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10.01.2011

10:25 Uhr

Thomas Mayer

„Der Druck in den Märkten ist enorm“

VonDorit Marschall

Die Schuldenkrise in Europa weitet sich aus, der Handlungsdruck auf die Regierungen wächst. Was ist nun zu tun, um den Euro zu retten und die Märkte zu beruhigen? Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, erklärt im Gespräch mit Handelsblatt-Redakteurin Dorit Heß die Lage der Eurozone.

Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank Pressebild

Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank

Handelsblatt: Portugal will diese Woche Anleihen begeben, alles zittert. Warum hängen Staaten derart vom Vertrauen der Investoren ab?

Thomas Mayer: Weil ein Staat nicht wie Sie oder ich seine Hypothek zurückbezahlt und schuldenfrei ist. Ein Staat rollt seine Schulden immer weiter. Es kommen Bonds zur Rückzahlung, die wiederum ersetzt werden durch neue. Wenn diese Fähigkeit verloren ist, steht der Staat vor der Pleite. Genau das ist im Gange. Diverse Pensionsfondsmanager beschließen, aufgefordert von ihren Anlageausschüssen, die als Treuhänder dazu verpflichtet sind, keine Anleihen der Euro-Randländer mehr zu kaufen. Ganze Klassen an Investoren gehen verloren.

Handelsblatt: Wird der Dominoeffekt weitergehen?

Mayer: Solvenzprobleme haben Griechenland, Irland und vermutlich Portugal. Der Rest der Euro-Länder kann für sich selbst stehen.

Handelsblatt: Reden wir die Probleme also nur groß?

Mayer: Nein, der Druck in den Märkten ist enorm und hat die Politik zum Handeln gezwungen. Aber nicht ausreichend: Bislang kooperieren die Europäische Zentralbank, die EU-Kommission und der IWF, eine eigene europäische Institution haben wir nicht. Solange die EZB hineingezogen wird, sinkt der Druck auf die Staaten, sich selbst um ihre Solvenz zu kümmern. Dadurch kann auf lange Sicht die Währung weich werden. Bis zum Jahresende werden wir daher grundlegend die Architektur der Währungsunion ändern.

Handelsblatt: Hoffen oder erwarten Sie das?

Mayer: Wir haben keine andere Wahl, wenn die Währungsunion langfristig bestehen soll. Die Finanzkrise hat die Mängel in der Statik der Währungsunion aufgedeckt. Der Stabilitäts- und Wachstumspakt konnte die Überschuldung der Länder nicht verhindern, die durch die Nachlässigkeit der Märkte befördert wurde. Ich habe ihn damals einen "Pakt mit Gebiss" genannt.

Handelsblatt: Weil sich Gebisse rausnehmen lassen?

Mayer: Genau. Das ist zwar besser als gar keine Zähne, aber zu wenig.

Handelsblatt: Sind Euro-Bonds denn ein gutes Instrument?

Mayer: Wir hatten sie ja bereits, zumindest virtuell. In der heilen Welt diskriminierte der Markt nicht zwischen griechischer und deutscher Bonität, die Renditeunterschiede waren minimal. Die Finanzkrise trennte die Spreu vom Weizen der Schuldner, der virtuelle Euro-Bonds platzte. Dann entstand die Idee, Euro-Bonds administrativ einzuführen, also die Euro-Länder einen Teil ihrer Schulden gemeinschaftlich refinanzieren zu lassen.

Kommentare (29)

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Stefan L. Eichner

10.01.2011, 10:11 Uhr

ich halte es für verfehlt, die Währungsunion als das zentrale Problem anzusehen. Als die Entscheidung, sie zu verwirklichen, fiel, war klar, dass es keine politische Union geben würde und die Stabilisierung der nationalen Volkswirtschaften vollständig und der Abbau der Disparitäten innerhalb der Union zum Teil in der Verantwortung der Regierungen liegen würde. Dazu gehört eine verantwortliche Haushaltspolitik, vor allem aber eine gute Wirtschaftspolitik. Dieser Verantwortung sind die Regierungen jedoch - mit unterschiedlichen Abstufungen – nicht gerecht geworden.

Das hat auch Jean-Claude Trichet sehr richtig gesagt.

Die europäische Krise jetzt als Euro-Krise zu sehen, geht deswegen im Prinzip an der Realität vorbei. Die Staats- und Regierungschefs haben ein anderes zentrales Problem, nämlich die beantwortung der Frage, wie sie wieder zu einem tragfähigen europäischen Wachstumsmodell gelangen können, das die gesamte Union einschließt, denn das bisherige funktioniert seit der Krise nicht mehr, vor allem für die Krisenstaaten nicht.

Das wird indes nicht gesehen – auch von Herrn Mayer offensichtlich nicht. Stattdessen sieht man die Verschuldung als ein für sich stehendes Problem, das mit chirurgischer Präzision, das heißt durch eisernes Sparen, gelöste werden kann. Das ist ein irrtum, denn es hilft den kleineren EU-Staaten nicht, ihre Volkswirtschaften wieder zu stabilisieren.

Ein neue, tragfähige Wachstumsstory für die EU als Ganzes zu finden, ist unumgänglich, um das Vertrauen der Märkte zurück zu erlangen. Es ist deswegen eine Aufgabe, der sich alle EU-Mitgliedsaaten widmen müssen und nicht nur die Krisenstaaten.

Bruno

10.01.2011, 10:13 Uhr

bei Einführung von Eurobonds wird auch die Rendite von bundesanleihen steigen. Der Steuerzahler muß die erhöhten Zinsen bezahlen und die besitzer von bundesanleihen werden durch Kursverluste richtig viel Geld verlieren.

aruba

10.01.2011, 12:16 Uhr

Guten Tag,..... es ist erstaunlich dass endlich jemand bemerkt dass wir Eurobonds schon mal hatten. Herr Juncker braucht kaum Nachhilfe von " Chefvolkswirten ". Er war schon dabei als sich die " Chefs " noch in die Windeln geschi.... haben. / ( Manche tun es ja immer noch ). besten Dank

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