Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

18.06.2012

18:29 Uhr

Staatspapiere unter Druck

Italien sucht nach Heilmittel gegen steigende Zinsen

Der Wahlausgang in Griechenland senkt nicht den Druck auf Spanien. Die Kurse der Staatspapiere fallen. Dauerhaft wird Madrid seine Schulden nicht finanzieren können. Auch Italien leidet - und sucht nach Hilfsmitteln.

Börse in Madrid. Die Renditen spanischer Bonds sind gesunken. dapd

Börse in Madrid. Die Renditen spanischer Bonds sind gesunken.

FrankfurtNach der schnell verflogenen Freude über den Wahlsieg der griechischen Spar-Befürworter sind am Montag verstärkt die Probleme Spaniens in den Fokus von Investoren gerückt. Die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen aus Madrid stieg bis auf 7,24 Prozent; so hoch war sie noch nie seit Einführung des Euro. Im späten Vorwochengeschäft hatten die Titel noch mit 6,9 Prozent rentiert. Im Schlepptau der Spanier zogen auch italienische Renditen spürbar an; zehnjährige Papiere warfen in der Spitze 6,14 (5,9) Prozent ab.

Italien will daher im Kreis der Euro-Länder Methoden zum „halb-automatischen Abbau von Risikoaufschlägen“ auf Staatsanleihen zur Diskussion stellen. „Die Idee ist, in der Eurogruppe in dieser Woche über Mechanismen zu diskutieren, die halb-automatisch ausgelöst werden, wenn die Spreads zu hoch sind mit dem Ziel, diese zu reduzieren“, sagte der italienische Europaminister Enzo Moavero am Montag in Brüssel. Dafür könne die Europäische Zentralbank zuständig sein oder der künftige Euro-Rettungsschirm ESM. Allerdings müsse die Unabhängigkeit der EZB bewahrt werden.

Ministerpräsident Mario Monti hatte vor Kurzem gewarnt, der Reformwille der Bevölkerung werde erlahmen, wenn ihre Opfer sich nicht in sinkenden Zinsen niederschlügen. Moavero ging nicht näher auf Details des ins Spiel gebrachten Mechanismus ein. Mit Blick auf die EZB ergänzte er, Italien werde aus Respekt vor der Unabhängigkeit der Zentralbank diese nicht um den Aufkauf seiner Staatsanleihen bitten. „Aber offenkundig ist jeder Schritt zum Abbau der Spreads willkommen.“

Stimmen zur Griechenland-Wahl

Guido Westerwelle, Außenminister

„Die Reformen müssen jetzt ohne Abstriche weitergeführt werden. Die Vereinbarungen stehen nicht zu Disposition. Europa kann nicht nur an zu wenig, sondern auch an zu viel Solidarität scheitern.“

Mario Monti, italienischer Staatspräsident

„Der Sieg der konservativen Neuen Demokratie ist für die Zukunft Europas und der Eurozone gut. Jetzt müsse aber schnell eine Regierung gebildet werden.“

Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank

„Der Euro wird überleben, weil die politischen und wirtschaftlichen Eliten von seiner Weiterexistenz abhängen. Aber vermutlich wird Griechenland der Währungsunion in fünf Jahren nicht mehr angehören. Die verbliebene Währungsunion wird zu einer Transfer- und Haftungsunion mutiert sein. Wirtschaftlich schwache Länder, die sich mehrheitlich Reformen verweigern, werden auf Kosten wirtschaftlich stärkerer Länder leben.“

Jürgen Pfister, Chefsvolkswirt der BayernLB

„Griechenland muss nach den bisherigen Troika-Plänen weitere Haushaltskürzungen in Höhe von 11,5 Milliarden Euro beschließen. Angesichts dieser Einschnitte ist allerdings nicht gewährleistet, dass der von der Troika vorgezeichnete Weg erfolgreich fortgesetzt werden kann. Mit dem Wahlsieg der Reformbefürworter ist somit zunächst Zeit gewonnen. Eine erneute Umschuldung der Staatsschuld und/oder ein Austritt aus der Währungsunion sind wohl nur durch anhaltende, umfangreiche Transferzahlungen zu verhindern.“

Heino Ruland, Ruland Research

„Dieses Wahlergebnis ist das Worst-Case-Szenario. Denn dadurch wird ein Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone nur hinausgezögert. Langfristig wird der Euro zu einer Schwach-Währung, weil es Transfer-Zahlungen geben wird. Für die Aktien wäre dies positiv, denn bei einer Abwertung des Euro steigt die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen.“

Jürgen Kurz, Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW)

„Griechenland wird im Euro bleiben. Zum einen wäre ein Ausstieg der Griechen nicht nur für Griechenland eine ökonomische Katastrophe. Zum anderen wäre ein Ausstieg deutlich teurer als der Verbleib der Griechen im Euro. Ich gehe davon aus, dass der Euro aus der aktuellen Krise gestärkt hervorgehen wird. Voraussetzung ist allerdings, dass die Geburtsfehler der Währung endlich beseitigt werden. Hierzu gehört der Aufbau einer gemeinschaftlichen Wirtschafts- und vor allem Finanzpolitik.“

Michael Reuss, Vermögensverwaltung Huber, Reuss & Kollegen

Griechenland hat im Euro keine Chance zu gesunden. Griechenland braucht ein Ventil um wieder wettbewerbsfähig zu werden und das kann in dem Fall, weil der „Point of no return“ bereits überschritten ist, nur noch eine abwertende Währung sein. Aus unserer Sicht wird Griechenland in den nächsten 12 Monaten aus dem Euro ausscheiden. Den Euro wird es in fünf Jahren noch geben, weil er politisch gewollt ist. Er wird aber ein anderes Gesicht haben. Der Euro wird weniger Teilnehmer haben und tendenziell etwas schwächer sein.

Anita Paluch, Gekko Global Markets

Da sich Griechenland nun einem Verbleib in der Euro-Zone verschrieben hat, atmen die Märkte durch, da das Untergangsszenario abgewendet wurde. So sehr der Wahlausgang auch die Furcht vor einem Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone gedämpft hat, so zurückhaltend ist der Optimismus. Griechenland ist noch nicht über den Berg. Darüber hinaus gibt es neben Griechenland auch noch andere Faktoren, wie die steigenden Finanzierungskosten in Italien und Spanien.

Roger Peeters, Close Brothers Seydler

„In den vergangenen Wochen ist Angela Merkel mehr und mehr zum Feindbild geworden, aber ihr Verlangen nach einer soliden Haushaltspolitik kommt der nächsten Generation in ganz Europa zugute. Auf der anderen Seite ist es wichtig, dass das Wirtschaftswachstum in Südeuropa in Schwung kommt. Mit dem Wahlergebnis in Griechenland ist eine konstruktive Debatte möglich. Die Märkte dürften optimistisch in die neue Woche starten.“

Manfred J.M Neumann, Ökonom und Währungsexperte

„Dass Griechenland im Euro bleibt ist unrealistisch. Ein wirtschaftlicher Aufstieg ist ohne eine Abwertung um etwa 30 Prozent nicht denkbar. Den Euro wird es auch in zwanzig Jahren noch geben. Allerdings lässt sich nicht von der Hand weisen, dass das eine oder andere südeuropäische Land ebenfalls den Euro verlassen wird. Das würde den Euro nicht schwächen und wäre auch nicht als Scheitern Europas zu werten. Es würde zu realistischeren und damit stabileren Währungsrelationen in Europa führen.“

Alfred Roelli, Chefanlagestratege Pictet

Das Risiko, dass Griechenland den Euro verlässt, bleibt hoch. Die Chance, dass Griechenland in der Euro-Zone verbleibt, schätzen wir etwas höher ein als jene eines Austritts. Den Euro wird es auch in fünf Jahren noch geben. Dies allerdings nur, wenn stärker zentralisiert wird und die Überwachung der Mitglieder intensiviert wird. Wir sind weiterhin der Meinung, dass eine vernünftig aufgesetzte Eurobond-Struktur Teil der Lösung sein wird. Leider wird die Diskussion der Euro-Bonds dogmatisch und ideologisch geführt.

Am Morgen hatten Investoren zunächst erleichtert auf den Wahlsieg der griechischen Konservativen reagiert. Dies hatte auch den europäischen Rentenpapieren eine gewisse Entspannung gebracht. Ein Austritt Griechenlands aus der Eurozone sei nun zumindest weniger wahrscheinlich geworden, so die Begründung. Das Aufatmen war aber nur kurz, und schnell rückten die Probleme der gesamten Euro-Zone wieder in den Blick. „Um ehrlich zu sein, Griechenland liegt schon wieder nicht mehr so im Fokus“, sagte Zinsstrategin Alisabeth Afseth von Investec in London. "Es ist ohne Zweifel sehr wichtig, aber die noch entscheidendere Frage ist derzeit, wie man Spanien in den Griff bekommt. Da zeichnet sich bislang keine befriedigende Lösung ab."

Spaniens großes Problem sind seine wegen fauler Immobilienkredite hoch verschuldeten Banken. Erst vor einer Woche hatte sich das Land dazu durchgerungen, für die Institute europäische Rettungsgelder zu beantragen. Unklar ist allerdings nach wie vor, wie hoch die Hilfen ausfallen und aus welchem Topf sie kommen sollen. Zudem fürchten Analysten, dass die dann noch höhere Staatsverschuldung Madrid über den Kopf wachsen könnte. Griechenland, Irland und Portugal hatten sich jeweils zu Hilfsanträgen gezwungen gesehen, kurz nachdem die Renditen ihrer Staatsanleihen über die Sieben-Prozent-Marke geklettert waren.
Von den unklaren Perspektiven für die Südeuropäer profitierten wieder einmal die als sicherer Hafen geltenden Bundesanleihen. Der richtungsweisende Bund-Future zog um bis zu 80 Ticks auf 143,09 Zähler an. Die zehnjährigen Papiere rentierten mit 1,41 (1,45) Prozent.


Von

rtr

Kommentare (10)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

18.06.2012, 18:00 Uhr

Da müsste man auch extrem naiv oder sehr gierig sein, Spanien für 10 Jahre Geld zu leihen.
Wobei...vielleicht den Chefredakteur Gabor Steingart fragen, was der dazu meint.
Der hatte glaube Erfahrungen mit Griechenland-Anleihen.

Account gelöscht!

18.06.2012, 18:03 Uhr

Ich bin mal gepannt darauf, wann die französischen Zinsen anfangen zu steigen, nachdem dort jetzt eine Sauce "Hollandese" angerührt wird !

2 - 3 Monate ?

Account gelöscht!

18.06.2012, 18:06 Uhr

Tja so ist das mit Politikern und "Experten"...würde ich so wirtschaften, hätte mich das Finanzamt längst hochgehen lassen, ich hätte wahrscheinlich 1000 Schufa-Einträge, tausende Anklagen und 500 Jahre Haft wegen X Y und Z am HAls.

Die Lumpen die uns regieren, schwingen weiter Parolen, lügen und betrügen die Leute und bekommen das auch noch lebenslang entlohnt.

Super Germany, weiter so.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×