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01.10.2013

17:15 Uhr

Shutdown

Verrückte Börse! USA vor der Pleite, Kurse steigen

VonJessica Schwarzer

Der US-Haushaltsnotstand lässt die weltweiten Märkte kalt. Doch so entspannt, wie es scheint, ist die Lage nicht. Es drohen neue Gefahren. Erste Anzeichen für Turbulenzen gibt es bereits.

„Schwellenländer sind derzeit die Aktien-Anlegerregion, die wir am stärksten untergewichten“, sagt Jonathan Garner, Chefstratege Aktien Asien und Schwellenläner bei Morgan Stanley (nicht im Bild). dpa

„Schwellenländer sind derzeit die Aktien-Anlegerregion, die wir am stärksten untergewichten“, sagt Jonathan Garner, Chefstratege Aktien Asien und Schwellenläner bei Morgan Stanley (nicht im Bild).

DüsseldorfDer Haushaltsnotstand in den USA weckt Erinnerungen: Vor fast 18 Jahren lieferte sich der damalige Präsident Bill Clinton erbitterte Budgetschlachten mit einer republikanischen Parlamentsmehrheit. Damals stand die öffentliche Verwaltung vom 16. Dezember 1995 bis zum 6. Januar 1996 still. Wie heute blieben die Märkte auch damals gelassen. Von Panik keine Spur. Im Gegenteil: Der US-Standardwerteindex Dow Jones und der breitere S&P 500 legten sogar kräftig zu. Für den Dow Jones ging es von Anfang November bis Mitte Dezember um fast neun Prozent aufwärts, der S&P 500 legte sechs Prozent zu. Während des Notstands 1995 bewegten sich die Märkte fast gar nicht, legten aber in den Wochen nach der Einigung wieder zu.

Nun also die Neuauflage des Stillstands im öffentlichen Leben? Eine Neuauflage an der Börse? In den vergangenen Wochen, während Republikaner und Demokraten schon hitzig über den Haushalt stritten, legten Dow Jones und S&P leicht zu. Zwar konnte die Wall Street am Montagabend auf den sogenannten Government Shutdown noch nicht reagieren, doch zu Handelsschluss hatte sich bereits abgezeichnet, dass es keine Einigung gibt. Das Minus an den US-Börsen hielt sich aber in Grenzen. Der Dow Jones gab um 0,9 Prozent nach, der S&P 500 um 0,6 Prozent. Am Dienstag ging es aber dann auch an der Wall Street wieder aufwärts, von Untergangsstimmung keine Spur.

Was bedeutet der Shutdown?

Was bedeutet der Stillstand für Staatsbedienstete?

Die Bundesregierung ist der mit Abstand größte Arbeitgeber in den USA mit gut 3,4 Millionen Beschäftigten, davon 1,4 Millionen Soldaten. Der Großteil von ihnen gilt als unabdingbar. Rund 800.000 Staatsbediensteten droht aber unbezahlter Zwangsurlaub, etwa Angestellten in Nationalparks und Museen oder den Statistikern im Arbeitsministerium. Die Behörden für Umweltschutz, Arbeitssicherheit und Nahrungsmittelsicherheit werden ihre Kontrollen herunterfahren. Auch bei der Raumfahrtbehörde NASA sind tausende Angestellte betroffen, wichtige Projekte wie die Internationale Raumstation ISS bleiben von Kürzungen aber ausgenommen.

Im Weißen Haus und im Kongress müssen ebenfalls Mitarbeiter ohne Bezahlung daheim bleiben - der Politikbetrieb wird im Großen und Ganzen aber weiterlaufen. Die Soldaten des US-Militärs bleiben dagegen alle im Dienst. Auch die Flugsicherheit, die Geheimdienste, die Bundesgefängnisse und der Grenzschutz arbeiten normal weiter. Die "unentbehrlichen" Staatsbediensteten bekommen ihre Gehälter aber vermutlich erst nach dem Ende des Haushaltsnotstands ausgezahlt.

Spüren alle US-Bürger die Einschränkungen?

Millionen Menschen in den USA werden den Finanzierungsstopp bei alltäglichen Behördengängen merken - vor allem in der Hauptstadt Washington, die ein Bundesbezirk ist. Beim letzten Finanzkollaps Mitte der 1990er Jahre kamen hier öffentliche Dienstleistungen wie die Müllentsorgung komplett zum Erliegen. Nun will Bürgermeister Vincent Gray die städtischen Dienste mit Rücklagen finanzieren, die laut "Washington Post" für etwa zwei Wochen reichen.

Rentenzahlungen sowie die staatlichen Gesundheitsprogramme für Ärmere und Alte, Medicaid und Medicare, sind dagegen nicht berührt. Die Behörden geben auch weiter Lebensmittelmarken an Bedürftige aus. Bei Neuanträgen auf staatliche Leistungen könnte es aber zu Verzögerungen kommen. Die Post wird dagegen weiter jeden Tag gebracht.

Wie wirkt sich ein Finanzierungsstopp auf die Wirtschaft aus?

Präsident Barack Obama warnte, dass die finanzielle Lähmung der Regierung "Sand ins Getriebe" der sich erholenden Wirtschaft streuen werde. Die Staatsangestellten im Zwangsurlaub könnten ihre Rechnungen nicht bezahlen und würden weniger ausgeben, sagte Obama. Dem Wirtschaftskreislauf dürfte außerdem Geld entzogen werden, weil kleinere Unternehmen und Hauskäufer auf staatliche Kreditgarantien warten müssen.

"Ein Stillstand wird sofort sehr reale wirtschaftliche Auswirkungen auf echte Menschen haben", sagte Obama. Experten gehen davon aus, dass ein zweiwöchiger "government shutdown" das Bruttoinlandsprodukt im vierten Quartal um 0,3 Prozentpunkte senken würde. Der Ökonom Stephen Fuller von der George Mason University sagte der "Washington Post", dass ein Haushaltsnotstand alleine den Großraum Washington täglich 200 Millionen Dollar kosten könnte.

Sind auch Ausländer betroffen?

Touristen, die in die USA reisen, werden die Auswirkungen spüren: Die mehr als 350 Nationalparks sind nicht mehr zugänglich. Das Smithsonian in Washington, der größte Museumskomplex der Welt, und die Freiheitsstatue in New York müssen dicht machen. Das US-Außenministerium bestritt am Montag aber, die Visa-Abteilungen in seinen Botschaften rund um den Globus zu schließen. Einreiseanträge würden weiter bearbeitet, versicherte Sprecherin Jennifer Psaki. Auch die Aktivitäten der US-Entwicklungshilfe USAID könnten für eine "begrenzte Zeit" normal fortgeführt werden.

Auch an den Börsen in Asien und Europa hielt sich die Reaktion in Grenzen. Der Deutsche Aktienindex legte gut ein Prozent zu. Am Montag hatte er unter dem Eindruck des Haushaltsstreit noch 0,77 Prozent verloren. Der Euro Stoxx 50 rückte sogar um 1,2 Prozent vor. Die Börse in Tokio schloss mit einem leichten Plus von 0,2 Prozent. „Die Reaktion der Märkte verwundert mich ein wenig“, sagt Bestseller-Autor und Professor Max Otte. „Aber irgendwo muss die Liquidität ja hin, nun fließt sie von den USA nach Europa.“

Nachdem die Aktienmärkte zuletzt wegen des Konflikts erheblich unter Druck standen, haben sich Händler und Investoren offenbar darauf eingestellt, dass es diesmal nicht mehr zu einer Einigung vor Ende der Frist kommen würde. „Die Börsen reagieren noch gelassen auf die partielle Schließung der US-Regierung“, sagt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank zu Handelsblatt Online. Das liege daran, dass dieses Verfahren nicht grundsätzlich neu sei. „Die konjunkturellen Auswirkungen haben sich in der Vergangenheit immer in Grenzen gehalten“, ergänzt er. „Das wird auch so bleiben, solange es „nur“ beim Shutdown bleibt.“

Kommentare (24)

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juppphirsenkoetter

01.10.2013, 11:46 Uhr

underworked and overpaid kind of Monkey-Business
Also was soll das?
Wie in Deutschland werden auch in den USA viele der Bediensteten wirklich nicht das bezahlt bekommen, was sie wirklich verdienen!
Wenn die Beamten & Angestellten wirklich ehrlich zu sich waeren, dann muessten bestimmt mehr als 66.6% am Monatsende, ihre im Voraus erhaltenen Bezuege ( Gehalt plus Verguenstigungen, Pensionsansprueche) zu 30 % an den Staat zurueckgeben!
So, wie auch so manche BAFOEG-Empfaenger!

pendler

01.10.2013, 11:57 Uhr

Evtl. wollen die USA doch etwas weniger Geld im öffentlichen Dienst vernichten. Das könnte der Grund für den Anstieg der Börsen sein.

Iwa kommt es dann doch wieder zu einer Einigung und bis dahin sollten die Long Derivate auf die Banken plaziert sein.

Eine wunderbare Welt in der wir leben.

daschaumaleiner

01.10.2013, 11:59 Uhr

Ja, dafür muß man sich schon ganz schön verbiegen, um das zu verstehen! Nach Schulbuch läuft es zumindest nicht! Meine Meinung ist die, das da etwas krank ist und nicht ganz normal läuft! Natürlich war es bisher immer so, das die Welt nicht zugrunde geht. Aber es scheint die Auffassung zu überwiegen, das in dieser Situation die FED definitiv kein "Tapering" durchsetzen wird und dann ist man auch wieder zufrieden und läßt die Puppen tanzen. Man muss sich mal überlegen. Seit mehreren Jahren können sich in USA die Parteien nicht mehr auf eine Haushalt verständigen und es läuft weiter nach dem Motto: dann machen wir alles weiter wie bisher! Und die Diskussion um die Schuldengrenze ist doch ebenso krank! Die ganze Welt schaut auf Europa und kackt sich in die Hose, weil die Sparprogramme endlich umesetzt werden sollen , aber nicht so laufen wie geboten...aber alle Welt fordert die USA auf, nun endlich einfach die Schuldengrenze wieder einmal weiter nach oben zu setzten, weil es sonst nicht weiter nach oben läuft!? Was ist das für eine Substanz, die wir uns hier schön-saufen mit der ganzen Kohle?!

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