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02.03.2012

09:27 Uhr

Testament

Der Kampf ums Erbe

VonJessica Schwarzer

Die Deutschen erben Jahr für Jahr mehr als 200 Milliarden Euro. Streit unter Hinterbliebenen gehört zum Alltag. Je höher der Nachlass, desto größer das Streitpotenzial. Mit einem Testament lässt sich Streit vermeiden.

Ein Testament wird verfasst: Ohne letzten Willen greift die gesetzliche Erbfolge. dpa

Ein Testament wird verfasst: Ohne letzten Willen greift die gesetzliche Erbfolge.

DüsseldorfDie Verwunderung ist groß: Als der 67-Jährige nach langer, schwerer Krankheit stirbt, müssen seine beiden Töchter aus erster und zweiter Ehe nicht nur feststellen, dass er seine Lebensgefährtin vor einigen Jahren geheiratet hatte. Sie kommen auch im Testament ihres Vaters nicht mehr vor. Enterbt! Die dritte Ehefrau soll alles bekommen – Haus, Bargeld, Kunst, alles in allem ein Vermögen im siebenstelligen Bereich.

Doch damit wollen sich die Töchter nicht abfinden, schließlich steht ihnen zumindest ein Pflichtteil zu. Das sieht die Witwe ihres Vaters anders. Nun wird heftig gestritten. Der Fall beschäftigt seit Monaten die Anwälte und bald wohl auch das Gericht.

Kein Einzelfall, wissen Experten. „Ein typisches Beispiel für ein Testament, das keinen Frieden stiftet“, sagt Thomas Diehn, Geschäftsführer der Bundesnotarkammer in Berlin. „Den Kindern steht ein Pflichtteil zu.“ Da sei Ärger programmiert. 

Fallstricke

Erbfolge

Ohne Testament gilt die gesetzliche Erbfolge. „Stirbt ein Ehepartner, erbt der überlebende Partner“, erklärt Thomas Diehn, Geschäftsführer der Bundesnotarkammer. „Gibt es Kinder – egal, ob ehelich oder unehelich – erben diese ebenfalls.“ Dann bekommt der Ehepartner 50 Prozent und die Kinder teilen sich die verbleibenden 50 Prozent zu gleichen Teilen. Bestand beim Erbfall Gütertrennung, hätten die dritte Ehefrau und die beiden Kinder je ein Drittel geerbt. Gibt es weder Ehepartner noch Kinder, erben die Eltern des Verstorbenen. Sie sind übrigens auch Erben, wenn der Verstorbene verheiratet war, aber keine Kinder hatte. „Ohne gültiges Testament kann es dann zu ungewollten Erbengemeinschaften kommen“, so Diehn. „Die Eltern müssen sich dann mit ihrer Schwiegertochter oder ihrem Schwiegersohn einigen – nicht immer eine einfache Konstellation.“ Das lässt sich durch eine intelligente Nachlassplanung vermeiden.

Teurer Erbschein

Liegt ein Testament vor, muss kein Erbschein beim Nachlassgericht erstellt werden. Dieser Erbschein ist übrigens deutlich teurer als ein Testament beim Notar. Wer einen Nachlass über 200.000 Euro regelt, zahlt beim Notar 424 Euro für ein Testament. Der Erbschein kostet mindestens 714 Euro, die mit einer notariellen Urkunde gespart werden können.

Verschwundener letzter Wille

Erben müssen wissen, dass es ein Testament gibt und wo sie es finden. Wer sein Testament beim Notar oder Amtsgericht hinterlegt, kann dies im „zentralen Testamentsregister“ (ZTR) registrieren lassen. Die Registrierung kostet einmalig 15 beziehungsweise 18 Euro. „Es soll vor allem gewährleisten, dass ein Testament im Erbfall auch schnell gefunden wird“, sagt Diehn.

Berliner Testament

Wählen Eheleute ein Berliner Testament, dann setzen sie sich gegenseitig als Alleinerben ein. Sind beide tot, erben die Kinder zu gleichen Teilen. Wichtig: Der überlebende Elternteil kann diese Quote nicht verändern. Es sei denn, es gibt eine entsprechende Klausel, die dies erlaubt. Auch ein neues Testament des länger Lebenden gilt nicht – das Berliner Testament geht immer vor.

Erbengemeinschaft

In vielen Fällen kommt es zu den so unbeliebten Erbengemeinschaften. Drei Geschwister erben beispielsweise gemeinsam ein Miethaus, das Haus der Eltern und ein Barvermögen. Das lässt sich durch Testamente steuern beziehungsweise intelligent aufteilen.

Kaum ein Thema löst so zuverlässig Familienstreit aus wie die Vermögensnachfolge. Bei jeder sechsten Erbschaft in Deutschland kommt es zum Streit. Das hat eine repräsentative Studie der Postbank ergeben. Übersteigt der Wert des Nachlasses die Summe von 100.000 Euro, sogar in jedem vierten Fall. „Je größer der Nachlass, desto mehr wird gestritten“, sagt Jan Bittler, Rechtsanwalt und Geschäftsführer der Deutschen Vereinigung für Erbrecht und Vermögensnachfolge (DVEV).

Und da es nur bei jeder fünften Erbschaft Alleinerben gibt, ist das Streitpotenzial groß. Häufigste Ursache ist, dass einige Hinterbliebene sich benachteiligt fühlen (73 Prozent). Und immerhin 57 Prozent geben in der Postbank-Studie an, dass die Hinterbliebenen schon vor dem Erbfall zerstritten gewesen seien.

Kommentare (2)

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Baluba

02.03.2012, 12:43 Uhr

Leider werden in dem Beitrag nicht die Rechte von Pflichtteilsempfängern kommentiert. Mir kommt das Erbrecht wie eine Schweinezucht vor. Die gut geratenen Kinder kommen zur Aufzucht und die weniger gut geratenen in die Wurst.
Selbst bei eine eidesstattliche Erklärung der Erben - die nicht den korrekten Nachlasswert wiedergibt, da der Wert des Nachlasses für den Pflichtteilsempfänger aus rechtlichen Gründen nicht kontrollierbar ist - wir vor dem Gericht stets ein Vergleich angestrebt, um die fälligen Zinsen nicht bezahlen zu müssen. (Die Angelegenheit wird in die Länge gezogen, obwohl das Pflichtteil sofort fällig ist.)
Man hat das Gefühl, dass konservative Kreise die Pflichtteilsansprüche grundsätzlich entfallen lassen möchten.

Account gelöscht!

05.03.2012, 11:59 Uhr

Das Thema rückt stark in den Fokus. Denn die Deutschen sitzen auf riesigen Vermögen, die teilweise später nicht so aufgeteilt werden, wie es vorgesehen war. Im Sachwert Magazin hat eine Serie zu dem Thema begonnen:
www.sachwert-magazin.de
http://emagazin.sachwert-magazin.de

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