Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

24.07.2012

14:00 Uhr

Staatsanleihen

Es gibt keine Sicherheit mehr

VonJörg Hackhausen

Wer sein Geld sicher anlegen will, kauft Staatsanleihen. Eine ganze Generation von Anlegern hat daran geglaubt. Es war ein Trugschluss. Seit der Schuldenkrise wird das klar. Selbst an Deutschland wird gezweifelt.

DüsseldorfDie Welt ist nicht mehr sicher. Das war sie eigentlich noch nie. Aber viele Investoren an den Finanzmärkten haben das jetzt erst gemerkt. Sie hatten sich eingebildet, es gebe nichts sicheres, als ihr Geld dem Staat zu leihen. Nun stellt mancher Anleger fest, dass das keine gute Idee war.

Die bittere Erkenntnis der Euro-Krise: Es gibt keine absolute Sicherheit. Was sicher, und was riskant ist, muss neu gedacht werden. Selbst Deutschland ist nicht unantastbar. Nicht erst seit dem Warnschuss durch die Ratingagentur Moody’s, die den Ausblick für die Kreditwürdigkeit am Montagabend auf „negativ“ gesenkt hat, ist klar, dass die Euro-Rettung für die Bundesrepublik teuer werden könnte. Noch gelten Bundesanleihen als der „sichere Hafen“ schlechthin. Aber das muss nicht so bleiben.

„Der Begriff ‚sichere‘ Anlagen ist eine Momentaufnahme: Weder gibt es auf ewig sichere Anlageklassen noch derartige Schuldner oder gar Erträge“, schreibt Harald Preißler, Volkswirt der auf Anleihen spezialisierten Bantleon Bank.

Musterschüler und Sitzenbleiber - so verschuldet sind die Euro-Länder

Platz 1

Das am höchsten verschuldete Land der Euro-Zone ist - wer hätte es gedacht - Griechenland. Bei satten 175 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) liegt die Schuldenquote des Mittelmeerlandes. Ein kleiner Lichtblick: Immerhin haben es die Griechen in den vergangenen Jahren geschafft, ihr extrem hohes Haushaltsdefizit zu drücken: Nahm die Regierung 2009 noch neue Kredite in Höhe von 15,6 Prozent des BIP auf, wird sich die Defizitquote im Jahr 2012 - nicht zuletzt dank europäischer Hilfe - auf 7,3 Prozent des BIP verringern.

Platz 2

Auf Platz zwei der am meisten verschuldeten Euro-Länder landet Italien. Mit 123 Prozent des BIP stehen die Italiener laut Eurostat in der Kreide. Die Märkte bestrafen das mit höheren Zinsen, die der Regierung von Premierminister Mario Monti das Leben schwer machen. Mit einem harten Sparkurs steuert Rom dem entgegen: Die Defizitquote sank von 5,4 Prozent im Jahr 2009 auf voraussichtlich 2,0 Prozent in diesem Jahr.

Platz 3

Irland hatte vor allem unter der Bankenkrise zu leiden. Weil das kleine Land seine Banken stützen musste, hat es einen Bruttoschuldenstand von 116,1 Prozent des BIP. Auch das Haushaltsdefizit des früheren keltischen Tigers war in der Folge beängstigend hoch und lag 2010 bei 31 Prozent des BIP. Inzwischen konnte die Regierung das Defizit auf 8,3 Prozent senken - was immer noch deutlich zu hoch ist.

Platz 4

Genau wie Griechenland und Irland musste sich auch Portugal unter den Rettungsschirm flüchten. Das Land ächzt unter einer Schuldenquote von 113,9 Prozent der BIP. Auf Druck der EU reduzierten die Portugiesen ihr Haushaltsdefizit in den vergangenen Jahren deutlich: Waren es 2009 noch 10,2 Prozent des BIP, wird die Defizitquote in diesem Jahr voraussichtlich auf 4,7 Prozent sinken.

Platz 5

Auch Belgiens Schuldenquote hat mit 113,9 Prozent vom BIP eine kritische Höhe erreicht. Bei Haushaltsdefizit hingegen sehen die Belgier inzwischen wieder ganz gut aus: Nach satten 10,2 Prozent im Jahr 2009 werden sie die in den Maastricht-Kriterien festgelegte Defizitquote von drei Prozent in diesem Jahr vorrausichtlich exakt einhalten.

Platz 6

Deutschlands Nachbarland Frankreich hat eine Verschuldungsquote von 90,5 Prozent des BIP. Ökonomen halten diese Schuldenlast für gerade noch tragbar, die Maastricht-Kriterien hingegen verletzen die Franzosen deutlich: Sie sehen eine Quote von höchstens 60 Prozent vor. Auch das französische Haushaltsdefizit ist mit 4,5 Prozent vom BIP im Jahr 2012 zu hoch.

Platz 7

Auch Deutschland, das sich gerne als Musterschüler der Euro-Zone sieht, drückt eine hohe Schuldenlast: 81,2 Prozent beträgt die Bruttoschuldenquote im Jahr 2012 - zu hoch für Maastricht. Beim Haushaltsdefizit hingegen sieht Europas größte Volkswirtschaft inzwischen richtig gut aus: Eurostat schätzt, dass Schäubles Defizitquote in diesem Jahr nur noch bei 0,9 Prozent des BIP liegt - der zweitbeste Wert aller Euro-Staaten.

Platz 8

Das letzte Land, das Schutz unter dem Euro-Rettungsschirm suchte, war Spanien. Dabei ist die Bruttoschuldenquote der Iberer gar nicht so hoch: mit 80,9 Prozent liegt sie unter der von Deutschland. Deutlich zu hoch ist allerdings das Haushaltsdefizit Spaniens: Kredite in Höhe von 6,4 Prozent muss die konservative Regierung in diesem Jahr aufnehmen - weniger als im letzten Jahr (8,5 Prozent) aber immer noch zu viel.

Platz 9

Bei Zypern wird immer gemunkelt, dass das Land als nächstes unter den Rettungsschirm schlüpfen könnte. Den Inselstaat drückt eine Schuldenquote von 76,5 Prozent des BIP. Immerhin: Das Haushaltsdefizit konnten die Zyprioten spürbar reduzieren: Es sankt von 6,3 Prozent des BIP im Vorjahr auf 3,4 Prozent in diesem Jahr. Die Maastricht-Grenze ist damit wieder in Reichweite.

Platz 10

Die Mittelmeerinsel Malta weist eine Bruttoverschuldungsquote von 74,8 Prozent des BIP auf. Im europäischen Vergleich reicht das für Platz zehn. Das Haushaltsdefizit von Malta bewegt sich innerhalb der Maastricht-Kriterien und wird in diesem Jahr voraussichtlich bei 2,6 Prozent liegen.

Platz 11

Deutschlands südlicher Nachbar Österreich weist eine Verschuldungsquote von 74,2 Prozent des BIP auf - Platz elf in Europa. Auch das Haushaltsdefizitdefizit der Alpenrepublik ist mit aktuell drei Prozent vom BIP vergleichsweise gering. Im Jahr 2011 hatte es mit 2,6 Prozent sogar noch niedriger gelegen.

Platz 12

Die Niederlande gelten ähnlich wie Deutschland als Verfechter einer strengen Haushaltspolitik. Das macht sich bemerkbar: Die Verschuldungsquote liegt bei nur 70,1 Prozent vom BIP. Weniger erfolgreich haben die Niederländer in den vergangen Jahren gewirtschaftet: Das Haushaltsdefizit lag 2009 bei 5,6 Prozent und hat sich danach nur leicht verringert. Im Jahr 2012 peilt die Regierung ein Defizit in Höhe von 4,4 Prozent des BIP an.

Platz 13

Slowenien ist das erste Land im Ranking, dessen Verschuldungsquote die Maastricht-Kriterien erfüllt: Sie liegt im Jahr 2012 bei 54,7 Prozent des BIP. Schlechter sieht es bei den Haushaltszahlen aus: Nach einen Defizit in Höhe von 6,4 Prozent des BIP im Jahr 2011 steuert die Regierung in diesem Jahr auf 4,3 Prozent zu. Die Gesamtverschuldung steigt also.

Platz 14

Ein Musterbeispiel für solide Haushaltsführung ist Finnland: Die Bruttoverschuldungsquote der Skandinavier liegt bei 50,5 Prozent und bewegt sich damit locker in dem Rahmen, den der Maastricht-Vertrag vorgibt. Auch die Haushaltszahlen können sich sehen lassen: In den vergangenen vier Jahren lag Finnlands Defizit nie über der Drei-Prozent-Marke. Im Jahr 2012 werden es nach Prognose von Eurostat gerade einmal 0,7 Prozent sein.

Platz 15

Auch die Slowakei weist eine niedrige Gesamtverschuldung auf: Die Bruttoverschuldungsquote liegt bei 49,7 Prozent des BIP. In den vergangen Jahren allerdings hatten die Slowaken zunehmend Probleme: Bei acht Prozent des BIP lag das Haushaltsdefizit im Jahr 2009, in diesem Jahr werden es laut Eurostat-Prognose 4,7 Prozent sein.

Platz 16

Geldsorgen sind in Luxemburg ein Fremdwort. Die Verschuldungsquote des Großherzogtums liegt bei niedrigen 20,3 Prozent. Der Regierung gelingt es in den meisten Jahren auch, mit den eingenommenen Steuermitteln auszukommen. In den vergangenen drei Jahren lag das Haushaltsdefizit stets unter einem Prozent des BIP. Die anvisierten 1,8 Prozent in diesem Jahr sind da schon ein Ausreißer nach oben.

Platz 17

Hätten Sie es gewusst? Der absolute Haushalts-Musterschüler der Euro-Zone ist Estland. Das baltische Land hat eine Gesamtverschuldung, die bei extrem niedrigen 10,4 Prozent des BIP liegt - ein echter Spitzenwert. 2010 und 2011 gelang es der Regierung sogar, einen kleinen Haushaltsüberschuss zu erwirtschaften. In diesem Jahr läuft es etwas schlechter: Voraussichtlich wird die Regierung Kredite in Höhe von 2,4 Prozent des BIP aufnehmen. Die Maastricht-Kriterien halten die Esten damit aber immer noch locker ein.

Eine wenig überraschende Erkenntnis, die dennoch für viele neu ist. Für eine ganze Generation von Anlegern galten Staatsanleihen als sicherste Anlage überhaupt. Noch dazu viel nervenschonender als Aktien, da die Kurse weniger schwankten. Der Staat hat die tiefsten Taschen, hieß es. Jahrzehntelang galt der Ausspruch von Walter Wriston, ehemaliger Chef der Citibank und einer der einflussreichsten Banker. Er prägte in den 1970er-Jahren den Satz: „Countries don’t go bust“, zu deutsch: Staaten gehen nicht pleite. Die Ratingagenturen trugen ihren Teil zu diesem Mythos bei, indem sie hochverschuldeten Staaten eine hervorragende Kreditwürdigkeit bescheinigten. 

Ausblick gesenkt: Moody's rüttelt an Deutschlands Top-Rating

Ausblick gesenkt

Moody's rüttelt an Deutschlands Top-Rating

Die Experten der Ratingagentur warnen vor hohen Belastungen durch die Eurokrise.

Das kann man spätestens seit der Schuldenkrise in Europa so nicht mehr stehen lassen. Griechenland hat bereits einen Schuldenschnitt hinter sich, was de facto nichts anderes als eine Pleite bedeutet. Trotzdem kommen die Griechen nicht wieder auf die Beine - der nächste Zahlungsausfall zeichnet sich bereits ab. Ein ähnliches Schicksal droht Spanien. Das Land kann sich zwar noch am Kapitalmarkt finanzieren, allerdings nur zu extrem hohen Zinsen. Am Anleihemarkt liegt die Rendite für zehnjährige Bonds bei 7,5 Prozent. Ein solches Niveau ist auf Dauer kaum tragbar.

„Wir müssen uns endlich von der Versicherungsmentalität lösen“, sagt Philipp Vorndran, Anlagestratege der Vermögensverwaltung Flossbach & von Storch. Die Bürger könnten nicht mehr darauf hoffen, dass der Staat im Notfall haftet.

Das Problem ist, dass es kaum objektive Kriterien gibt, um zu beurteilen, ob ein Staat ein guter oder schlechter Schuldner ist. Meist wird nur auf die Zahlen wie die Schuldenquote geschaut – also auf das Verhältnis von Staatsschulden zum Bruttoinlandsprodukt. Die sagt aber leider wenig aus über die wahre Qualität eines Schuldners. Neben den gängigen volkswirtschaftlichen Kennzahlen sollten Anleger auch auf weniger bekannte Faktoren achten.

Kommentare (25)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

svebes

24.07.2012, 14:27 Uhr

Jetzt hat es ja Frau Merkel mit Ihrem Gespann entgültig geschafft Deutschland mutwillig auch in den Abwärtsstrudel zu stossen. Man kann Ihr ja nur unterstellen, dass Sie Fakten schaffen will für eine Assimilierung Deutschlands. Kohl der Kanzler der Wiedervereinigung; Merkel Kanzlerin der Auflösung Deutschlands zu Gunsten anderer Schuldenmacher.

Account gelöscht!

24.07.2012, 14:39 Uhr

Ich erinnere an den Satz von Frau Merkel: "Die Spareinlagen unser Bürgerinnen und Bürger SIND sicher!"

Ich HOFFE, jedem ist klar was dem Sparer in D bald blüht!!!! Man kann jedem nur raten sein Geld von der Bank zu holen, LVs zu kündigen und das Geld in Sachwerte zu investieren bis der Euro gecrasht ist...und er WIRD crashen zu 100%!!!

Manch einer lacht noch....das sind aber die selben die bereits gelacht haben als man sagte dass die Spanier folgen werden, GR nicht zu retten ist und so weiter und so weiter....die werden bald ebenso nicht mehr lachen.

Account gelöscht!

24.07.2012, 14:40 Uhr

Frau Angela Merkel hat damit nichts zu tun, die
Entwicklung beginnt bereits 1996...die in der
Folge gemachten Schritte sind alles Antworten auf
Probleme und Krisen. Merkel ist Kanzlerin der Herzen
und ist ganz oben in der Wählergunst! Sie wird
auch die nächsten 4. Jahre für Deutschland kämpfen!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×