Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

12.12.2011

09:48 Uhr

Staatsanleihen

Beruhigungspille für Anleger wirkt noch nicht

Die Politik versucht alles, um die Märkte zu beruhigen. Doch die Anleger trauen dem nicht. Eine Ratingagentur ist von den Beschlüssen des Krisengipfels nicht überzeugt. Nur einige Spekulanten werden mutiger.

Gläubiger sollen nicht mehr auf ihren Anleihen sitzen bleiben. dapd

Gläubiger sollen nicht mehr auf ihren Anleihen sitzen bleiben.

FrankfurtEs soll eine Beruhigungspille für die Investoren sein - doch sie wirkt noch nicht: Auf dem EU-Gipfel in der vergangenen Woche gestanden die Politiker erstmals ein, dass es ein Fehler gewesen war, Banken und Versicherer bei der Rettung Griechenlands einzubeziehen. Die Märkte habe das verunsichert. Das Verfahren soll deswegen nicht mehr für andere Länder angewendet werden, sagte EU-Präsident Hermann Van Rompuy. Stattdessen werden sich die Euro-Staaten künftig bei einer möglichen Beteiligung des privaten Sektors streng an den Grundsätzen und der Vorgehensweise des IWF orientieren.

Die Gläubiger von Euro-Staatsanleihen werden sich demnach keine Sorgen mehr machen müssen, dass sie häufiger als international üblich zum Schuldenverzicht gedrängt werden. Die bisher vorgesehene "freiwillige" Beteiligung des Privatsektors wird es wohl nicht mehr geben, so die Interpretation der Commerzbank-Volkswirte in einem ersten Kommentar. Im Fall von Griechenland verzichten die privaten Gläubiger freiwillig auf die Hälfte des ausstehenden Geldes. Dadurch wurden keine Zahlungen aus Kreditausfallversicherungen fällig, mit denen sich Investoren gegen Verluste absichern.

Fragen und Antworten zur Kreditwürdigkeit

Warum sind Bonitätsnoten für ein Land wichtig?

Die Noten der drei führenden Agenturen S&P, Moody's und Fitch sind maßgeblich für die Finanzierungskosten der Staaten am Kapitalmarkt. Die Faustregel: Je besser die Bonitätsnote, desto günstiger das Zinsniveau, zu dem ein Land Geld aufnehmen kann.

Gilt diese Faustregel immer?

Es gibt Ausnahmen: So haben die USA trotz immenser Verschuldung und einer Herabstufung durch S&P im vergangenen Sommer nach wie vor keine Probleme, günstig Mittel einzusammeln. Die weltgrößte Volkswirtschaft gilt weiter als „sicherer Hafen“, weil der US-Dollar die globale Leitwährung ist und die Notenbank Fed bereit ist, ihn in unbegrenzten Mengen zu drucken. Diese Quasi-Versicherung gegen einen Zahlungsausfall für US-Staatsschulden überzeugt internationale Gläubiger bislang noch - zumal die Alternativen rar sind.

Welche Konsequenzen hat die S&P-Drohung für die „AAA“-Euroländer?

Die Wahrscheinlichkeit liegt nun laut S&P bei 50 Prozent, dass die verbleibenden Euro-Staaten mit Spitzenbonität ihre Bestnote in den kommenden 90 Tagen verlieren. Das sind neben Deutschland Frankreich,Österreich, Luxemburg, die Niederlande und Finnland. Frankreich, das bereits seit längerem unter Abwertungsdruck steht, könnte sogar gleich um zwei Bonitätsstufen abgesenkt werden. Zudem hat in Moody's auch die zweite große Ratingagentur das Land auf dem Kieker. Für die Euro-Rettung ist dies äußerst brisant: Mit Frankreich wackelt die zweitwichtigste Finanzierungssäule des Krisenfonds EFSF.

Was wird ohne Top-Rating aus dem Euro-Rettungsschirm?

Für den EFSF hätte ein Verlust der Spitzenbonität weitreichende Folgen. Die Topnoten der Ratingagenturen sind Voraussetzung, damit der Krisenfonds mit maximaler Schlagkraft agieren kann. Eine Herabstufung der wichtigsten Garantiegeber Deutschland und Frankreich würde auch die Note des EFSF gefährden und damit das Aus des Rettungsschirms in seiner bisherigen Konstruktion bedeuten.

Wie begründet S&P seine Entscheidung?

Der Ratingagentur zufolge haben die Probleme im Euroraum ein Maß erreicht, das die Währungszone als Ganzes unter Druck setzt. S&P kritisiert auch unkoordiniertes und unentschlossenes Handeln der Politiker. Es gebe zudem das Risiko, dass die Eurozone im kommenden Jahr in die Rezession rutsche. Auch Deutschland könnte nach Einschätzung der Agentur in den Abwärtssog geraten.

Ist der Rundumschlag der Ratingagentur angebracht?

Experten sind sich uneins: Die Commerzbank-Analysten bezeichnen den Vorstoß als „aggressiv“, aber vertretbar. Er unterstreiche, „dass es in dieser Krise kein Entrinnen gibt - nicht einmal für die absoluten Top-Credits in der Eurozone“. Folker Hellmeyer, Chefanalyst der Bremer Landesbank, hat dagegen kein Verständnis. Angesichts der jüngsten Entspannung in der Schuldenkrise liefere S&P in seiner Begründung „schlichtweg und ergreifend Unwahrheiten“.

Warum droht S&P direkt vor dem nächsten EU-Gipfel mit Abstufungen?

Damit setzt die Ratingagentur die Euro-Retter unter Handlungsdruck. Das Unternehmen weist darauf hin, dass die Gipfel-Ergebnisse entscheidend für die weitere Bewertung der Länder der Eurozone seien. Kanzlerin Angela Merkel und dem französischen Präsident Nicolas Sarkozy könnte die Drohung zur Unzeit sogar in die Karten spielen. Merkel liefert sie Argumente dafür, die europäischen Verträge zugunsten von mehr Haushaltsdisziplin und automatischen Schuldenbremsen zu ändern. Sarkozy stärkt sie innenpolitisch den Rücken, um die Sparanstrengungen zu forcieren.

Welche Länder haben überhaupt noch Top-Bonitätsnoten?

Weltweit verfügen noch nicht einmal 20 Staaten über ein „AAA“-Rating von S&P, dazu zählen aber auch einige Steueroasen und Zwergstaaten. In Europa verfügen - noch - zwölf Länder über ein Top-Rating. Von den großen Industrie- und Schwellenländern (G20) sind es fünf. Dazu gehören Deutschland, Frankreich, Kanada, Australien und Großbritannien. Industriegiganten wie die USA („AA+“), China („AA-“) oder Japan („AA-“) sind nicht darunter. Investoren reagieren jedoch häufig erst auf Herabstufungen, wenn mindestens zwei Agenturen sie vornehmen. Die USA beispielsweise werden von Fitch und Moody's bislang noch mit „Triple A“ bewertet.

Worauf gründen Ratingagenturen eigentlich ihre Entscheidungen?

Grundsätzlich legen die großen Agenturen ihre Methodik nicht im Detail offen. Kritiker bemängeln besonders im Zusammenhang mit der Schuldenkrise im Euroraum, dass die Ratingunternehmen lediglich den Marktentwicklungen folgen und auf neue Zuspitzungen reagieren, auch wenn diese fundamental nicht immer gerechtfertigt seien. Experten sehen den harten Kurs allerdings auch im Zusammenhang mit den laschen Bewertungsstandards während der US-Hypothekenkrise waren. Damals mussten sich die Bonitätsprüfer häufig den Vorwurf gefallen lassen, riskante Papiere tendenziell zu positiv zu bewerten.

Trotz der weitreichenden Beschlüsse hat die Ratingagentur Moody's ihre Warnung an die EU-Staaten bekräftigt. Die Kreditwürdigkeit aller EU-Staaten werde im ersten Quartal 2012 einer genauen Prüfung unterzogen, teilte die Agentur am frühen Montagmorgen mit. Die Beschlüsse des EU-Krisengipfels gehen der Agentur nicht weit genug. Vor allem kurzfristige Maßnahmen zur Stabilisierung der angespannten Kreditmärkte fehlten. Die Eurozone und die gesamte EU stünden weiter unter Druck.

Darüber hinaus zeigt sich die Ratingagentur auch von den konkreten Beschlüssen der europäischen Staats- und Regierungschefs nicht überzeugt. Nur wenige der angekündigten Krisenmaßnahmen seien neu, vieles ähnele frühen Ankündigungen. Ungeachtet der Beschlüsse habe die europäische Schuldenkrise eine kritische Phase erreicht: Die Kreditmärkte für Banken und Staaten seien nach wie vor anfällig gegen Schocks. Selbst unter der Annahme, dass es in der Eurozone zu keinen weiteren Solvenzproblemen auf staatlicher Ebene komme, seien Bonitätsabstufungen in den kommenden Monaten möglich. Je länger die zögerliche Reaktion der Politik auf die Krise anhalte, desto größer werde das Risiko ungünstiger Entwicklungen mit möglichen Staatspleiten, heißt es bei Moody's.

Kommentare (3)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Rene

12.12.2011, 10:45 Uhr

Es ist unheimlich viel Geld im Umlauf.
Unternehmensanleihen gibt es auch nicht wie Sand am Meer und die Ausfallwahrscheinlichkeit ist immer höher als in dem Staat, in dem das Unternehmen seinen Sitz hat - wegen des staatlichen Steuerprivilegs.
Wenn die EZB das Geld also nicht nähme, müßte es in irgendwelche "Assets", also auch wieder Staatsanleihen.
Den "Investoren" bleibt keine andere Wahl, dann ohne Anlage zehrt die Inflation alles auf.
Die Politik wäre gut beraten, sich nicht durch ie apokalyptischen Äußerungen verunsichern zu lassen.

peer

12.12.2011, 13:15 Uhr

Aus einer gewissen entfernung kann man eigentlich gut erkennen, wer hier udn wie Regie führt. Die Politiker spielen brav ihre Rolle.

DEI NEUE WELTORDNUNG nimmt Gestalt an, aber offensichtlich anders, als die Architekten dieser Weltordnung es sich je gedacht haben. Nun arbeiten sie seit Jahrhunderten daran und kurz bevor sie am Ziel sind, schneidet man sie von ihrer Quelle ab.

shit happens

Account gelöscht!

12.12.2011, 14:13 Uhr

„Auf dem EU-Gipfel in der vergangenen Woche gestanden die Politiker erstmals ein, dass es ein Fehler gewesen war, Banken und Versicherer bei der Rettung Griechenlands einzubeziehen“

Politiker machen immer nur Fehler. Und werden dafür nie zur Verantwortung gezogen. Dies ist ihrer grenzenlosen Dummheit geschuldet, die es ihnen verbietet zu begreifen wie Menschen ticken und wie daraus resultierend die Welt funktioniert. Sie stellen immer nur irgendwelche Regeln auf (die ja bekanntlich, siehe Maastricht Verträge, keiner befolgt) in der Annahme die Menschen würden sie artig befolgen. Menschen sind aber Vorteilsannehmer und lassen sich nie nötigen. Und daher reagieren sie immer zu ihrem Vorteil (auch wenn dies zum Nachteil aller Anderen ist) auf Aktionen. Politiker sind auch selten stur und weigern sich aus ihren eigenen Fehlern zu lernen, so begehen sie immer wieder die selben. Sie denken nie über die Konsequenzen ihrer Entscheidungen nach und sind sich auch dessen nie bewusst. Wie Einstein schon sagte: “die menschliche Dummheit ist unendlich...”, besonders die der Politiker.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×