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23.04.2012

15:10 Uhr

Sentix Marktradar

Der Dax ist keine Insel der Glückseligen

VonJessica Schwarzer

Kann sich der deutsche Aktienmarkt von den europäischen Börsen abkoppeln? Trifft die Schuldenkrise den Deutschen Aktienindex weniger hart? Anleger scheinen das zu glauben, doch das ist gefährlich.

Der Dax ist keine Insel der Glückseligen. Das zu glauben ist gefährlich. dpa

Der Dax ist keine Insel der Glückseligen. Das zu glauben ist gefährlich.

DüsseldorfDie Stimmung der Anleger ist noch immer mau, aber nicht richtig schlecht. „Dabei müsste die Nachrichtenlage in Euro-Land den Anlegern eigentlich Angst machen“, sagt Patrick Hussy vom Analysehaus Sentix. Und diese Angst wäre gut, denn die kurzfristige Stimmung der Anleger ist ein Kontra-Indikator.

Würde Panik herrschen, dann könnte es bald wieder nach oben gehen an den Märkten. Ist die Stimmung zu gut – wie noch vor einigen Wochen – und die Anleger werden gierig, dann ist das ein Warnsignal. Es droht eine Korrektur – und genau in einer solchen steckt der Dax aktuell. „Solange die Marke von 6.600 Punkten im Dax hält, dürfte sich die Stimmung aber erstmal nicht ändern“, so Hussy. „Kurzfristig ist nicht genug Angst im Markt, es sieht nicht nach einer Erholung aus.“

Eine Überraschung liefert in dieser Woche das mittelfristige Sentiment, das das Vertrauen der Anleger misst und damit Prognosecharakter hat: Anleger beurteilen europäische Aktien sehr viel kritischer als deutsche Titel. Dax hui, EuroStoxx pfui, wie passt das zusammen? „Gar nicht“, sagt Hussy. „Die Euro-Krise ist und bleibt die Achillesferse der Aktienmärkte, und sie trifft natürlich auch den Dax.“ Trotzdem sinkt die Stimmung für europäische Aktien von Woche zu Woche weiter, während Anleger beim Dax scheinbar denken, dass er sich hält und der Korrektur trotzt.

Sentix-Indikatoren

Sentiment

Das Sentiment ist die kurzfristige Markterwartung auf Sicht von einem Monat. Es zeigt die Emotionen der Anleger, die zwischen Angst und Gier liegen. Es muss antizyklisch gewertet werden. Negative Sentiment-Extreme sind in der Regel unmittelbare Indikationen für eine Kursverbesserung. Hoher Optimismus kann ein Warnzeichen für eine bevorstehende Konsolidierung sein, längerfristige Umkehrpunkte werden jedoch meist durch eine Sentimentdivergenz angezeigt.

Strategische Bias

Die strategische Bias ist die mittelfristige Markterwartung und stellt die Bewertung des Marktes durch die Anleger auf Sich von sechs Monaten dar. Es hat in der Regel Prognosecharakter und wird deshalb nicht antizyklisch bewertet. In der Regel läuft dieser Indikator dem Gesamtmarkt mehrere Wochen voraus. Verwehren sich die Anleger starken Trends, kann dies ebenfalls auf eine wichtige Anomalie hinweisen.

Neutralitätsindex

Die sentix Neutrality Indizes messen den Anteil der Neutralen im Markt. Eine hohe Zahl an neutralen Anlegern deutet auf Irritation im Markt und künftig steigende Volatilität. Ein niedriger Wert sagt aus, dass die Anleger den Markt verstanden haben und kaum irritiert sind. Im neutralen Lager finden sich zudem nicht oder gering investierte Anleger, die als künftige Nachfrager oder Anbieter von Bedeutung sind! Die Interpretation ist für kurz- und mittlere Zeiträume identisch. Deshalb gilt die Wertung in verstärktem Maße, wenn auf beiden Zeitebenen Extremwerte erreicht werden.

Overconfidence-Index

Der Sentix Overconfidence Index misst die Wahrscheinlichkeit dafür, ob seriell steigende oder fallende Kurse zu einer übermäßigen Sorglosigkeit der Anleger geführt haben. Bei Werten ab plus sieben / minus sieben muss mit Konsolidierungen / Korrekturen gerechnet werden.

Time Differential Index

Der Time-Differential Index berechnet sich aus der Differenz der (mittelfristigen) Wertwahrnehmung und der (kurzfristigen) Stimmung! Hohe Werte im Index sprechen für eine gute Stimmung, welche jedoch nicht mit einer mittelfristigen Überzeugung unterlegt ist. Dies stellt einen belastenden Faktor für den Markt dar. Umgekehrt bilden sich niedrige Werte aus, wenn kurzfristig Angst vorherrscht und gleichzeitig eine mittelfristig hohe Wertwahrnehmung existiert, was tendenziell positiv zu werten ist.

Doch die Börsencharts sagen mittlerweile etwas anderes. Der Dax rutscht immer weiter ab – von Abkopplung keine Spur. „Die Scheinsicherheit, in der sich die Anleger wiegen, ist gefährlich“, so Hussy. „Fällt die Marke von 6.600 Punkten, kann es schnell bis auf 6.300 runtergehen. Und wenn der Dax auch diese Marke reißt, ist auch das Chartbild des Dax kaputt.“

Ein ähnlich diffuses Bild wie bei den Aktien zeigt sich übrigens bei den Konjunkturindikatoren. In der Sentix-Umfrage ist die Einschätzung der konjunkturellen Lage in Euro-Land so schlecht wie zuletzt vor 24 Monaten. Der Ifo-Index für Deutschland zeigte zuletzt ein deutlich positiveres Bild.

Doch das Ergebnis der Sentix-Befragung überrascht Hussy kaum: „Allmählich kommt das Bewusstsein zurück, dass man die Probleme nicht mit Notenbankmaßnahmen ‚wegliquidieren‘ kann und man in der Krisenbewältigung kaum etwas erreicht hat“, sagt er.

Die grössten Fehler der Anleger

Risikotoleranz

Die Neigung, Risiken einzugehen, ist mit zwei demografischen Faktoren verbunden: Geschlecht und Alter. Frauen sind normalerweise vorsichtiger als Männer und ältere Menschen sind weniger bereit, Risiken einzugehen, als jüngere Leute. Die Konsequenzen der Verhaltensökonomik für Anleger sind klar: Wie wir uns bei der Geldanlage entscheiden und wie wir uns bei der Verwaltung unserer Anlage entscheiden, hängt sehr davon ab, wie wir über Geld denken. [...] Sie demonstriert, dass Marktwerte nicht ausschließlich von den gesammelten Informationen bestimmt werden, sondern auch davon, wie menschliche Wesen diese Informationen verarbeiten.

Übertriebene Zuversicht

An sich ist Zuversicht ja keine schlechte Sache. Aber übertriebene Zuversicht ist etwas ganz anderes, und sie kann besonders im Umgang mit unseren Finanzangelegenheiten Schaden anrichten. Übertrieben zuversichtliche Anleger treffen nicht nur für sich selbst dumme Entscheidungen, sondern diese wirken sich auch sehr stark auf den Mark als Ganzes aus.

Kurzfristiges Denken

Menschen [legen] zu viel Wert auf wenige mehr oder wenige zufällige Ereignisse [...] und meinen, sie würden darin einen Trend erkennen. Insbesondere sind Anleger tendenziell auf die neuesten Informationen fixiert, die sie bekommen haben, und ziehen daraus Schlüsse. So wird der letzte Ergebnisbericht in ihrem Denken zum Signal für künftige Gewinne. Und da sie meinen, sie würden etwas sehen, das andere nicht sehen, treffen sie dann aufgrund oberflächlicher Überlegungen schnelle Entscheidungen.

Verlustaversion

Der Schmerz durch einen Verlust [ist] viel größer als die Freude über einen Gewinn. Bei einer 50:50-Wette, bei der die Chancen exakt gleich sind, riskieren die meisten Menschen nur dann etwas, wenn der potenzielle Gewinn doppelt so groß ist wie der potenzielle Verlust. Das nennt man asymmetrische Verlustaversion. [...] Auf den Aktienmarkt bezogen bedeutet dies, dass sich die Menschen beim Verlust von Geld doppelt so schlecht fühlen, wie sie sich gut fühlen, wenn sie einen Gewinn erzielen. Diese Abneigung gegen Verluste macht Anleger übertrieben vorsichtig, und das hat einen hohen Preis. [...] Wir wollen alle glauben, wir hätten gute Entscheidungen getroffen, und deshalb hängen wir zu lange an schlechten Entscheidungen, in der vagen Hoffnung, die Dinge werden sich noch wenden.

Verdrängen

Wir neigen dazu, das Geld geistig auf verschiedene Konten zu buchen, und dies bestimmt, wie wir es verwenden. [...] Zudem wurde die geistige Buchhaltung als Grund angeführt, weshalb Menschen schlecht laufende Aktien nicht verkaufen: In ihren Augen wird der Verlust erst real, wenn sie ihn realisieren.

Quelle: Robert G. Hagstrom, Warren Buffett. Sein Weg. Seine Methode. Seine Strategie., Börsenbuchverlag 2011.

Der Knick in den Konjunkturerwartungen sei zwar bislang nur den Sentix-Indizes vorbehalten, doch in Kombination mit den Dissonanzen in der Wertwahrnehmung europäischer Aktien sind sie ein Warnzeichen. „Man tut gut, diese Entwicklungen ernst zu nehmen“, sagt der Experte. „Für uns drängt sich nun die Frage auf, ob die Anleger aufgrund der übermäßigen Liquidität nasse Füße bekommen und dadurch verschnupft reagieren.“

Im Euro Stoxx 50 muss die Marke von 2.250 Punkten halten, sonst droht Ungemach. Der Dax hat noch ein wenig mehr „Verlustkomfort“ zu bieten, ein Rückgang auf 6.300 wäre strategisch verkraftbar. Sicher ist aber: Stürzt der Euro Stoxx 50 ab, wird es auch den Dax erwischen. „Wir leben leider nicht auf einer Insel der Glückseligen“, fasst Hussy zusammen.

 

Die sentix GmbH ist der führende Anbieter von Stimmungsindikatoren und Sentimentanalysen in Europa. Mehr als 3.500 Investoren beteiligen sich wöchentlich an den Umfragen, die einen umfassenden und zeitnahen Einblick in die Psychologie der Börse gewährt. Das sentix Marktradar durchleuchtet Woche für Woche, welche Sentimententwicklungen für die Märkte relevant sind. Erfahren Sie mehr unter http://www.sentix.de

Kommentare (4)

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Maximilian_Zacher

23.04.2012, 15:43 Uhr

[+++ Beitrag von der Redaktion gelöscht +++]

LasagneIstSPD

23.04.2012, 16:09 Uhr

Und ich wünsche mir mehr Bildung und mehr Vernunft...

Krosis

23.04.2012, 16:30 Uhr

Raus aus dem Euro?
=> Deutschlands Wirtschaft geht dann erstmal auf den Boden...Beschäftige dich nur mal 10 Minuten mit dem Thema Währung, Geldpolitik und Wechselkurse, dann schnallst du das selbst.

Streichung aller Subventionen.
=> Wieder dieses Pauschaldenken...
Subventionen sind nichts schlechtes, zumindest nicht für zukunftsweisende Techniken die zu Beginn zwar noch ineffektiv(er) sein mögen aber langfristig lohnender sind. Oder stell dir mal die Nahrungsmittelpreise vor bei einer Abschaffung der Landwirtschaftssubvention...wer soll das dann alles bezahlen?
Oder öffentliche Verkehrsmittel, das Straßenbahnticket kann sich dann kein Arsch mehr leisten ohne öffentliche Gelder.

Keine Einschränkung der individuellen Freiheits- und Bürgerrechte
=> Die Freiheit des Einen endet dort, wo die Freiheit des anderen beginnt, das wäre der Rahmen in dem man sich bewegen sollte. Aber das können die meisten nicht, also sind Einschränkungen nötig.

Schluss mit der Bevormundung durch die EU
=> Interessanterweise kann die EU kaum was durchsetzen, da die Nationalstaaten dafür (zum Glück) zuviel Autonomie besitzen.

Also sonderlich vernünftig erscheint mir der Schmarn da nicht...

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