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08.11.2011

17:22 Uhr

Staatsanleihen

Anleger wenden sich von Italien ab

VonRalf Drescher

Italien rückt näher an den Abgrund. Die Renditen italienischer Staatsanleihen erreichen neue Rekorde. Schon bald könnte der Punkt erreicht sein, an dem sich Italien nicht mehr am Kapitalmarkt finanzieren kann.

Schuldenkrise in Europa: Wenn Italien seine Finanzen nicht in den Griff bekommt, droht dem Euro der Wertverfall. dpa

Schuldenkrise in Europa: Wenn Italien seine Finanzen nicht in den Griff bekommt, droht dem Euro der Wertverfall.

DüsseldorfGeht er oder geht er nicht? Die Gerüchte über die Zukunft von Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi überschlagen sich. Am Montag hieß es noch, ein Rücktritt stehe unmittelbar bevor. Wenig später folgte das Dementi. Berlusconi klammert sich an die Macht. Jetzt steht der italienische Regierungschef offenbar kurz vor dem Aus. Bei einer Abstimmung für den Rechenschaftbericht erzielte Berlusconi zwar die Mehrheitv der Stimmen. Das gelang aber nur, weil die Opposition für die Regierung stimmte. „Das Votum zeigt, dass die Regierung in der Kammer keine Mehrheit hat“, sagte Oppositionsführer Pierluigi Bersani von der linksgerichteten PD (Demokratische Partei).

Das Ergebnis offenbart eine Regierungskrise in Italien, Berlusconi hat die absolute Mehrheit verloren und die Zukunft Italiens bleibt ungewiss - mit oder ohne einen Regierungschef Berlusconi . An den Märkten wird jede Wendung in der politischen Dauerkrise mit großer Nervosität verfolgt. Ein Rücktritt Berlusconis gilt vielen als positives Szenario. Die meisten Anleger trauen dem 75-Jährigen nicht zu, Italien aus der Krise zu führen. Das Gerücht vom Rückzug des Ministerpräsidenten sorgte am Montag für Kursgewinne am Aktienmarkt. Und auch die Kurse italienischer Staatsanleihen stiegen kurzzeitig an, nachdem sie zuvor auf Tiefststände gefallen waren.

Am Dienstag wiederholte sich das Bild. Die Mini-Erholung am Bondmarkt verpuffte schnell. Am Morgen nahmen italienische Staatspapiere ihre Talfahrt wieder auf. Der Kurs für zehnjährige Anleihen sank auf gut 86,50 Prozent. Die Renditen, die sich gegenläufig zu den Kursen bewegen, erreichten einmal mehr Rekordhöhen: Zehnjährige Anleihen warfen in der Spitze 6,74 Prozent Rendite ab. Der Renditeabstand zu deutschen Bundesanleihen stieg auf fast fünf Prozentpunkte.

Später drehten Kurse und Renditen der Staatsanleihen erneut die Richtung. Doch eine nachhaltige Entspannung ist nicht in Sicht. Nach der verlorenen Abstimmung liegt die Rendite für zehnjährige Anleihen bei aktuell bei 6,66 Prozent und der Kurs bei 87 Euro.

Das sind Italiens größte Probleme

Der Schuldenberg

Italien schiebt nach Griechenland den größten Schuldenberg aller Euro-Länder vor sich her: Er ist rund 1,9 Billionen Euro groß, was 120 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung entspricht. Die EU-Verträge erlauben nur eine Obergrenze von 60 Prozent. Der Berg wird noch weiter wachsen, weil die Regierung erst ab 2013 ohne neue Schulden auskommen will.

In diesem Jahr erwartet sie eine Defizit von 3,8 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, 2012 soll die Neuverschuldung auf 1,4 Prozent fallen.

Hohe Neuverschuldung

Auch bei der Neuverschuldung dürfte Italien in diesem und im kommenden Jahr die Defizitgrenze von drei Prozent reißen: Die EU-Kommission rechnet mit einem Minus von 4,0 und 3,2 Prozent. Erst 2014 will die Regierung ohne neue Schulden auskommen.

Schwaches Wachstum

Im Vergleich zu den anderen großen Euro-Ländern Deutschland und Frankreich kommt Italien nicht in Schwung. Die EU-Kommission senkte erst vor wenigen Tagen ihre Wachstumsprognose für 2011 von 1,0 auf 0,7 Prozent. Zum Vergleich: Die gesamte Währungsunion dürfte mit 1,6 Prozent mehr als doppelt so schnell wachsen. Rasche Besserung ist nicht in Sicht: Italien macht zu schaffen, dass die Exporteure ihre Waren vorwiegend an andere Euro-Länder liefern und damit nicht so stark vom Boom der Schwellenländer profitieren wie ihre deutschen Konkurrenten. Gleichzeitig leidet die Binnenwirtschaft unter schrumpfenden Bauinvestitionen. Der private Konsum kommt wegen der hohen Arbeitslosigkeit und steigender Preise nicht recht in Schwung. Er leidet zudem unter Steuererhöhungen der Regierung, die im Kampf gegen die hohen Schulden beispielsweise die Mehrwertsteuer von 20 auf 21 Prozent angehoben hat.

Export und Konsum

Demnach verlieren Italiens Exporteure Weltmarktanteile, weil sie ihre Produkte vorwiegend in die anderen Euro-Länder liefern und damit nicht so stark vom Boom der Schwellenländer profitieren wie ihre deutschen Konkurrenten. Gleichzeitig leidet die Binnenwirtschaft unter schrumpfenden Bauinvestitionen. Auch der private Konsum dürfte wegen der hohen Arbeitslosigkeit und steigender Preise nur moderat zulegen.

Kommentare (8)

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Profit

08.11.2011, 12:15 Uhr

Alle Kommentare und Kommentatoren kann man vergessen. Professor Hankel und seine Mitstreiter haben alles, aber auch wirklich alles von Anfang im Zusammenhang mit dem Euro erklärt und das Richtige prognostiziert! Eine Politiker-, Journalisten- und Juristenklasse wollten nicht hören und die "Hankel-Gruppe" totschweigen. Jetzt hat es der Letzte begriffen: Der Euro ist das Jahrhundertprojekt zur endgültigen finanziellen Vernichtung Europas! Man kann jetzt nur noch an das berühmte Wort von Bertold Brecht erinnern: Das Gegenteil von "gut" ist "gut gemeint". Unsere Politiker hatten es mit dem Euro ach so "gut gemeint"...

Hohes-Pro-Kopf-Vermoegen

08.11.2011, 12:28 Uhr

Italien als Ganzes gesehen ist kein armes Land. Eine aktuelle Studie der Allianz weist für Italien ein höheres Pro-Kopf-Vermögen als bei deutschen Bürgern aus. Das Problem Italiens besteht offensichtlich darin, dass seine Wirtschaftsleistung in die Taschen einer Kaste umgeleitet wird, die das Land nach Gutsherrenart regiert. Die Beute dort wächst in dem Maße, wie dem Staat Mittel entzogen werden. Dazu passt ein Milliardär als Staatspräsident, der seinen privaten Hofstaat (= freundliche Umschreibung ) mit Regierungsflugzeugen chauffieren läßt. Es ist geradezu ein Dienst an der Demokratie, wenn Märkte diesem Bokassa-Italien den bequemen Kredit verweigern.

Adolf

08.11.2011, 17:30 Uhr

Die Verschuldung Italiens stammt noch aus der Zeit der Democrazia Cristiana, in den letzten Jahren musste Italien und muss heute noch 15% seines Haushalts allein für die Zinszahlung aufbringen. Ich bin kein Anhänger von Berlusconi, ich weiß nur dass Italien sich in einer sehr schwieriger Lage befindet und glaube nicht dass ein Ministerpräsidentenwechsel etwas bringt. Es kann sogar sein dass eine Verschlechterung eintritt. Was mir besonders missfällt ist die gezielte Verleumdungskampagne gegen irgendjemanden. Eine solche Kampagne hat es nicht einmal gegeben Israels Ex-Präsident Katsav der zu sieben Jahren Haft wegen Vergewaltigung verurteilt wurde. Auch nicht gegen Präsident Clinton und seiner Zigarre.
Es kann doch nicht wahr sein dass fremde Medien über die Politik anderer Länder bestimmen.
Deutsche Medien schon gar nicht.

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