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04.10.2016

12:26 Uhr

Unternehmensbonds

Boom bei Anleiheemissionen erleidet wohl Dämpfer

Die italienische Volksabstimmung, eine mögliche Zinsanhebung sowie die US-Präsidentschaftswahlen könnten dazu führen, dass eine Belebung am Markt für Unternehmensanleihen ausbleibt. Anleger werden bereits vorsichtiger.

Die EZB will in den kommenden Monaten weiter Unternehmensanleihen kaufen. dpa

Zentralbank-Filiale in Frankfurt

Die EZB will in den kommenden Monaten weiter Unternehmensanleihen kaufen.

Die US-Präsidentschaftswahlen, eine mögliche Zinsanhebung durch die US-Notenbank Fed und eine Volksabstimmung in Italien könnten alle dazu beitragen, die Volatilität an den Märkten in den kommenden Monaten anzuheizen – gepaart mit Sorgen um die Deutsche Bank AG. All dies könnte dazu führen, dass am Markt für Unternehmensanleihen eine Belebung ausbleibt; nachdem sich Emissionen in Pfund-Sterling im vergangenen Quartal als Folge von Stimulusmaßnahmen der britischen Notenbank (BoE) verdoppelten und die Ausgabe von Anleihen in Euro ein Vier-Jahres-Hoch markierte, wie Bloomberg-Daten zeigen.

"Ein paar Wolken türmen sich auf", sagte Eden Riche, Leiter Syndizierung Hochzinsanleihen und Schwellenländer bei ING Bank NV in London. "Es wird nicht mehr lange Zeit ruhig dahinplätschern."

Anleger sind bereits vorsichtiger geworden. Die Kosten zur Absicherung gegen Zahlungsausfälle auf Unternehmenspapiere europäischer Emittenten im Segment Investmentgrade bewegen sich nahe einem Drei-Monats-Hoch, zeigt der Markit iTraxx Index für Kreditausfallswaps. Der Absatz gibt auch saisonbedingt im Oktober nach, nach einem Schub im September, als Folge des Sommerlochs. Denn Unternehmen bereiten sich auf die Berichtssaison vor, was mit sogenannten "Phasen der Funkstille" einhergeht.

Kaufkriterien der EZB für Firmenbonds

Welche Firmen werden gekauft

Grundsätzlich kann die EZB alle auf Euro lautenden Unternehmensanleihen kaufen, die ein Investment-Grade von einer der Ratingagenturen Standard & Poor's (S&P), Moody's, Fitch oder DBRS haben. Ausgeschlossen sind dabei Banken. Damit fallen auch die Anleihen von direkten Autobanken wie zum Beispiel der französischen RCI Banque weg. Möglich ist aber der Kauf von Anleihen der Autohersteller, wenn die Emission von einer Konzerntochter begeben wird, die nicht selbst eine Bank ist. Auch die Anleihen von Versicherern können gekauft werden.

Rating-Differenzierungen

Maßgeblich ist die beste Ratingeinstufung. Damit kann die EZB auch Anleihen von Unternehmen kaufen, die mehrere Ratingagenturen als Ramsch-Niveau für schwächere Schuldner einstufen. Ein für solche sogenannten „Crossover“-Bewertungen ist die Telecom Italia, die sich bereits im Portfolio der EZB befindet. Die Bonität der Telecom Italia bewerten die S&P und Moody's mit „BB+“ beziehungsweise „Ba1“ entsprechend schwächerer Bonität. Nur Fitch vergibt ein „BB+“ und sieht die Kreditwürdigkeit damit auf der untersten Stufe des Investment-Grade. Andere Beispiele für „Crossover-Kandiaten“-Unternehmen im Portfolio der EZB sind die Deutsche Lufthansa, Energias de Portugal und K+S.

Struktur der Anleihen

Die EZB beziehungsweise genauer die nationalen Notenbanken im Auftrag der EZB dürfen nur Anleihen erwerben, welche die Notenbank als Sicherheit akzeptiert. Dies sind herkömmliche Bonds. Nachrangige Anleihen von Unternehmen gehören nicht dazu, sind also damit auch für die Käufe tabu.

Sitz der Emittenten

Der Schuldner, der die Anleihen begibt muss einen Sitz in der Euro-Zone haben. Damit können auch Tochter-Unternehmen von Konzernen außerhalb Euro-Lands in den Genuss der EZB-Käufe kommen. Gekauft wurden so bereits Anleihen von zum Beispiel Nestlé und ABB aus der Schweiz, Shell und Unilever aus Großbritannien oder Schlumberger und Bunge aus den USA.

Laufzeit, Volumina und Renditen

Möglich sind Käufe von Firmenbonds mit Laufzeiten von sechs Monaten bis 31 Jahren. Bei Staatsanleihen beträgt die kürzeste Laufzeit zwei Jahre. Die Firmenbonds brauchen keine Mindestvolumina. Kaufen können die Notenbanken bis zu 70 Prozent einer einzelnen Anleihe. Bei staatlich dominierten Unternehmen liegt diese Grenze bei 50 Prozent. Die Rendite darf nicht unter minus 0,4 Prozent liegen, also dem Strafzins, den die EZB den Banken berechnet, wenn sie kurzfristig Geld bei der Notenbank parken.

Wo gekauft wird

Die nationalen Notenbanken können die Unternehmensanleihen im Handel erwerben oder sich auch an Neu-Emissionen im sogenannten Primärmarkt beteiligen. Nur bei Unternehmen, die vorwiegend in Staatsbesitz sind, ist der Primärmarkt - wie bei Staatsanleihen - für die Notenbanken tabu.

Wer kauft genau

Die EZB hat sechs Zentralbanken mit den Käufen beauftragt. Dabei kaufen die Deutsche Bundesbank, die Banque de France, die Banca d'Italia und die Banco d'Espana jeweils nur Anleihen von Unternehmen mit Hauptsitz in ihren jeweiligen Ländern. Die belgische und die finnische Zentralbank sind zudem für Käufe von allen anderen Ländern der Euro-Zone sowie für die Käufe der Bonds von Unternehmen mit ihrem Hauptsitz außerhalb der Euro-Zone zuständig.

Im laufenden Jahr könnten sich die US-Präsidentschaftswahlen am 8. November als weiterer Hemmschuh erweisen für die Absatzentwicklung im Oktober. Ein Kopf-an-Kopf Rennen könnte die weltweite Unsicherheit an den Märkten verstärken. Umfragen zufolge verfügt Hillary Clinton über einen knappen Vorsprung gegenüber ihrem Konkurrenten Donald Trump.

"Die Wahl könnte Sand ins Getriebe streuen", sagt Henrietta Pacquement, Portfoliomanagerin bei ECM Asset Management in London, Teil eines Investmentteams von Wells Fargo Asset Management, das Vermögenswerte im Umfang von etwa 480 Mrd. Dollar betreut. Es sei eindeutig ein Risikofaktor, der über dem Markt schwebe, merkt Pacquement an.

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