispunkte

Japan

Rendite: 0,59 Prozent
Renditeveränderung: - 2,5 Basispunkte

Schweiz

Rendite: 0,72 Prozent
Renditeveränderung: - 25,8 Basispunkte

Russland

Rendite: 4,26 Prozent
Renditeveränderung: - 89,3 Basispunkte

Türkei

Rendite: 8,67 Prozent
Renditeveränderung: - 187 Basispunkte

Doch wer kauft eigentlich noch Bundesanleihen? Denn deren Rendite bis zu fünf Jahren Laufzeit ist negativ. Dennoch ist die Nachfrage nach solchen Wertpapieren unverändert hoch, bestätigt Oliver Eichmann, Anleihenexperte von der Deutschen Asset & Wealth Management, der Fondstochter der Deutschen Bank.

Erstmalig vor gut drei Jahren wiesen die Bundesanleihen einen negativen Zinssatz aus. Einen Zustand, den sich lange kein Experte vorstellen konnte. Damals sagte Unicredit-Experte Kornelius Purps: „Aber in so unsicheren Zeiten wie diesen gilt: return of money geht vor return on money.“ Doch drei Jahre später ist der Negativzins noch weiter gestiegen und liegt bei einer Anleihe mit zweijähriger Laufzeit bei minus 0,12 Prozent.

Kommentare (7)

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Herr Ronny Michael

16.01.2015, 14:38 Uhr

Für deutschland sind die Mini-, bzw. Negativzinsen einemhistorische Chance um:
1. die vorhandene Verschuldung weitgehend umzuschichten, was gigantische Zinszahlungen einspart.
2. Die vorgenannten Zinseinsparungen ermöglichen den relativ zügigen Abbau jeglicher Verschuldung, denn Verschuldung verringert den Wohlstand, da der Staat, im Gegensatz zu guten Unternehmen, mit Verschuldung keinen Gewinn erwirtschaftet.

Infrastrukturmaßnahmen, Unterstützungen für F+E können dann aus den lfd. Einnahmen
ezahlt werden und soweit möglich, sollte ein Fond zur Sicherungen der Renten aufgebaut werden um allzu drastische Kürzungen abzufedern, denn Renten und das Gesundheitssystem sind die offene Flanke unserer Zukunft.

So kann man hoffen, dass die Schäuble und zukünfte Finanzminister sich dieser Aufgabe offensiv stellen.

Herr Uwe Reissner

16.01.2015, 15:17 Uhr

Noch nie haben die deutschen Politiker so davon profitiert, in dem sie ihre Hände einfach in den Schoß gelegt haben.

Wie gut könnte es Deutschland erst gehen, wenn diese ihre Arbeit machen würden. ^^

Herr Klaus Emerott

16.01.2015, 16:31 Uhr

Ich war heute in Zürich. Da kommt mir doch am Hautbahnhof ein Obdachloser entgegen und fragt ganz frech: Willste mal 'nen Euro?

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