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09.10.2014

16:01 Uhr

Spie sagt ab, andere zweifeln

Die Angst vor dem IPO-Flop

Das Beispiel Rocket Internet schreckt anscheinend ab: Der französische Industriedienstleister Spie cancelte im letzten Moment seinen Börsengang wieder. Und auch andere Unternehmen überdenken ihre Börsenpläne.

Gauthier Louette, CEO des französischen Industriedienstleisters Spie. Der Konzern hat in letzter Minute einne Rückzieher vom geplanten Börsengang gemacht. AFP

Gauthier Louette, CEO des französischen Industriedienstleisters Spie. Der Konzern hat in letzter Minute einne Rückzieher vom geplanten Börsengang gemacht.

London/ParisEine Woche nach den missglückten Börsendebüts von Zalando und Rocket Internet ist die Aktien-Euphorie in Deutschland der Ernüchterung gewichen. Zwei der nächsten drei Kandidaten für die Frankfurter Börse zögern Finanzkreisen zufolge die Entscheidung wegen der schlechten Stimmung am Aktienmarkt hinaus. Der Online-Marktplatzbetreiber Scout 24 und die Gewerbeimmobilien-Firma TLG Immobilien wollen noch einige Tage abwarten, ehe sie ihre weit gediehenen Vorbereitungen für einen Börsengang fortsetzen. „Es macht überhaupt keinen Sinn, die Aktien gegen die Stimmung am Markt an die Börse zu drücken“, sagte einer der Insider am Donnerstag. Auch eine Verkleinerung des Volumens sei möglich.

In Paris ist der größte Börsengang seit der Finanzkrise geplatzt: Der französische Industriedienstleister Spie, der bis zu 1,2 Milliarden Euro einsammeln wollte, zog am letzten Tag der Zeichnungsfrist mangels Nachfrage den Stecker. Der IPO (Initial Public Offering) werde auf unbestimmte Zeit verschoben. Die Pariser Börse hat binnen fünf Wochen sieben Prozent verloren. Und bei der italienischen Kosmetikfirma Intercos<IPO-INT.MI> waren die Orderbücher kurz vor Schluss auch am unteren Ende der Spanne erst zu drei Vierteln gefüllt. Bei wackligen Märkten greifen die Anleger lieber zu bewährten, bereits an der Börse notierten Aktien, als sich auf neue, unbekanntere Werte einzulassen. „Das Interesse ausländischer Investoren lässt ein wenig nach“, sagte ein Fondsmanager.

So läuft ein Börsengang ab

1. Auswahl einer Emissionsbank

Hat sich die Führungsebene eines Unternehmens zu einem Börsengang entschlossen, sind diverse Vorbereitungen zu treffen. Zunächst müssen Gespräche mit Banken geführt werden, um einen geeigneten Partner bei der Durchführung des IPO zu finden. Im weiteren Verlauf wird in der Regel eine der Banken zum Konsortialführer bestimmt, oftmals gehören dem Konsortium weitere Banken an, die an der Emission ebenfalls beteiligt werden.

2. Durchführung einer Unternehmensanalyse

Um die geplante Gesellschaft zu analysieren, wird eine Due Diligence-Prüfung durchgeführt. In deren Verlauf wird der Unternehmenswert ermittelt. Die Analyse mündet in der Formulierung eines rechtlich verbindlichen Börsenprospektes, der Voraussetzung für den Handel an der Börse ist.

3. Roadshow

Im Rahmen einer so genannten Roadshow wirbt das Unternehmen auf Basis des Börsenprospektes Investoren für den eigenen Börsengang. Dabei werden die Informationen der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Ziel einer Roadshow ist es darüber hinaus, das potenzielle Interesse an den Aktien des eigenen Unternehmens auszuloten.

4. Festlegen eines Emissionspreises

Nach der Roadshow legen die Konsortialbanken eine ihrer Meinung nach angemessene Preisspanne fest, in deren Rahmen die Unternehmensaktien gezeichnet werden sollten. Der Emissionspreis liegt gemeinhin im Rahmen dieser so genannten Bookbuildingspanne und wird in Folge festgelegt. Alternativ kann die Gesellschaft auch einen Festpreis bestimmen.

5. Zuteilung der Aktien

Nach Festlegung des Emissionspreises können die Anteilsscheine den Investoren zugeteilt werden. Dabei werden die Aktien öffentlich zur Zeichnung angeboten. Während dieser vorher festgelegten Zeichnungsfrist legen sich potenzielle Anleger auf eine bestimmte Stückzahl fest. Ist die Nachfrage nach Aktien größer als das Angebot, spricht man davon, dass der Börsengang "überzeichnet" ist. Dann wird bestimmt, wie die Anteilsscheine zugeteilt werden.

6. Erstnotiz

Nach erfolgreicher Zuteilung der Aktien werden die Papiere erstmals an den Börsenparketts gehandelt. Dabei wird ein erster Kurs festgestellt, die so genannte Erstnotiz. Von diesem ersten Börsenkurs ist abhängig, ob die Investoren – in Abhängigkeit von dem gezahlten Emissionspreis – Zeichnungsgewinne oder -verluste einfahren.

7. Regulärer Handel an der Börse

Die Anteilsscheine können nun regulär am Kapitalmarkt gehandelt werden. Allgemeine Informationen zum Kauf und Verkauf von Wertpapieren können Sie zum Beispiel hier einsehen.

Quelle

„Rocket Internet und Zalando haben dem IPO-Markt einen Dolchstoß versetzt“, sagte ein Banker, der derzeit an mehreren Börsengängen arbeitet. „Ob es der Todesstoß war, muss sich erst noch zeigen.“ Beide Aktien waren nach der Erstnotiz um rund 20 Prozent abgestürzt, ehe sie am Donnerstag um je fünf Prozent zulegten. Scout 24 hatte eigentlich noch in dieser Woche sein Vorhaben, an die Börse zu gehen, offiziell machen wollen, wie mehrere mit den Plänen vertraute Personen der Nachrichtenagentur Reuters sagten. Das werde sich nun bis nächste Woche verzögern. „Das wird jetzt von Tag zu Tag entschieden“, sagte einer der Insider. „Hellman & Friedman will aus dem Börsengang eine Erfolgsgeschichte machen“, sagte ein anderer. „Die müssen nicht verkaufen, wenn der Dax unter 9000 fällt.“ Bei Hellman & Friedman handelt es sich um den Haupteigner von Scout 24.

Der deutsche Leitindex Dax hatte am Mittwoch zum ersten Mal seit einem Jahr unter der Marke von 9000 Punkten geschlossen, die Hoffnung auf eine rasche Erholung zerstob am Donnerstag rasch wieder.

TLG Immobilien hatte den Börsengang vor zwei Wochen schon angekündigt, der Börsenprospekt wäre eigentlich in dieser Woche fällig gewesen. Nun zögert der US-Finanzinvestor Lone Star aber mit der Veröffentlichung, die die Zeichnungsfrist einläutet. Der TLG-Eigentümer hatte vor drei Jahren bei der Privatisierung der Treuhand-Liegenschaftsgesellschaft (TLG) den Zuschlag bekommen und wollte nun den Einstieg in den Ausstieg schaffen. „Lone Star wird das nicht um jeden Preis machen“, sagte ein Banker. „Wenn man jetzt an die Börse geht, ist es mutig. Macht man es nicht, wird das niemand kritisieren.“ Scout24 und TLG können den Start noch bis Ende Oktober hinauszögern, ohne aus rechtlichen Gründen mit den Vorbereitungen von vorne anfangen zu müssen.

Der Berliner Kabelanbieter Tele Columbus lässt sich dagegen bei seinen Börsenplänen nicht beirren: Der Prospekt solle wie geplant Ende der Woche veröffentlicht werden, sagten mehrere Insider. Von Anfang kommender Woche an könnten die Tele-Coolumbus-Aktien dann gezeichnet werden. Die Emission könnte rund 500 Millionen Euro schwer werden. Das Unternehmen gehört einer Vielzahl von Banken und Hedgefonds, die billig bei Tele Columbus eingestiegen waren.

Hinweis: In der ursprünglichen Version des Artikels war nur über den abgesagten Börsengang des französischen Industriedienstleisters Spie berichtet worden.

Von

rtr

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