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27.04.2011

18:00 Uhr

Umschuldungsängste

Zinsen für Griechen-Anleihen steigen über 25 Prozent

Die Kurse von Griechenlands Staatsanleihen rutschen immer weiter ab, die Renditen steigen in extreme Höhen. Allen Dementis und Warnungen zum Trotz, rechnen die Märkte offenbar fest mit einer Umschuldung.

Griechenlands Finanzminister George Papaconstantinou. Der Weg zum Kapitalmarkt ist verbaut. Quelle: dpa

Griechenlands Finanzminister George Papaconstantinou. Der Weg zum Kapitalmarkt ist verbaut.

FrankfurtDie Lage an den Finanzmärkten wird für das hoch verschuldete Griechenland immer schwieriger: Anhaltende Umschuldungsgerüchte treiben die Renditen der Staatsanleihen in Rekordhöhe. So stieg die Rendite zweijähriger griechischer Staatsanleihen am Mittwoch erstmals seit Gründung der Währungsunion über die Marke von 25 Prozent.

Zeitweilig kletterte die Rendite auf bis zu 25,4 Prozent. Dagegen liegt die Rendite für zweijährige deutsche Staatspapiere derzeit bei 1,76 Prozent. Der Grund ist die erstklassige Bonität Deutschlands.

Dass die Marktteilnehmer eine Umschuldung Griechenlands für nahezu unumgänglich halten, zeigt auch der Blick auf die zehnjährigen Staatsanleihen. Deren Kurs fiel in der Spitze auf rund 53,50 Zähler, die Rendite stieg auf mehr als 16,4 Prozent. So viel haben die Anleihen seit Einführung des Euro noch nie abgeworfen. Für das hoch verschuldete Land ist der Weg an den Kapitalmarkt angesichts der extrem hohen Zinsen praktisch verbaut.

Wie eine Umschuldung Griechenlands aussehen könnte

Haircut

Die griechische Regierung erklärt sich für zahlungsunfähig und handelt mit ihren Gläubigern einen Forderungsverzicht (Haircut) aus. Für die Geldgeber kann das sehr teuer werden: Bei den vom Internationalen Währungsfonds (IWF) untersuchten Staatspleiten zwischen 1998 und 2005 musste sie zwischen 13 Prozent (Uruguay) und 73 Prozent (Argentinien) ihres Investments abschreiben. Griechenland könnte seine Schuldenlast von mehr als 340 Milliarden Euro auf diese Weise zwar mit einem Schlag deutlich reduzieren, würde aber seine Kreditwürdigkeit am Finanzmarkt auf Jahre verspielen und sich den Zugang zu frischem Geld verbauen. Auch andere Sorgenkinder wie Irland und Portugal würden dann noch größere Probleme haben, sich neues Geld am Markt zu leihen. Ein weiteres Problem: Die Gläubiger sind vor allem Banken aus Griechenland und anderen Euro-Ländern, denen milliardenschwere Verluste drohten, was wiederum eine neue Finanzkrise auslösen könnte.

"Sanfte Umschuldung"

Eine mildere Form der Umschuldung wäre eine längere Laufzeit der vom IWF und der Europäischen Union gewährten Kredite von 110 Milliarden Euro - verbunden womöglich mit einer erneuten Senkung des Zinssatzes, den Griechenland für die Hilfen zahlen muss.Eurogruppen-Chef Juncker will auch die privaten Gläubiger mit ins Boot holen. Dem Krisenland soll so mehr Zeit eingeräumt werden, seine Schulden zurückzuzahlen und sein Sparprogramm umzusetzen. „Reprofiling“ nennt Jucker das. Ob private Gläubiger dazu gebracht werden sollen, Griechenland eine Atempause zu gewähren und dabei auf Geld zu verzichten, ist offen. Die Commerzbank rechnet nur dann mit einem Erfolg, wenn den Anlegern dafür Rückzahlungsgarantien ausgestellt werden. Das Problem: Die über Jahre angehäuften Staatsschulden müssten auf einen Schlag mit Garantien unterlegt werden - für die am Ende die Steuerzahler in anderen Ländern haften müssen.

Brady-Bonds

Diese Lösung hat in den achtziger Jahren Schule gemacht. Der damalige US-Finanzminister Nicholas Brady handelte einen nach ihm benannten Plan aus, der etliche lateinamerikanische Staaten vor der Pleite rettete. Übertragen auf Griechenland würde er wie folgt funktionieren: Banken und andere private Gläubiger tauschen die riskanten griechischen Staatsanleihen zum Marktpreis gegen Papiere ein, die von der Euro-Zone mit einer Garantie versehen werden. Die Gläubiger müssten damit auf einen Teil ihrer Ansprüche verzichten, denn am Markt werden die griechischen Bonds wegen des hohen Ausfallrisikos derzeit mit großen Abschlägen zum Ausgabepreis gehandelt - bei zehnjährigen Bonds sind es fast 40 Prozent. Der Vorteil: Die neuen Papiere sind gesichert, die Gläubiger haben damit Planungssicherheit. Griechenland würde auf diese Weise seine Schuldenlast drücken.

Längere Laufzeiten

Eine mildere Form der Umschuldung wäre eine längere Laufzeit der vom IWF und der Europäischen Union gewährten Kredite von 110 Milliarden Dollar - verbunden womöglich mit einer erneuten Absenkung des Zinssatzes, den Griechenland für die Hilfen zahlen muss. Nach einem Bericht des „Wall Street Journals“ hält der IWF die Schuldenlast für Griechenland intern für untragbar und soll daher eine Laufzeitverlängerung der Finanzhilfen auf bis zu 30 Jahre erwägen. Der IWF dementierte dies allerdings.

Pariser Club

Die Experten der Großbank UniCredit halten auf mittlere Sicht Verhandlungen zwischen Griechenland und dem Pariser Club für wahrscheinlich. Ihr Argument: Durch bilaterale Kredite und den Ankauf griechischer Anleihen durch die Europäische Zentralbank (EZB) wird der Anteil der öffentlichen Gläubiger an den Verbindlichkeiten Griechenlands auf mindestens 40 Prozent steigen. Im Pariser Club haben sich 1956 die wichtigsten Gläubigerstaaten zusammengeschlossen und seither 421 Umschuldungsabkommen mit 88 Staaten - von Afghanistan bis Vietnam - im Wert von 553 Milliarden Dollar getroffen. Von 1985 und 1993 stand dem Pariser Club ein Mann vor, der auch in der Schuldenkrise eine zentrale Rolle spielt: EZB-Präsident Jean-Claude Trichet.

Zuletzt hatte unter anderem der Chef des weltgrößten Staatsanleihenhändlers Pimco, Mohamed El-Erian, schnelles Handeln gefordert, damit Griechenland die Europäische Währungsunion nicht in Gefahr bringe. Ohne eine „möglichst freiwillige und ordentliche Umschuldung“ werde der Mittelmeerstaat seiner Schuldenprobleme nicht Herr werden, schrieb El-Erian in einem Gastbeitrag für das Handelsblatt. Im Falle Griechenlands sei bereits eine zu große Schuldenlast auf öffentliche Institutionen und die Steuerzahler abgewälzt worden.

Für Griechenland und auch für Portugal war am Vortag ein noch höheres Staatsdefizit im vergangenen Jahr ausgewiesen worden als zuvor angenommen. Im Fall Griechenland lag das Defizit 2010 laut der Statistikbehörde Eurostat bei 10,5 Prozent statt zuvor ausgewiesener 9,6 Prozent. Erlaubt sind nach dem Maastricht-Vertrag höchstens drei Prozent.

Die Regierung in Athen dementiert Umschuldungspläne dagegen jeden Tag aufs Neue. Und auch europäische Politiker und Notenbanker warnen vor einem solchen Schritt. Der Chefvolkswirt der EZB, Jürgen Stark, sagte am Montag, eine Umschuldung berge unvorhersehbare Gefahren. Wenn es in strauchelnden Euroländern zu Umschuldungen komme, sei das auch für Banken ein großes Risiko. „Im schlimmsten Fall könnte die Umschuldung eines Mitgliedslandes die Auswirkungen der Lehman-Pleite in den Schatten
stellen“, mahnte Stark in einem Interview mit dem ZDF-Nachrichtenportal heute.de.

Kommentare (17)

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Finanzdiktatur

27.04.2011, 15:43 Uhr

Leben wir in einer Finanzdiktatur?

Die deutsche Europa-Politik ist für die Steuerzahler in Deutschland mittlerweile zu einem hohen Risiko geworden.
Sollten einige Pleitestaaten bei der Bewältigung der Eurokrise versagen, muss nun der deutsche Steuerzahler mit viel Geld auch dafür haften!

Angesichts der jüngsten Beschlüsse der Eurozonen-Finanzminister ( Banken-Komplizen ) zum letzten "Rettungsfonds" für klamme EU-Mitgliedstaaten ist das Grundproblem nicht gelöst.
Das Geschäftsmodell vieler Banken geht weiter:
Die Banken investieren für 2 stellige % in Staatsanleihen überschuldeter Pleitestaaten und refinanzieren sich für 1 % bei der EZB und das dank "Rettungsfonds" ohne Ausfallrisiko!!!

Auch der letzte "Rettungsschirm" wird schnell an seine Grenzen kommen und am Ende die Umschuldung dieser Pleitestaaten am deutschen Steuerzahler hängen bleibt.
Die Politik der Bundesregierung ( Banken-Komplize ) läuft darauf hinaus, dass der letzte Not-Fonds in großem Umfang in Anspruch genommen wird und es zu einer globalen Haftung des deutschen Steuerzahler kommt!!!

Schon mit den bisherig beschlossenen
"PIGS-Rettungspaketen" hat der Deutsche Bundestag zwei Drittel des Steueraufkommens des Bundes für die Staatsschulden anderer Länder verpfändet!!!

Erst geht die Peripherie pleite, dann Deutschland.

Der Euro endet spätestens dann, wenn Deutschland insolvent ist!

Wie lange werden die Menschen in Deutschland dem noch tatenlos zusehen?

Pseudodemokratie

27.04.2011, 15:49 Uhr

"Die wahren Finnen" zeigen das wahre Ausmaß der Euro-Katastrophe: Dort wo wirklich noch gewählt werden kann, sprechen sich die Menschen klar gegen Transfer-Union und Billionen-schwere Geldgeschenke an Griechenland, Irland, Portugal und Spanien aus!!!

EUweg

27.04.2011, 15:55 Uhr

Natürlich kommt die "Umschuldung" !
Und natürlich bricht auch die EU auseinder - GOTT SEI DANK !!!!!!!!!!!!

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