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20.08.2012

20:39 Uhr

Solar Millennium

Die Sonne, die Gier und die Blender

VonMassimo Bognanni

30.000 Anleger haben Solar Millennium vertraut - und viel Geld verloren. Auch Politiker, Topmanager und Börsenexperten sind reingefallen. Recherchen des Handelsblatts zeigen ein System aus Gier und Größenwahn.

Firmenschild: Solar Millenium hat Insolvenz angemeldet. Die Anleger bangen um ihr Geld. dapd

Firmenschild: Solar Millenium hat Insolvenz angemeldet. Die Anleger bangen um ihr Geld.

DüsseldorfAlles begann mit dem Turmbau zu Namibia. Geplant war ein gigantisches Bauwerk, das mit fast tausend Meter Höhe zum höchsten Gebäude der Welt werden sollte. Dem Turm sagten seine Planer wahre Wunder nach: Er könne aus heißer Luft Geld machen.

Technisch schien das tatsächlich möglich - mit der Aufwindkraft. Rund um den Turm, so priesen ihn die Planer an, sollte eine weitläufige Fläche mit Glas überdacht werden. Wenn die Sonne darauf scheine, würde sich die Luft unter dem Glas wie in einem Treibhaus erhitzen. Durch das Gebäude, konstruiert wie ein Schornstein, würde die heiße Luft in die Atmosphäre entweichen. Der dabei entstehende Aufwind sollte Turbinen im Inneren des Turms antreiben und so Strom erzeugen.

Die Gründer der Solar Millennium AG (SMAG) traten Ende der neunziger Jahre an, um aus der faszinierenden Idee Geld zu machen. Hannes Kuhn, ein Steuerberater aus Erlangen, Ingenieur Henner Gladen und Rechtsanwalt Harald Schuderer warben in Hochglanzbroschüren für ihr Großprojekt. Die Kosten schätzten sie auf 800 bis 900 Millionen Mark. Das Problem: Es fehlte das Geld.

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Es war nur ein kurzes Intermezzo. 74 Tage amtierte der Ex-EnBW-Chef Utz Claassen als Vorstandsboss der Solar Millennium AG, dann kündigte er. Warum Claassen mit den betroffenen Anlegern des Pleite-Unternehmens fühlt.

Um an Startkapital zu kommen, legte das Gründerteam 1998 den "Solar Century Fonds 1" auf. Ein Jahr später folgte der "Solar Millennium Fonds 2". Der Bau eines einzelnen Aufwindkraftwerks sichere eine Rendite von 25,3 Prozent, folge ein zweites, seien es sogar 107,8 Prozent, versprach das Unternehmen 1999. "Mit der Sonne Geld verdienen", hieß der Prospekt. "Unbeherrschbare Risiken" gebe es nicht. Das überzeugte: Rund 1 200 Anleger investierten 16,6 Millionen Mark in die beiden Fonds.

Doch der gigantische Turm wurde niemals gebaut, die Fabelrenditen wurden niemals erzielt. Es blieb bei vielen Konjunktiven: sollte, würde, könnte. Als Ausgleich für ihre Fondsanteile, die nichts mehr wert waren, bekamen die Geldgeber im Jahr 2001 Aktien der neuen Solar Millennium AG.

Der Turm von Namibia sollte nicht das einzige Großprojekt der SMAG bleiben, das sich in Luft auflöste. Die angepriesenen Projekte wurden immer gigantischer - das "größte solartechnische Kraftwerk der Welt" in Jordanien, der "größte Solarkraftwerksstandort der Welt" im kalifornischen Blythe. Doch keines der Prestigeprojekte wurde unter Federführung der SMAG Realität. Nur drei Solarkraftwerke in Spanien und ein Hybrid-Kraftwerk in Ägypten wurden wirklich fertiggestellt.

Kommentare (23)

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Account gelöscht!

01.07.2012, 14:29 Uhr

Wen bezeichnen sie hier als Parasiten? Es hat doch die Richtigen, die Dummen erwischt. Das nennt man Evolution. Wer glaubt ein Geschäftsmodell, das nur auf Subventionen und ökoromantischen Phantastereien aufgebaut ist sei nachhaltig, gehört in den Orkus derselben.

anacondafucker

01.07.2012, 14:43 Uhr

Wenn Sie den Artikel richtig lesen werden Sie feststellen,
daß unter anderem Subventionen vom Bundesumweltministerium kamen und dies sind auch Ihre Steuergelder, wenn ich davon ausgehe, daß Sie diese immer brav entrichten.

Account gelöscht!

01.07.2012, 14:59 Uhr

Die Angel, der Köder und die Beute. Meine Aufgabe als Kreativer ist es, Köder schmackhaft zu machen, denn die Hochglanzprospekte und Werbefilme machen sich nicht von selbst. Werbung ist immer nur ein Geschäft mir der Illusion. Wer tatsächlich noch glaubt, was in den unzähligen Prospekten geschrieben steht, ist nicht zu bemitleiden. Eine gekonnt und gelungene Inszenierung. Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern, denn es gibt noch viele Träumer, die Investoren für ein Schneeballsystem suchen. Neue Köder sind schon ausgelegt. Druckfrisch aus der Presse. Werbung. Gute Unterhaltung mit Mehrwert.

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