Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

15.05.2012

07:49 Uhr

Umfrage

Investoren kehren Aktien den Rücken

VonIngo Narat

Anleger verabschieden sich von Aktien und bauen stattdessen Anleihen auf. Das geht aus einer von State Street initiierten Umfrage unter 166 Vermögensverwaltern hervor. Investoren wollen vor allem ihre Risiken senken.

Aktien werden auch durch strenge Regularien weniger attraktiv. dapd

Aktien werden auch durch strenge Regularien weniger attraktiv.

FrankfurtDie institutionellen Investoren orientieren sich völlig neu. „Was sich bei ihnen abspielt, ist ein markanter Umbruch und eine komplette Neubewertung der Vermögensklassen“, sagt Wolfgang Hötzendorfer, Leiter des großen Vermögensverwalters State Street Global Advisors in Deutschland. Er beobachtet: „Investoren senken Risiken, verabschieden sich von Aktien, bauen Anleihen auf, vor allem jene aus Schwellenländern.“

Die Aussagen basieren auf einer von State Street im März initiierten Umfrage unter 166 Vermögensverwaltern aus 25 europäischen Ländern. Das Datenmaterial liegt dem Handelsblatt vor. Befragt wurden die Asset-Manager unter anderem nach den Handlungsmotiven ihrer institutionellen Anleger wie Versicherungen, Pensionsfonds und Stiftungen.

Nach Angaben der Verwalter wollen die Investoren vor allem ihre Risiken senken, sie suchen gleichzeitig neue Ertragsquellen - und sie sind getrieben von der hohen Regulierungsdichte. Das setzt eine Umorientierung bei den Kapitalanlagen in einer Dimension in Gang, die laut State Street nur einmal in einer Generation zu beobachten ist.

Die Abkehr von der Aktie ist einer der entscheidenden Trends. Ein Grund dafür sind die teils hohen Verluste und großen Schwankungen in diesem Jahrtausend. Zudem werden Aktien durch strenge Regularien weniger attraktiv.

Die zehn wichtigsten Aktien-Regeln

Eigene Strategie festlegen

Gegen die größer werdenden Unwägbarkeiten sollte man sich zuallererst mit einer Strategie wappnen: Wer an kräftiges Wachstum in Deutschland glaubt, an einen anhaltenden Boom der Schwellenländer und hohen privaten Konsum, kann weiter am Aktienmarkt investieren. Wer skeptisch ist, sollte seine Bestände hingegen nicht aufstocken.

Widerstandskraft zeigen

Eng verbunden mit der ersten Regel: Immer wieder kommt es vor, dass sich Dinge anders entwickeln, als man erwartet hat. Es ist wichtig, sich selbst immer wieder zu hinterfragen und nicht jeder Entwicklung hinterherzulaufen. Eine solche Reaktion zeugt nicht von einem geringen Vertrauen in die eigene Strategie. Es kostet meist auch Geld, weil die Masse schon vorher diese Richtung eingeschlagen und das Gros an Rendite eingefahren hat.

Richtig mischen

Groß oder klein, spekulativ oder konservativ, liquide oder illiquide, dividendenstark oder dividendenschwach, Substanz oder Wachstum: Bei Aktien ist die Auswahl riesig. Der richtige Mix aus spekulativen und konservativen Titeln hilft, Schwankungen zwischen guten und schlechten Zeiten auszugleichen. Nicht zu unterschätzen sind starke Dividendenzahler, die Jahr für Jahr den Grundstock für eine solide Rendite legen.

Barrieren einbauen

Keine Frage, die Börsen haben in den vergangenen zehn Jahren stärker geschwankt als in allen Dekaden zuvor. Das wird so bleiben, mit wachsendem Computerhandel sogar noch zunehmen. Wer sein Risiko minimieren will, baut Barrieren ein – sogenannte Stopps. Gerne werden Stopps bei 20 Prozent über und unterhalb des aktuellen Kurses gewählt. Dann wird automatisch verkauft, wenn diese Grenzen erreicht sind. Kommt eine Phase überraschend steigender Kurse mit anhaltendem Aufwärtstrend, lässt sich die Barriere leicht nach oben verschieben. Wichtig ist dann, auch die Barriere am unteren Ende nachzuziehen.

Herdentrieb beobachten

Wichtig in Phasen überraschender Kurssteigerungen oder -stürze ist es, das Verhalten der Masse zu beobachten. Ist es noch nachvollziehbar oder völlig irrational? Häufig ist es irrational. Dann hilft meist die zweite Regel: Widerstandskraft zeigen. Nach einigen Monaten kehrt die Rationalität von ganz allein zurück. Der Kurssturz aus dem vergangenen Jahr und die jüngste Entwicklung beweisen das gerade wieder.

Risiko rausnehmen

Sind Aktien wie seit Jahresbeginn schon um 30, 40 oder gar 50 Prozent gestiegen, dann sind Anschlussgewinne in der Regel nur noch schwer zu erzielen. Phrasenverdächtig ist zwar die alte Weisheit: „An Gewinnmitnahmen ist noch niemand zugrunde gegangen.“ Richtig ist sie trotzdem.

Insidern folgen

Firmenchefs haben einen gewaltigen Vorteil gegenüber normalen Aktionären. Sie wissen weit mehr als jeder Analyst oder Kommentator, wie es in ihrem Unternehmen aussieht. Insider nennt man sie deshalb. Sie melden ihre Orders innerhalb von fünf Handelstagen an die Börsenaufsicht Bafin. Das Handelsblatt veröffentlicht alle zwei Wochen das sogenannte Insider-Barometer, das aus der Summe aller Kauf- und Verkaufsorders Schlüsse für den weiteren Verlauf in Dax & Co. zieht. Jüngste Tendenz: Vorstände und Aufsichtsräte verkaufen mehr als sie kaufen. Vorsicht also!

Geopolitische Ereignisse beachten

Terroranschläge und Naturkatastrophen kommen unerwartet. Politische Konflikte wie zwischen Israel und dem Iran schwelen meist länger. Auch entscheidende Wahlen sind vorhersehbar und haben immer Einfluss auf die Börse. Dabei gilt generell: Wahljahre sind gute Börsenjahre.

Auf reale Werte setzen

Mit Optionsscheinen oder Bonus-Zertifikaten lässt sich zwar aus einem Aufwärtstrend ein noch größerer Profit schlagen. Dies sind jedoch in der Regel Wetten ohne realen Hintergrund. Aktien sind reale Werte.

Moden misstrauen

Vor allem Aktien einzelner Branchen unterliegen immer wieder gewissen Moden. Doch die wechseln wie im realen Leben, und manchmal geht das schneller, als man denkt. Das bekommt gerade die einst angesehene Solarenergie-Branche bitter zu spüren.

In Zeiten der Angst vor Emittentenpleiten und der Mini-Zinsen für erstklassige Staatspapiere bauen die Investoren ihre Bondbestände um. „Die Investoren bauen Anleihen auf, vor allem jene aus Schwellenländern“, erkennt Hötzendorfer. Das kann er nachvollziehen, „denn fundamental sehen die meisten Schwellenländer viel besser aus als die Industrieländer“. Und hier locken auch höhere Renditen. Staatstitel aus den kriselnden Euro-Ländern sind wegen der Bonitätsrisiken und der Zinssteigerungsgefahr kaum noch gefragt.

Wenn der risikolose Zins gegen null geschrumpft ist, dann müssen die Großinvestoren nach Ersatz für die jetzt fehlenden laufenden Erträge suchen. Und sie suchen zusätzlich jenseits der traditionellen Wertpapierformen. Auf den Radarschirmen sind laut der State-Street-Umfrage nun auch Hedge-Fonds, Immobilien und Private Equity.

Diese Entwicklungen forcieren nach Ansicht vieler Experten eine Spaltung der Vermögensverwalterbranche. Gefragt sind in Zukunft große Anbieter mit umfassendem Produktangebot in vielen Segmenten, die Kunden „aus einer Hand“ bedienen können. Chance haben auch kleine Adressen mit besonderen Fähigkeiten in einzelnen und gesuchten Vermögensklassen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×