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09.03.2012

12:19 Uhr

Sorgenkinder der EU

Ist Portugal als Nächstes dran?

Der Schuldenschnitt für Athen kommt. Doch an den Märkten überwiegt die Skepsis. Zweifel an Portugal und CDS mehren die Unsicherheit. Die Risikoaufschläge für portugiesische Anleihen ziehen bereits an.

Die Renditen auf portugiesische Staatsanleihen steigen zeitweise über 15 Prozent. dpa

Die Renditen auf portugiesische Staatsanleihen steigen zeitweise über 15 Prozent.

Frankfurt, DüsseldorfManch einer hatte Zweifel, ob es noch etwas wird. Doch er kommt: der Schuldenschnitt für Griechenland. Es haben sich genügend private Gläubiger beteiligt, heißt es am Freitag aus dem griechischen Finanzministerium

Gelöst sind die Probleme Griechenlands damit noch nicht, von einer finalen Rettung kann noch lange nicht die Rede sein. Lediglich der schlimmste Druck der Staatsschulden wird gelindert. Ohne Umschuldung kein weiteres Rettungspaket der Eurozone. Doch es bleibt viel Unsicherheit an den Märkten.

Schuldenschnitt: Griechenland erkämpft Enteignung der Gläubiger

Schuldenschnitt

Griechenland erkämpft Enteignung der Gläubiger

Athen holt zum entscheidenden Schlag aus: Nachdem die Gläubiger dem Schuldenschnitt mit großer Mehrheit zugestimmt haben, werden nun auch die letzten Investoren enteignet. Doch gerettet ist das Land damit nicht.

„Kurzfristig herrscht zwar Sicherheit, weil nun erst einmal Fakten geschaffen wurden“, kommentierte Florian Weber, Handelsvorstand bei der Schnigge Wertpapierhandelsbank. „Für viele Marktteilnehmer ist mit der Umschuldung die Büchse der Pandora geöffnet. Das komplette Ausmaß ist noch nicht absehbar und die Frage ist: Was kommt nach Griechenland?“

Entsprechend zurückhaltend waren die Reaktionen an den Finanzmärkten. Investoren honorierten am Freitag zwar die mit knapp 86 Prozent recht hohe Zustimmung privater Gläubiger zum Schuldenschnitt. Für die angestrebte Entlastung ist allerdings eine Quote von 90 Prozent nötig. Nun wird die Enteignung weiterer Investoren, die bisher nicht freiwillig verzichten wollten, folgen. Zwangsumtausch heißt das Zauberwort, genauer Umschuldungsklausel CAC.

Damit verbunden ist für Anleger ein entscheidender Unsicherheitsfaktor: Was passiert, wenn die Kreditausfallversicherungen (CDS) gezogen werden? Der Zwangsaustausch dürfte vom Derivate-Verband ISDA höchstwahrscheinlich als „Kreditereignis“ eingestuft werden, sodass die Voraussetzungen zur Auszahlung von Kreditausfallversicherungen gegeben wären.

Kreditausfallversicherungen (CDS)

Was sind Kreditausfallversicherungen?

Mit Credit Default Swaps (CDS) - zu deutsch Kreditausfallversicherungen - können sich Investoren gegen einen möglichen Zahlungsausfall zum Beispiel einer Staatsanleihe oder eines Firmenbonds absichern. Kann der Schuldner nicht zahlen, springt der Versicherer ein. Vorausgesetzt er hat ausreichend dafür vorgesorgt - was nicht immer der Fall ist. 2008 stand der damals größte Emittent solcher Produkte, der US-Versicherungsriese American International Group (AIG), kurz vor der Pleite. Damals ging es um CDS auf den Ausfall hochspekulativer Wertpapiere, die Kredite für den amerikanischen Häusermarkt bündelten. Der Versicherungskonzern konnte die Schadenssummen aus den Ausfällen nur zahlen, weil er vorher vom Staat gerettet wurde.

Wer verdient an den CDS?

Zuerst einmal derjenige, der das Risiko versichert - das kann beispielsweise eine Bank sein. Je schlechter ein Land da steht, desto höher die Summe, die für eine Kreditausfallversicherung gezahlt werden muss. Die Prämien für mögliche Ausfälle Griechenlands oder anderer hoch verschuldeter Euro-Staaten sind deutlich gestiegen. Mit Kreditausfallversicherungen wetten aber auch Zocker auf eine schlechtere Bonität der Schuldner, ohne die entsprechenden Staatsanleihen zu besitzen. Dem schiebt die EU weitgehend einen Riegel vor, weil die Praktiken nach gängiger Meinung den Kursverfall von Staatsanleihen künstlich beschleunigt haben. Prinzipiell sollen sich von November 2012 an nur noch Investoren den Schutz über CDS kaufen können, die entsprechende Staatsanleihen halten.

Warum stehen CDS in der Kritik?

CDS werden nicht an der Börse gehandelt, der Markt gilt als wenig transparent und es gibt bisher keine staatliche Kontrolle über die ausgegebenen Papiere. Welche Investoren wie viele CDS auf Griechenland-Anleihen in ihren Büchern haben, ist kaum zu durchschauen. Der Wirtschaftswissenschaftler Thomas Mählmann von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt sieht daher „dringenden Handlungsbedarf“. „CDS sind durchaus sinnvoll. Aber es
muss klar sein, wer welches Risiko trägt. Es darf keinen zweiten AIG-Fall geben“.

Was ist das Risiko?

Viele Finanzhäuser haben ihr Engagement in Griechenland-Anleihen verringert. Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass sie die Papiere verkauft haben. Das Risiko lässt sich auch durch den Erwerb von CDS minimieren. „Die entscheidende Frage ist daher, wo das Risiko geblieben ist. Die Anleihen sind ja nicht verschwunden. Durch die CDS wurde das Risiko lediglich umverteilt“, sagt Mählmann. Zwar führt der amerikanische Finanzdienstleister
Depository Trust & Clearing Corp (DTCC) ein zentrales Register, das Auskunft über die Volumina der Produkte gibt. „Doch CDS müssen nicht darüber laufen. Es gibt nach wie vor keine richtige Transparenz“, kritisiert Mählmann. (Quelle: dpa)

Aktienstratege Carsten Klude von MM Warburg sprach von einem „temporären Durchatmen“ am Markt. „Eine nächste Hürde ist genommen, aber wegen des Unsicherheitsfaktors Zwangsumtausch könnten die Finanzmärkte noch einmal gut durcheinander geraten.“ Niemand könne vorhersagen, wie viele CDS dann gezogen würden und welche Auswirkungen das haben könne. Am Mittag will sich der griechische Finanzminister Evangelos Venizelos zum Schuldenschnitt äußern, kurz danach folgt die Einschätzung der ISDA. Marktstratege Michael Harbisch von Jefferies erwartet eine Ernüchterungsphase, nachdem Griechenland-Gerüchte die Märkte zunächst angetrieben hätten.

Credit Default Swaps: Zittern vor der Kettenreaktion

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Zittern vor der Kettenreaktion

Mit Nebenwirkungen: Griechenland zwingt seinen Gläubigern den Schuldenschnitt auf.

Am Anleihemarkt wurde die Resonanz auf das griechische Tauschprogramm mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Die Renditen auf italienische und spanische zehnjährige Staatsanleihen gaben nach. Italiens Staatanleihen rentierten bei 4,7 Prozent nach 4,8 Prozent im Vortagesgeschäft. Die spanischen Pendants warfen 5,0 Prozent ab nach knapp 5,1 Prozent. Nach Einschätzung des Chefvolkswirts der Bremer Landesbank, Folker Hellmeyer, sind die Ansteckungseffekte für diese Reformländer nun „markant minimiert“.

Kommentare (4)

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Petra

09.03.2012, 13:10 Uhr

Die richtige Frage lautet: "WANN ist Portugal dran?" und "WANN folgen Italien und Spanien?" und letztendlich "WANN will oder kann Deutschland diese Dolce-Vita-Nationen nicht mehr unterstützen?"
Klar dürfte auch sein, das Griechenland weitere Hilfspakete benötigt. Wer finanziert das alles? Italien? Portugal? Spanien?

papadopoulos-figo

09.03.2012, 13:22 Uhr

nach dem syrtaki ist vor dem fado.
rehakles ist besiegt. jetzt geht es gegen ronaldo.
wacht endlich auf, ihr aufseher und politiker, bevor es zu spät ist. man schaue mal in die bilanzen der banken, die denken, sie können mit cds als versicherungsgeber geld verdienen und nun böse erwachen. 1 mrd euro cds bedeuten im credit-event-fall ganz schnell mal 800 mio euro miese und das cash in die täsch. hallo, vorstände, ist euch das bewusst? und, hallo, ihr aufseher, warum greift ihr da nicht ein? oder, besser nicht... ist ja besser für meine provisionen. so, zurück zum zocken.

Account gelöscht!

09.03.2012, 21:13 Uhr

Merkt denn niemand, welches letzte Gefecht hier läuft?
Angelsächsiche Finanzoligarchen, zu denen auch europäische Mulitmilliardäre, wie das niederländische Königshaus gehören, hinterlassen verbrannte Erde für die, die unablässig Land gewinnen. Da wird, wie gestern ein feierlicher Zapfenstreich, zum Spiessrutenlauf für Euro, Pfund und Dollar. In der Schweiz sieht man´s klar:
http://www.tagesanzeiger.ch/wirtschaft/geld/Der-Dollar-bekommt-Konkurrenz-aus-China/story/22493946

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