Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

12.07.2012

10:55 Uhr

S&P-Insider

„Es war wie im Wilden Westen“

Ein ehemaliger Manager der Ratingagentur Standard & Poor's packt aus und übt heftige Kritik an den Geschäftspraktiken der Branche. Für die Agenturen ginge es allein um's Geschäft. Für Anleger seien die Urteile nutzlos.

Die großen Ratingageturen wie Standard & Poor's stehen in der Kritik. Sie haben in der Finanzkrise keine rühmliche Rolle gespielt. dpa

Die großen Ratingageturen wie Standard & Poor's stehen in der Kritik. Sie haben in der Finanzkrise keine rühmliche Rolle gespielt.

New YorkSeit über einem Jahrhundert sind ihre Beurteilungen mit ausschlaggebend für die Finanzierungskosten von Staaten und Unternehmen. Doch das Vertrauen der großen Investoren haben sie verloren. So sieht ein ehemals leitender Angestellter der Ratingagentur Standard & Poor's seine alte Branche.
„Es gibt sie, weil die Leute sie in Anspruch nehmen müssen, nicht, weil sie an sie glauben”, sagt David Jacob, früherer Leiter der Abteilung für die Beurteilung von Derivaten, in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Bloomberg. „Vielleicht brauchen die Kleinanleger sie, das ist das Bedauerliche, aber ich glaube, für institutionelle Investoren trifft das nicht zu”, sagt Jacob.

Ratingagenturen ABC

Wie arbeiten Ratingagenturen?

Ratingagenturen bewerten die Kreditwürdigkeit von Anleiheemittenten; das können Unternehmen, Banken oder Staaten sein. Das Urteil der Bonitätsprüfer bestimmt letztlich den Kurs der Papiere. In die Bewertung fließen veröffentlichte Zahlen ebenso ein wie Brancheneinschätzungen. Die weltweit einflussreichsten Ratingagenturen sind Standard & Poor's (S&P), Moody's und Fitch.

Welche Auswirkungen hat ein schlechtes Rating?

Je schlechter Ratingagenturen die Bonität eines Marktteilnehmers beurteilen, desto schwieriger und teurer wird es für diesen, sich frisches Geld zu besorgen. Die Refinanzierungskosten steigen, im schlimmsten Fall ziehen Geldgeber ihr Kapital ab. Am Rating orientieren sich nicht nur Banken, sondern beispielsweise auch institutionelle Investoren.

Was bedeuten Ratings wie „AAA“ oder „BB+“?

Für ihre Einstufungen verwenden die Agenturen Buchstabencodes. Bei Standard & Poor's und Fitch beginnt die Skala mit der Bestnote „AAA“ (englisch: „Triple A“). Es folgen „AA“, „A“, „BBB“, „BB“, „B“, „CCC“, „CC“, „C“. Die meisten Stufen können mit Plus- und Minuszeichen noch feiner unterteilt werden. Ab „BB+“ beginnt der spekulative Bereich, der auch „Ramsch“ (englisch: „Junk“) genannt wird. Die Skala reicht bis „D“ - das bedeutet, dass ein Ausfall des Schuldners eingetreten ist. Etwas anders verfährt die Ratingagentur Moody's, die bei der Bewertung große und kleine Buchstaben sowie Zahlen kombiniert. „Aaa“ bedeutet „erstklassig“ und ist die höchste Bewertung. Diese Note steht für höchste Qualität, geringstes Ausfallsrisiko, vergleichbar mit Staatsanleihen. Dann folgen „Aa1“, „Aa2“, „Aa3“ für „starke Zahlungsfähigkeit“ sowie in der nächsten Stufe „A1“, „A2“ und „A3“ für „gute Zahlungsfähigkeit“. Danach wird der erste Buchstabe durch ein „B“ ersetzt. Der «spekulative Bereich“ beginnt bei „Ba1“, die niedrigste Kategorie ist „E“.

Was bemängeln Kritiker an Ratingagenturen?

Kritiker bemängeln, es bleibe oft unklar, welcher Anteil der Bonitätseinstufungen Mathematik und was Meinung ist. In der Finanzkrise kamen Ratingagenturen in die Schusslinie: In vielen Fällen behielten Unternehmen, die ein hohes Risiko trugen, zu lange ihre Topnoten. Sie wurden erst herabgestuft, als die Krise bereits akut war; Anlegern blieb keine Zeit zu reagieren. Daher ist es wenig ratsam, allein auf das Urteil von Moody's & Co zu vertrauen.

Welche Alternativen gibt es zu Ratingagenturen?

Manche Profis verlassen sich inzwischen stärker auf das Urteil eigener Analysten. Deren Meinung findet umso mehr Beachtung, wenn sie eine abweichendes Urteil zu den Ratingagenturen fällen. Privatanleger können überlegen, wenig transparente Marktsegmente über Fonds abzudecken, statt direkt in Anleihen zu investieren. So profitieren sie quasi indirekt vom Know-How weiterer Experten.

Der 56-Jährige wurde im Dezember 2011 von S&P entlassen. Zuvor leitete er dreieinhalb Jahre die Derivate-Abteilung. Er vertritt den Standpunkt, Politik und Regulierer seien zu zögerlich vorgegangen bei ihrem Versuch, die Abhängigkeit von den Rating-Gesellschaften zu verringern. „Ratings sind nicht das heilige Werk Gottes”, sagt Jacob. „Sie sind ein Geschäft. Es ist ein Drahtseilakt, einerseits einen gewissen Marktanteil zu erlangen, und andererseits den Verlust der Glaubwürdigkeit zu riskieren.”

Die Branche wird von S&P, Moody's und Fitch Ratings dominiert. Die drei generieren zusammen einen Jahresumsatz von vier Milliarden Dollar (3,26 Milliarden Euro). Ihre 3.600 Analysten bewerten 2,73 Millionen Papiere im 43 Billionen Dollar schweren weltweiten Anleihenmarkt.

Die Ratingagenturen hatten zur schlimmsten Finanzkrise seit 1929 beigetragen, indem sie Papieren, die auf minderwertigen Hypotheken basierten, hohe Qualität bescheinigten. Seither hat die Reputation der Agentur am Anleihemarkt weiter gelitten. Zur Zeit des Immobilienbooms wurden Analysten unter Druck gesetzt, komplizierte Investitionen günstig zu bewerten, um Aufträge von Wall Street-Banken zu gewinnen, stellte ein Ausschuss des US-Senats im vergangenen Jahr in einem Bericht fest. Mit der Unterstützung der Ratingagenturen machten die Banker aus riskanten Hypotheken Wertpapiere, die scheinbar ebenso sicher waren wie Staatsanleihen. So ließen sich immer mehr riskante Kredite ausreichen.

Laut Senatsbericht mussten Banken gelegentlich über eine Millionen Dollar für ein einziges Rating zahlen. Von den mit minderwertigen Hypotheken besicherten Wertpapieren, die in den Jahren 2006 und 2007 mit AAA bewertet wurden, wurden später etwa 90 Prozent auf Ramschniveau herabgestuft.

Kommentare (8)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

12.07.2012, 11:16 Uhr

Schön das es endlich mal einer von denen offen ausspricht, es ändert aber nichts an den Tatsachen. Schade das Europa erst lange diskutieren muss anstatt endlich zu entscheiden und die Gesetze endlich zu übernehmen.

Hermann.12

12.07.2012, 11:27 Uhr

Man muss dazu nicht viel sagen.
Es gibt eine Bedarf für Ratings, egal welchen Gehalt sie haben. Das ist ähnlich wie die Zertifizierungwut oder Qualifikationswut bei uns.
Letztlich sind das alles Versicherungen gegen Verantwortung gegenüber Kunden oder Bürger.
Ihr Zweck ist es Risikopositionen mit Risikoprämie (hohe Gehälter) besetzen zu können, ohne das isiko wirklich zu tragen.
Sie sind existentiell voraussetzender Teil für die Finanzkrise, weil ohne Rating oder Zertifizerung die persönliche Haftung viel zu groß wäre, m solche Risiken einzugehen.
Deshalb sind sie besonders bei inkompetenten Politikern beliebt.

H.

btw

12.07.2012, 12:20 Uhr

nettes abschiedsgeschenk...
gleichwohl wird einmal erneut deutlich, dass ratings erwartungen und einschätzungen darstellen:
das ist nicht neu.
neu dürfte für die ratingagenturen allerdings gewesen sein, wie auf deren einschätzungen reagiert wurde.
fast logisch, dass man dort ausprobieren wollte, wie weit man gehen kann: fast schon wie eine einladung zum tanz....
das s&p bekannt wurd auch mit scheinbar versehentlichen mail-aussendungen zu beabsichtigten oder nicht beabsichtigen ratings zeigt, dass man sich auch in den rating agenturen vermutlich ersteinmal an die "neue" rolle gewöhnen mußte.
dass dabei viel zerstört wurde, ja ländervolkswirtschaften förmlich ausgepowert erschienen zeigt, wie empfindlich finanzsysteme insgesamt geraten erscheinen.
in so einem sud läßt sich natürlich hervorragend verdienen.

aus wessen kosten, dürfen alle derzeit und vermutlich auch künftig bewundern...


Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×