Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

20.05.2015

06:28 Uhr

Tabubruch für Justitia

Gateley will als erste Kanzlei in London an die Börse

VonKatharina Slodczyk

Es dürfte ein Schritt sein, den die Branche sehr gespannt verfolgt: Die britische Anwaltskanzlei Gateley will in diesem Monat an die Börse – zum ersten Mal wagt eine Sozietät auf der Insel den Gang aufs Parkett.

Nach einer australischen Kanzlei strebt jetzt erstmals ein britisches Anwaltsbüro an die Börse. Getty Images

Nach einer australischen Kanzlei strebt jetzt erstmals ein britisches Anwaltsbüro an die Börse.

LondonDie genauen Details dieser Premiere sind noch unklar, doch das Ziel steht bereits fest: Gateley will mit den Einnahmen aus dem Börsengang seine Expansion finanzieren. Man wolle das Geschäft geografisch ausbauen und die Zahl der Felder, in denen man aktiv sei, erweitern, sagte Gateley-Chef Michael Ward in den vergangenen Tagen in Interviews mit britischen Medien.

Experten schätzen den gesamten Wert der Kanzlei auf etwa 130 bis 140 Millionen Pfund (umgerechnet gut 190 Millionen Euro). Der Gang aufs Börsenterrain solle etwa zehn Millionen Pfund einbringen, heißt es in der Branche. Gateley zählt in Großbritannien zu den mittelgroßen Kanzleien. Der Umsatz im Geschäftsjahr bis Ende April 2014 lag bei knapp 55 Millionen Pfund und der Vorsteuergewinn bei 7,4 Millionen Pfund.

Es ist eine Änderung des britischen Rechts aus dem Jahr 2011, die das Listing von Gateley an der Wachstumsbörse AIM der Londoner Börse LSE möglich macht. Bis dahin nämlich war es kanzleifremden Investoren nicht möglich, sich an einer Sozietät zu beteiligen.

So läuft ein Börsengang ab

1. Auswahl einer Emissionsbank

Hat sich die Führungsebene eines Unternehmens zu einem Börsengang entschlossen, sind diverse Vorbereitungen zu treffen. Zunächst müssen Gespräche mit Banken geführt werden, um einen geeigneten Partner bei der Durchführung des IPO zu finden. Im weiteren Verlauf wird in der Regel eine der Banken zum Konsortialführer bestimmt, oftmals gehören dem Konsortium weitere Banken an, die an der Emission ebenfalls beteiligt werden.

2. Durchführung einer Unternehmensanalyse

Um die geplante Gesellschaft zu analysieren, wird eine Due Diligence-Prüfung durchgeführt. In deren Verlauf wird der Unternehmenswert ermittelt. Die Analyse mündet in der Formulierung eines rechtlich verbindlichen Börsenprospektes, der Voraussetzung für den Handel an der Börse ist.

3. Roadshow

Im Rahmen einer so genannten Roadshow wirbt das Unternehmen auf Basis des Börsenprospektes Investoren für den eigenen Börsengang. Dabei werden die Informationen der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Ziel einer Roadshow ist es darüber hinaus, das potenzielle Interesse an den Aktien des eigenen Unternehmens auszuloten.

4. Festlegen eines Emissionspreises

Nach der Roadshow legen die Konsortialbanken eine ihrer Meinung nach angemessene Preisspanne fest, in deren Rahmen die Unternehmensaktien gezeichnet werden sollten. Der Emissionspreis liegt gemeinhin im Rahmen dieser so genannten Bookbuildingspanne und wird in Folge festgelegt. Alternativ kann die Gesellschaft auch einen Festpreis bestimmen.

5. Zuteilung der Aktien

Nach Festlegung des Emissionspreises können die Anteilsscheine den Investoren zugeteilt werden. Dabei werden die Aktien öffentlich zur Zeichnung angeboten. Während dieser vorher festgelegten Zeichnungsfrist legen sich potenzielle Anleger auf eine bestimmte Stückzahl fest. Ist die Nachfrage nach Aktien größer als das Angebot, spricht man davon, dass der Börsengang "überzeichnet" ist. Dann wird bestimmt, wie die Anteilsscheine zugeteilt werden.

6. Erstnotiz

Nach erfolgreicher Zuteilung der Aktien werden die Papiere erstmals an den Börsenparketts gehandelt. Dabei wird ein erster Kurs festgestellt, die so genannte Erstnotiz. Von diesem ersten Börsenkurs ist abhängig, ob die Investoren – in Abhängigkeit von dem gezahlten Emissionspreis – Zeichnungsgewinne oder -verluste einfahren.

7. Regulärer Handel an der Börse

Die Anteilsscheine können nun regulär am Kapitalmarkt gehandelt werden. Allgemeine Informationen zum Kauf und Verkauf von Wertpapieren können Sie zum Beispiel hier einsehen.

Quelle

Weltweit war die australische Kanzlei Slater & Gordon die erste, die an die Börse ging. Die Marktkapitalisierung blieb lange sehr sehr konstant und ist erst seit Mitte 2013 deutlich angestiegen. Dass Slater & Gordon Fremdinvestoren ins Boot nahm, galt damals als ein großer Tabubruch in der Branche und löste Besorgnisse aus, dass die anwaltliche Unabhängigkeit auf dem Spiel stehen könnte.

Die Befürchtungen haben sich bisher Beobachtern zufolge nicht bestätigt. Doch die Skepsis gegenüber Börsengängen ist offenbar geblieben: Nach einer Umfrage des Informationsdienstleisters Thomson Reuters erwägen derzeit nur vier der 100 führenden Sozietäten den Sprung aufs Parkett. Ein größerer Anteil zieht Beteiligungen von Private-Equity-Gesellschaften vor und noch mehr Befragte präferieren die Ausgabe von Anleihen, um sich neues Kapital zu beschaffen.

„In der Regel wächst man in unserer Branche durch Zusammenschlüsse oder eher langsam und stetig auf organische Art und Weise“, heißt es bei einem Gateley-Konkurrenten. „Dass Expansionspläne allein nicht zu schultern sind, kommt selten vor.“ Er sieht daher kaum Nachahmer für das Gateley-Wachstumsmodell.

Investmentbanker sehen das anders und hoffen, dass ein erfolgreicher Börsengang der Kanzlei auch anderen in der Branche zeigt, dass dies ein gangbarer Weg ist. Vor allem hoffen Banker jetzt aber auf eines: dass die eher ruhigen Zeiten im Geschäft mit Börsengängen auf der Insel enden. Wegen der Unsicherheit über den Ausgang der Parlamentswahlen hatten einige Unternehmen ihr Listing aufgeschoben.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×