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01.07.2012

10:20 Uhr

Streitgespräch

„Der Markt für Mittelstandsbonds hat Kinderkrankheiten“

VonLaura de la Motte

Am Markt für Mittelstandsanleihen bieten nicht nur gesunde Firmen ihre Produkte feil. Holger Diefenbach und Johannes Führ über zu sportliche Bonitäten, Ausfallwahrscheinlichkeiten und Anleger, die wie Lemminge reagieren.

Der gesunde Mittelstand wird am Markt gebraucht. ZB

Der gesunde Mittelstand wird am Markt gebraucht.

Herr Diefenbach, Herr Führ, innerhalb von nicht mal zwei Jahren stehen drei von 45 Mittelständlern vor der Pleite. Tummeln sich zu viele schwache Unternehmen am Markt für Mittelstandsanleihen?

Diefenbach: Das erste Mittelstandssegment BondM in Stuttgart hat sicherlich eine Pioniertat vollbracht. Gleichzeitig wurden dort aber einige Firmen an den Markt gebracht, deren Bonitäten meines Erachtens zu sportlich waren. Das gilt aber auch für andere Börsenplätze, wo wir zum Beispiel Anleihen von Markenunternehmen gesehen haben, die gewisse kreditmäßige Grundanforderungen nicht erfüllen.

Welche Anforderungen sind das?

Diefenbach: Das Volumen einer Anleihe sollte nicht mehr als 50 Prozent der gesamten Finanzverbindlichkeiten eines Unternehmens ausmachen. Denn wenn dieses Geld fällig wird, muss vielleicht eine Bank einspringen, die dann aber eine solche Höhe ablehnt. Außerdem sollte die Verschuldung das Vierfache des Ebitda nicht überschreiten. Kurz gesagt: Ein Bond soll ein Finanzierungsbaustein in vernünftiger Größenordnung sein und nicht die letzte Möglichkeit für ein Unternehmen, sich Geld zu beschaffen.

Finanzierungsmärkte: Mittelständler suchen neue Wege

Finanzierungsmärkte

Mittelständler suchen neue Wege

Seit der Finanzkrise haben Banken ihre Mindestanforderung an die Bonität ihrer Kreditnehmer verschärft. Gerade Mittelständler müssen nun nach anderen Wegen zum Geld suchen.

Führ: Das ist derzeit wirklich ein Problem. Die Börsen dürfen nicht Kleinstunternehmen, die von den Banken keinen Kredit mehr bekommen würden, mit hohen Kupons an den Markt bringen. Genau solche Papiere werden dann insbesondere dem Privatanleger angeboten, was problematisch ist. Denn da wird etwa einem Rentner suggeriert, dass mit den hohen Zinsen der Mittelstandsanleihen seine Rentenlücke ausgeglichen werden kann.

Diefenbach: Ich denke, das ist den Börsen bewusst und die ersten Insolvenzen treiben jetzt den Lernprozess weiter voran. Jedem ist klar, dass zu viele Insolvenzen ein negatives Image aufbauen und den Markt zerstören können. Eine Reaktion ist die Einführung von Premiumsegmenten wie in Frankfurt und Stuttgart.

Die Teilnehmer

Holger Diefenbach

Holger Diefenbach (41) ist Partner beim Beratungsunternehmen Ipontix. Der studierte Bank-Betriebswirt ist dort für den Bereich Fremdkapitalberatung verantwortlich. Ipontix begleitete zuletzt die Emission des Biogasanlagen-Anbieters MT-Energie. Diefenbach war zuvor Leiter des Mittelstandsgeschäfts bei der ABN Amro Bank in Deutschland und in verschiedenen Positionen bei der Dresdner Bank.

Johannes Führ

Johannes Führ (58) gründete 1989 die Vermögensverwaltung Johannes Führ Asset Management. Heute ist er deren Präsident. Die Vermögensverwaltung bietet verschiedene Fonds an und wird im Bereich Anleihen seit Jahren mit dem Sauren Golden Award ausgezeichnet. 2010 wurde von Führ ein Mittelstandsrentenfonds aufgelegt, der in familiengeführte Unternehmen investiert. Der Fonds ist heute 69 Millionen Euro groß, knapp 40 Prozent sind in reinen Mittelstandsanleihen angelegt.

Welche Unternehmen brauchen wir am Markt?

Führ: Den gesunden Mittelstand. Es gibt in Deutschland 3,5 Millionen Mittelständler. Von diesen sind etwa 10 000 kapitalmarktfähig. Diese gesunden Unternehmen brauchen wir an den Anleihesegmenten. Die müssen dann auch nicht sieben, acht oder neun Prozent Zinsen zahlen, sondern so viel wie gute Bonitäten aus dem Dax. Das sind heute zwischen ein und drei Prozent.

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