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31.03.2011

15:49 Uhr

Streit eskaliert

Agenturen drohen Schuldenstaaten mit Rating-Entzug

Die Kritik an Ratingagenturen reißt nicht ab, jetzt schlagen die Agenturen zurück. Sie drohen, sich komplett aus der Bewertung hochverschuldeter Staaten zurückzuziehen. Diese dürften dann noch schwerer Investoren finden.

Fitch-Zentrale in New York. Die Ratingagenturen wehren sich gegen eine Haftung für ihre Urteile. Quelle: dpa

Fitch-Zentrale in New York. Die Ratingagenturen wehren sich gegen eine Haftung für ihre Urteile.

DüsseldorfDer Streit zwischen den internationalen Ratingagenturen und der Europäischen Union nimmt an Schärfe zu. Die Agenturen Branchenkreisen zufolge damit, ihre Bewertung der Zahlungsfähigkeit hochverschuldeter Euro-Staaten ganz einzustellen. In diesem Fall würden Investoren um diese Länder komplett einen Bogen machen, sagten Experten der Nachrichtenagentur Reuters am Donnerstag. Sollte die EU die Agenturen tatsächlich für eine falsche Einstufung haftbar machen, könnten die Institute ihre Bewertungen ganz einstellen, hieß es in den Branchenkreisen.

Hintergrund des Streits sind die jüngsten Herabstufungen von Staaten wie Portugal und Griechenland durch Agenturen wie Moody's, S&P oder Fitch. Das Rating spielt eine entscheidende Rolle für den Zins, den die Länder bei Anleihen auf den internationalen Märkten zahlen müssen. Die EU-Kommission hat die jüngsten Herabstufungen massiv kritisiert und erwägt, eine Haftung einzuführen. Dies könnte im kommenden Jahr geschehen.

"Ratingagenturen sind nicht ausgelegt, um diese Art von Risiko zu tragen", verlautete aus Branchenkreisen am späten Mittwochabend. Eine solche Regelung könnte zu einer "Rücknahme der Ratings in verschiedenen Bereichen" führen. In einem Reuters vorliegenden Dokument von S&P hieß es ebenfalls, als Folge sei "eine Einschränkung der Einstufung" in Risikofällen denkbar. Entsprechende Sorgen würden auch von anderen Agenturen wie Moody's geteilt, hieß es dazu in den Branchenkreisen.

Experten sehen ein Dilemma. Die Ratingagenturen hätten in der Vergangenheit schlampig gearbeitet, sagte Sony Kapoor von der Denkfabrik Re-Define: "Ihre Einstufungen waren vor der Krise zu hoch und jetzt sind sie zu niedrig", sagte er. Allerdings führe an den Agenturen kein Weg vorbei, weil alle Beteiligten - von der EZB bis zu den Banken - auf die Noten zurückgreife. Die EU müsse vorsichtig vorgehen: "Wenn ein Land kein Rating erhält, verschwindet es für Investoren von der Landkarte", warnte Kapoor.

Neben den betroffenen europäischen Ländern hatte sich auch der Internationale Währungsfonds (IWF) zuletzt kritisch zur Rolle der Ratingagenturen geäußert. In einer aktuellen Studie untersuchten die Volkswirte des IWF die Auswirkungen von Ratingaktionen auf die Finanzmärkte und kamen zu dem Schluss, dass diese "Finanzinstabilität" auslösen könnten.

Von

rtr

Kommentare (7)

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Gunther

31.03.2011, 16:47 Uhr

Sicherlich kann man über die Ratings z.B. der USA diskutieren, aber die Probleme kommen doch nicht von den Agenturen, sondern von den Ländern, die Ihre Ausgaben nicht im Griff haben!
Wenn's brennt, wird der Schaden auch immer größer bis man löscht - Warum sollte das bei Schuldenmachern anders sein?

Account gelöscht!

31.03.2011, 17:52 Uhr

Offensichtlich ist man in Brüssel und sonstig EURO-Land sehr nervös und schlägt wild um sich, weil die bisherigen Maßnahmen kein Vertrauen an den Märkten erzeugt haben. Man versucht, sich in der eigenen Stümperhaftigkeit erneut zu übertreffen: So lange dem Markt keine glaubwürdige und einklagbare Haftungsregelung angeboten wird, kann es bei den objektiven Gegebenheiten ratingmäßig nur abwärts und mit den Zinsen aufwärts gehen. Wenn in Deutschland die Realisten an die Macht kommen, dann gute Nacht EURO, gute Nacht Brüssel samt PIGS! Merkels Uhr läuf demnächst ab und es könnte dan schon sein, daß der EURO samt PIIGS den Mappus macht! :}

Stefan-L-Eichner

31.03.2011, 18:36 Uhr

Die aufgezwungene Austeritätspolitik funktioniert nicht. Das sieht man gerade in Griechenland. Es ist kein Wunder, dass es in anderen Schuldenstaaten wie Portugal oder Irland wachsende Widerstände gegen dieses „Kaputtsparen“ gibt. Die EU hat hier in zweifacher Hinsicht versagt:

1. Die Regierungschefs sowie vor allem auch die Europäische Kommission sehen offensichtlich nicht als ihre Aufgabe an, gemeinsam mit den Krisenstaaten ein neues, ganzheitliches Wachstumskonzept für die EU zu erarbeiten. Ohne ein solches Konzept werden die Finanzmärkte nicht davon zu überzeugen sein, dass die EU ihre Probleme lösen und als Ganzes wieder auf Wachstumskurs gelangen kann (siehe dazu: http://stefanleichnersblog.blogspot.com/2011/01/die-europaische-krise-teil-2-die-euro.html ). Die Krisenstaaten haben – angesichts der jeglichen Handlungsspielraum eliminierenden Sparpolitik – keine Chance, ihre Schuldenprobleme in den Griff zu bekommen.

2. Die EU legt zwar immer neue, kostspielige Rettungsmaßnahmen auf, sie reagiert damit aber nur auf die Forderungen „der Finanzmärkte“ und der US-Ratingagenturen. Die Regierungschefs sind nach wie vor Getriebene. Sie haben es nicht verstanden, diesem durchsichtigen Spiel und der Spekulation gegen Euro-Staaten ein Ende zu bereiten. Damit sind die Krisenstaaten den Finanzmärkten hilflos ausgeliefert – Brüssel und die führenden EU-Staaten lassen es geschehen. Es war völlig klar, dass die Märkte nach Griechenland und Irland erst Portugal und dann Spanien ins Visier nehmen würden und es war klar, dass das immer so weitergeht, bis zuletzt die Grenzen der finanziellen Belastbarkeit der wirtschaftlich starken EU-Länder erreicht ist (siehe dazu: http://stefanleichnersblog.blogspot.com/2010/11/irland-krise-regierungen-bleiben-eine.html ).

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