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01.03.2012

14:39 Uhr

Spanien leiht Milliarden

Das Doping der EZB wirkt schon

Einen Tag nachdem die EZB die Banken mit billigem Geld versorgt hat, besorgt sich Spanien frisches Kapital zu deutlich günstigeren Konditionen. Kritiker sprechen von Staatsfinanzierung durch die Hintertür.

Eine spanische Ein-Euro-Münze. dpa

Eine spanische Ein-Euro-Münze.

Der zweite Megatender der Europäischen Zentralbank (EZB) entfaltet am Rentenmarkt bereits seine Wirkung. Die von Anlegern geforderten Risikoaufschläge für Anleihen südeuropäischer Länder gingen am Donnerstag merklich zurück, nachdem die EZB den Banken der Euro-Zone am Mittwoch fast 530 Milliarden Euro zu ultra-niedrigen Zinsen zur Verfügung gestellt hatte.

Vor allem an italienischen Papieren mit zehnjähriger Laufzeit  ließ sich die Entspannung ablesen, deren Rendite zum ersten Mal seit August unter fünf Prozent fiel. Eine erfolgreich verlaufende Auktion neuer Anleihen von Spanien und Frankreich sorgte für zusätzliche Erleichterung. Mit der Rückkehr der Risikolust verloren Investoren zugleich ihr Interesse an Bundesanleihen. Der Bund-Future ging um 34 Ticks auf 139,55 Punkte zurück.   

Die Instrumente der EZB

Veränderung des Leitzinses

Mit der Veränderung des Leitzinses reagiert die EZB in erster Linie auf die Inflation im Euro-Raum. Steigen die Preise deutlich, zieht die Notenbank die geldpolitischen Zügel in der Regel an. Höhere Zinsen verteuern aber auch Kredite. Daher können sie Gift sein für die lahmende Wirtschaft von Krisenländern wie Griechenland oder Portugal. Die EZB muss also die Inflation bekämpfen, ohne die Konjunktur in den 17 Mitgliedstaaten des Euro-Raums abzuwürgen. Die Zinspolitik ist normalerweise das herausragende Instrument der Notenbank. In Krisenzeiten greift sie aber auch zu unkonventionellen Maßnahmen.

Ankauf von Wertpapieren

Nach dem Ausbruch der Euro-Schuldenkrise 2010 hat die EZB die Notenpresse angeworfen, um im großen Stil Staatsanleihen von Euro-Krisenstaaten zu kaufen. Die Währungshüter reagieren damit auf steigende Renditen für Anleihen der Schuldensünder. Für Portugal, Irland, Griechenland und zuletzt auch für Spanien und Italien war es dadurch teurer geworden, sich frisches Geld zu besorgen. Nach dem Einschreiten der EZB sanken die Renditen. Die Notenbank hat derzeit Anleihen von Problemstaaten im Volumen von 156,5 Milliarden Euro in ihren Büchern stehen, die sie auf dem sogenannten Sekundärmarkt gekauft hat, also beispielsweise bei Banken. Die EZB lässt sich ihr Engagement verzinsen. Gehen die Länder pleite, bleibt sie aber zumindest auf Teilen ihrer Forderungen sitzen.

Liquidität

Seit dem Ausbruch der Finanzkrise vor drei Jahren versorgt die EZB die Banken großzügiger mit Geld als sonst. Sie stellt ihnen Kredite mit verschiedenen Laufzeiten zur Verfügung. Zuletzt drehte die EZB den Geldhahn wieder weit auf, weil die Kreditinstitute zögern, sich gegenseitig Geld zu leihen. Banken konnten sich für sechs Monate zum Leitzins von 1,5 Prozent so viel Geld borgen wie sie wollten (Vollzuteilung). In „normalen Zeiten“ sind die Laufzeiten kürzer und es wird nur eine festgelegte Summe versteigert. Daneben vergibt die EZB Darlehen mit kürzerer Laufzeit und mit begrenzter oder voller Zuteilung. Kritiker werfen der Notenbank vor, den Markt mit Geld zu fluten und damit neuen Finanzspekulationen Vorschub zu leisten.

Intervention an Devisenmärkten

Starken Wechselkursschwankungen können die Notenbanken mit dem Kauf oder Verkauf von Devisen begegnen. Die EZB setzte dieses Instrument im Jahr 2000 ein, als der Euro gegenüber dem Dollar einen Schwächeanfall erlitt. Im Kampf gegen einen zu starken Franken, der die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Exportindustrie belastet, hatte die Schweizer Nationalbank SNB erstmals seit mehr als 30 Jahren eine Obergrenze für den Frankenkurs eingeführt, die sie unter allen Umständen verteidigen will, indem sie Franken auf den Markt wirft und damit Euro kauft. Bei massiven Attacken gegen eine Währung können allerdings auch Notenbanken in die Defensive geraten. So wettete der legendäre Hedge-Fonds-Gründer George Soros im Jahr 1992 erfolgreich gegen das britische Pfund und zwang die Bank of England in die Knie.

Kommunikation

EZB-Präsident Mario Draghi ist äußerste Aufmerksamkeit gewiss, wann immer er sich äußert. Manchmal reicht schon die Andeutung, dass die Notenbank aktiv werden könnte, um Spekulationen beispielsweise auf den Devisenmärkten zu beenden. Zugleich ist die EZB bemüht, die Märkte mit ihren Zinsentscheidungen nicht unnötig zu überraschen. Die EZB will - zumindest für Finanzprofis - berechenbar bleiben, damit nicht starke Wechselkurs- oder Aktienkursschwankungen das Vertrauen der Bürger in die Gemeinschaftswährung Euro erschüttern.

Neben den italienischen Anleihen mit zehnjähriger Laufzeit waren auch die zweijährigen Titel beliebt. Die Rendite fiel unter zwei Prozent auf 1,88 Prozent von 2,22 Prozent am Vortag. Im November 2011 hatte die Rendite noch bei über acht Prozent gelegen. Zum Vergleich: Die aktuelle Rendite vergleichbarer Bundespapiere liegt bei etwa 0,19 Prozent.

Von den 530 Milliarden Euro EZB-Geld gingen 139 Milliarden Euro an italienische Banken, die laut Börsianern einen Teil dieser Mittel für den Kauf von Staatsanleihen ausgeben dürften.  

Kommentare (35)

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Account gelöscht!

01.03.2012, 12:04 Uhr

Irgendwann nach dem Doping kommt das Leber- oder Nierenversagen. Wir werden ja sehen.

Account gelöscht!

01.03.2012, 12:06 Uhr

geld, geld, immer mehr geld.

die wunden der dotcom- und subprime-krise klaffen noch immer. nur durch die rettung der darin verstrickten banken haben sich die schulden vieler staaten schlagartig erhöht.

die gefahr besteht darin, dass all das geld irgendwo eine bevorzugte anlage finden wird. und dann wird der heuschreckensturm wieder einsetzen. gewaltiger denn je. das ganze ist wie ein in schieflage geratener supertanker in dem all das geladene öl in nur eine ecke fließt. in folge gibt es wieder einen boom & bust zyklus - aufgrund der größenordnung und internationaler vernetzung auf globaler ebene - nur wird mittlerweile klar, dass inzwischen jeder bust der letzte sein könnte. das system kann so nicht überleben. die regulierung der finanzintermediäre und deren produkte müsste über alle rechtsräume hinweg ähnliche schnelle fortschritte machen wie die notenpresse rotiert. das gegenteil ist der fall. vor allem london und die wall street torpedieren hier nach kräften und laden historische schuld auf sich. in diesem system ist der finanznukleare holocaust nur eine frage der zeit

Joe

01.03.2012, 12:14 Uhr

Ich formuliere es ganz einfach:

Da die EZB nicht direkt Staatsanleihen kaufen darf, gibt die EZB den Pleite-Banken frisch gedrucktes Geld, damit die dann für die EZB Staatsanleihen kaufen. Dafür bekommen die Pleite-Banken die Zinsen als Belohnung.

Aber an der Situation hat sich und wird sich nichts ändern. Diese Staaten werden sowieso Pleite gehen.

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