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15.11.2011

13:23 Uhr

Steigende Zinsen

Die Krise frisst sich durch Europa

Spanien zahlt höhere Zinsen, um an frisches Geld zu kommen. Die Rendite von Italo-Bonds steigt erneut auf sieben Prozent. Doch nicht nur Schuldenstaaten sind betroffen. Die Krise erfasst inzwischen auch den Kern Europas.

Ein Stierkämpfer in der Arena - fast so wild wie das, was zurzeit an den Finanzmärkten abgeht. dpa

Ein Stierkämpfer in der Arena - fast so wild wie das, was zurzeit an den Finanzmärkten abgeht.

DüsseldorfGestern Italien, heute Spanien - ein Schuldenstaat nach dem anderen wagt sich in diesen Tagen an den Kapitalmarkt. Damit die Investoren frisches Geld zur Verfügung stellen, müssen die Staaten große Zugeständnisse machen.

Bei einer Auktion von spanischen Geldmarktpapieren mit einer Laufzeit von zwölf und 18 Monaten im Gesamtvolumen von 3,16 Milliarden Euro verlangten Investoren am Dienstag einen Zins von mehr als fünf Prozent. Dies bedeutet eine Steigerung um 40 Prozent im Vergleich zu ähnlichen Anleihen, die im Oktober ausgegeben worden waren. Die Nachfrage nach den Staatstiteln war unterschiedlich: Die Auktion der zwölfmonatigen Papiere war 2,1-fach überzeichnet (zuvor 2,3-fach). Die Nachfrage nach den 18-monatigen Titeln war hingegen sechs Mal so hoch wie das Angebot (zuvor nur 4,3-fach überzeichnet).

Am Primärmarkt wollen heute auch Griechenland und Belgien Schatzwechsel begeben. Bei den griechischen Geldmarktpapieren soll das Volumen bei einer Milliarde Euro liegen, Belgien will in zwei Tranchen 3,2 Mrd. Euro beschaffen.

Am Montag hatte Italien bei einer Auktion von Staatsanleihen zwar wie geplant drei Milliarden Euro eingesammelt. Allerdings wird für die Papiere mit einer Laufzeit bis Mitte September 2016 ein Rekord-Zins von 6,29 Prozent fällig. Heute stieg die Rendite der fünfjährigen Papiere auf sieben Prozent, die zehnjährigen Staatsanleihen rentierten am Dienstag bei 7,065 Prozent. Vergangene Woche waren die Renditen der zehnjährigen bis auf 7,5 Prozent gestiegen - so hoch wie noch nie seit der Euro-Einführung 1999.

Fragen und Antworten zu italienischen Anleihen

Warum sind die Anleihe-Renditen so entscheidend?

Um ihren Finanzierungsbedarf zu decken, nehmen Staaten durch Anleihen Geld an den Finanzmärkten auf. Die Renditen dieser Papiere entsprechen der effektiven Verzinsung. Je riskanter Investoren ein Engagement einschätzen, desto mehr Zinsen muss ein Land bieten.

Weshalb sehen Investoren Italien so kritisch?

Mit einem ausstehenden Volumen von rund 1,8 Billionen Euro ist der italienische Markt für Staatsanleihen einer der größten der Welt. Italien trägt gemessen an der Wirtschaftsleistung die zweitgrößte Staatsschuldenlast aller Euro-Länder und steht unter hohem Spardruck. Anders als Griechenland verfügt Italien allerdings über eine hohe Wirtschaftskraft. Die Finanzmärkte trauen der aktuellen politischen Führung jedoch nicht zu, die zur Haushaltskonsolidierung nötigen Reformen durchzusetzen.

Was passiert, wenn die Lage am italienischen Anleihemarkt sich weiter zuspitzt?

In Italien werden bis Ende 2012 Anleihen unterschiedlichster Laufzeiten mit einem Gesamtvolumen von mehr als 300 Milliarden Euro fällig. Da die Anleihen mit festen Laufzeiten ausgegeben werden, muss das Land in regelmäßigen Abständen neue Papiere am Markt platzieren, um seine Schulden zu finanzieren. Sollten die Renditen auf den zuletzt erreichten Höchstständen verharren, könnte es für Italien unmöglich werden, neue Schulden aufzunehmen, um alte zu begleichen. Italien wäre dann wie Griechenland, Portugal und Irland vom privaten Kapitalmarkt abgeschnitten und müsste unter den Euro-Rettungsschirm flüchten, um sich aus Hilfsgeldern zu refinanzieren.

Würde Italien unter den Euro-Rettungsschirm passen?

An diesem Punkt würde die Situation richtig kritisch. Experten stimmen überein, dass der Krisenfonds EFSF nicht ausreichen würde, um die Konsequenzen eines Ernstfalls in Italien zu bewältigen. Die zuletzt beschlossenen Modelle zur Hebelung des EFSF-Kreditvolumens sind noch nicht im Detail ausgestaltet und einsatzbereit. Sollte sich die Situation in Italien extrem zuspitzen, wäre außerdem davon auszugehen, dass auch der spanische Anleihemarkt kollabieren würde. Die Eurozone dürfte bei diesem Szenario endgültig auf die Zerreißprobe gestellt werden.

Wie kann eine Eskalation verhindert werden?

Um dauerhaft zu gewährleisten, dass Italien seine Schulden an den Märkten platzieren kann, müssten zwei Bedingungen erfüllt werden: Potenziellen Investoren muss die Furcht vor einem Zahlungsausfall genommen werden. Zweitens müsste das Rendite-Niveau auf einem für Italien tragbaren Niveau gehalten werden. Kurzfristig kann dies nach Einschätzung von Experten letztlich nur die Europäische Zentralbank (EZB) sicherstellen. Mittel- bis -langfristig kann jedoch nur Italien selbst durch entsprechende Reformen und Haushaltsdisziplin die Lage entschärfen.

Welche Rolle spielt die EZB?

Die EZB versucht bereits seit August, die Renditen für italienische Anleihen durch Ankäufe zu drücken. Die Zentralbank agiert jedoch nur auf dem Zweitmarkt. Sie beeinflusst so lediglich das Kursniveau von Papieren, die bereits in Umlauf sind. Direkte Anleihekäufe von Staaten sind für die EZB ein Tabu, anders als für ihre Pendants in den USA oder Großbritannien. Die EZB lehnt es strikt ab, als Kreditgeber der letzten Instanz Käuferstreiks am Erstmarkt zu verhindern.

Was muss nun geschehen?

Fest steht: Muss Italien länger wesentlich höhere Renditen als bisher üblich zahlen, wird die Haushaltslage stark belastet und der ohnehin hohe Schuldenstand letztlich weiter nach oben getrieben.

Solange der EFSF nicht ausreichend einsatzfähig ist und die EZB von ihren geldpolitischen Grundsätzen nicht abweicht, liegt es allein an der italienischen Politik, das Vertrauen der Finanzmärkte zurückzugewinnen. Das ist jedoch ein ungewisses Unterfangen und dürfte einiges an Überzeugungsarbeit erfordern.

Dabei versuchte die EZB laut Händlern wieder mit Anleihen-Käufen die Renditen zu drücken. „Es hat nur einen begrenzten Einfluss, die Leute sind froh, die Dinger verkaufen zu können“, sagt ein Händler in London.

In der vorigen Woche hatte die EZB ihre umstrittenen Käufe von Staatsanleihen der Krisenländer überraschend stark zurückgeführt.

Kommentare (16)

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whisky

15.11.2011, 12:56 Uhr

Die USA, Großbritannien und Japan haben trotz enorm hoher Verschuldung keine Probleme, zu günstigen Zinsen an Geld zu kommen. Lt. Sachverständigengutachten der fünf "Wirtschaftsweisen" liegt das daran, das die "Märkte" davon ausgehen, daß die jeweiligen Notenbanken einen Konkurs dieser Länder auf jeden Fall durch "Geld drucken" verhindern werden.

Account gelöscht!

15.11.2011, 12:57 Uhr

Deutschland müsste SOFORT die Eurozone verlassen, damit die anderen Nationen abwerten können, inflationieren können und ihre Wirtschaft ankurbeln.
Die Deutschen sind allerdings so ideologievergiftet, dass sie nicht bemerken, wie die Probleme aus dem Ufer laufen und wirklich ALLES zerstören. Da wird eher der Volkssturm aufgestellt und weiter in Goebbelscher Manier für dieses "politische Projekt" getrommelt. Die Zeichen der Zeit werden ignoriert. Das ist DEUTSCH!

atinak

15.11.2011, 13:08 Uhr

Kein Wunder, wenn sich angesichts der hemmungslosen Schuldenmacher- und Klientelpolitik der EU-Staaten einschließlich des angeblich so sicheren Garanten Deutschland und der ad hoc Verpflichtung der Banken, Staatsanleihen mit Eigenkapital zu unterlegen, was solche Anlagen unattraktiv macht, immer weniger als Heuschrecken und Zocker verunglimpfte Investoren finden, die diesen Schrott noch kaufen wollen. Denn dass diese Schuldentransferunion an die Wand fahren muss, sieht inzwischen bis auf die Politik jeder.

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