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15.08.2011

15:41 Uhr

US-Börsenaufsicht

SEC bedauert Verbot von Leerverkäufen

VonRolf Benders

Europa verbietet Leerverkäufe auf Finanzaktien. Mit einer ähnlichen Maßnahme hatte die US-Börsenaufsicht auf die Finanzkrise 2008 regiert. Heute sieht sie das Verbot als großen Fehler.

Die US-Börsenaufsicht Securities and Exchange Commission (SEC) machte bereits 2008 schlechte Erfahrungen mit dem Verbot von Leerverkäufen. Quelle: Reuters

Die US-Börsenaufsicht Securities and Exchange Commission (SEC) machte bereits 2008 schlechte Erfahrungen mit dem Verbot von Leerverkäufen.

New YorkIn den USA sprechen sich die meisten Wissenschaftler und Regulierer klar gegen ein Verbot von Wetten auf fallende Kurse aus. "Wenn die Zeiten turbulent werden, ist die Versuchung groß, Leerverkäufe dafür verantwortlich zu machen. Aber in der Realität tut man dem Markt damit keinen Gefallen", sagte James Angel, Wirtschaftsprofessor an der Washingtoner Georgetown-Universität.
Angel und andere Fachleute verweisen auf die Erfahrungen, die US-Behörden im Krisenherbst 2008 mit dem Verbot dieser von Profi-Händlern als "Alltagsgeschäft" betrachteten Art von Wertpapiertransaktion gesammelt haben. Dabei leiht man sich eine Aktie, um sie an der Börse zu verkaufen. Die Hoffnung: Wenn der Kurs fällt, erwirbt man sie zu einem günstigeren Preis zurück. Die Differenz zwischen dem hohen Verkaufserlös und niedrigeren Rückkaufpreis ist dann der Gewinn. Zumindest in der Öffentlichkeit ist die Annahme weit verbreitet, dass diese Strategie unnötig Druck auf Aktienkurse ausübt und zu einem Dominoeffekt führt.

Wie Leerverkäufe funktionieren

Was ist das Prinzip eines Leerverkaufs?

Bei normalen Leerverkäufen wetten Investoren auf fallende Kurse von Wertpapieren. Sie verkaufen Wertpapiere, die sie sich zuvor von anderen Anlegern gegen eine Gebühr geliehen haben, zu einem fest vereinbarten Kurs. Sinkt der Preis bis zum Lieferdatum, können sie sich billiger wieder eindecken und die geliehenen Papiere zurückgeben.

Wie verdient man an Leerverkäufen?

Die Differenz zwischen dem niedrigeren Kurs und dem höheren Verkaufspreis abzüglich der Gebühr streichen die Investoren - oft Hedgefonds - als Gewinn ein.

Was sind die Risiken bei Leerverkäufen?

Geht die Wette verloren, also steigt der Preis, besteht die Gefahr, dass die Anleger zu einem höheren Kurs wieder einsteigen müssen, um die geliehenen Papiere zurückzugeben. Dann droht ein Verlust in den Büchern der Leerverkäufer.

Wie unterscheiden sich ungedeckte Leerverkäufe?

Bei ungedeckten Leerverkäufen ist das Prinzip dasselbe. Allerdings haben sich die Investoren noch nicht einmal die Wertpapiere geliehen. Zum Lieferdatum besitzen die Händler von ungedeckten Leerverkäufen so keinerlei Papiere. Dadurch wird mit Anteilen gehandelt, die gar nicht existieren. Für den Markt erhöht das die Risiken deutlich. Kursausschläge werden dadurch um ein vielfaches verstärkt. Dann werden die Wetten der Investoren zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung: Wenn alle auf einen Kursverfall wetten, tritt dieser auch ein.

Was ist der Vorteil bei ungedeckten Leerverkäufen?

Im Erfolgsfall sind die Gewinnchancen höher, da keine "Leihgebühr" anfällt.

Sind Leerverkäufe denn nur zu verteufeln?

Leerverkäufe erfüllen oft auch einen wichtigen wirtschaftlichen Zweck. Denn damit können sich Firmen und andere Investoren gegen Kursrisiken absichern. Wer etwa in einigen Monaten Rohstoffe kaufen muss und mit höheren Preisen rechnet, kann durch einen erfolgreichen Leerverkauf in anderen Bereichen für Ausgleich sorgen. Zudem sorgen diese Geschäfte für ausreichende Liquidität an den Märkten.

Mit welchen Einschränkungen dürfen Leerverkäufe in Europa getätigt werden?

In Deutschland sind ungedeckte Leerverkäufe von Aktien und Staatsanleihen von Euro-Ländern seit einem Jahr per Gesetz ganz verboten. Nach dem Kollaps der US-Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 hatten viele Länder zumindest vorübergehend ähnliche Maßnahmen beschlossen. Um die Transparenz der Geschäfte zu erhöhen, hat die Finanzaufsicht BaFin zudem eine Meldepflicht für Leerverkäufe von Aktien der zehn größten deutschen Finanz- und Versicherungshäuser eingeführt. Ab März 2012 gilt ohnehin eine gesetzliche Meldepflicht für alle Leerverkäufe von Aktien.

Und was sagt die EU?

Auf Ebene der Europäischen Union (EU) ist das Vorgehen noch umstritten, vor allem was ein Verbot von Leerverkäufen mit Kreditausfallversicherungen (CDS) auf europäische Staatsanleihen betrifft. Das EU-Parlament dringt hier auf eine schärfere Regelung als die meisten Mitgliedsstaaten.

Als die Kurse der US-Institute nach dem Kollaps der Investmentbank Lehman Brothers Mitte September 2008 einbrachen, drängte die Politik die Aufseher deshalb zum Handeln. Die Börsenaufsicht SEC untersagte für die Zeit vom 18. September bis zum 8. Oktober 2008 jegliche Leerverkäufe für 799 Finanzaktien. Die Folge: Die Kurse zogen kurzfristig an - um dann allerdings noch innerhalb dieser Zeitspanne wieder voll auf den alten Abwärtstrend einzuschwenken. Die Maßnahme sei der "größte Fehler" seiner Amtszeit gewesen, urteilte Ende 2008 der damalige Chef der Börsenaufsicht SEC, Chris Cox, über seinen Notfallerlass. Die auf Druck der Politik eingeführte Maßnahme habe die Situation eher verschlimmert als verbessert.
So gut wie jedes in Fachzeitschriften veröffentlichte empirische Forschungsergebnis zeige, "dass die Kursfindung durch das Verbot von Leerverkäufen beeinträchtigt wurde", urteilte etwa Charles Jones, Finanzprofessor an der New Yorker Columbia-Universität. So seien die Kurse der betroffenen Firmen während der Zeit des Verbots stärker gefallen als der Gesamtmarkt. Außerdem sei die Differenz zwischen An- und Verkaufskursen wegen der geringeren Zahl der Wertpapieraufträge drastisch gestiegen. Eine größere Differenz zwischen An- und Verkaufspreis führt zu größeren Sprüngen von einem Kurs zum nächsten. Das bedeutet, das Verbot von Leerverkäufen produzierte sogar erratischere Kursbewegungen.

Kommentar: Hilflose Politik

Kommentar

Hilflose Politik

Das Verbot von Leerverkäufen kuriert nur Symptome, nicht die Ursachen der Schuldenkrise.

Einig sind sich US-Wissenschaftler heute, dass die damalige Maßnahme eine Panikreaktion der Politik war. "Ein solches Verbot zeigt nur eines: dass der Politik die Handlungsoptionen ausgegangen sind", sagt Angel.
Allerdings lehrt die Finanzkrise 2008 auch, dass Banker und Politiker in Paniksituationen ähnlich agieren. Denn es waren auf dem Höhepunkt der Finanzkrise gerade die Topmanager der Banken, die plötzlich die sonst so vehement von ihnen verteidigten Spekulanten dämonisierten. So verlangte damals ausgerechnet der später geschasste Chef der Investmentbank Morgan Stanley, John Mack, ein Einschreiten der Behörden: "Mir ist völlig klar, dass in diesen von Panik beherrschten Märkten Leerverkäufer unsere Aktien massiv nach unten drücken", schrieb er in einem Brief an seine Mitarbeiter.

Kommentare (3)

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Pendler

15.08.2011, 18:59 Uhr

Der Niedergang jeder Kultur beginnt mit der Entmündigung der Leistzungsträger. Wie in KLeinen, so im Großen

In KLeinen wird der Leistungsträger der Familie entmündigt udn soll eigentlich nur noch dasd Geld ranschaffen. Kinder haben alle Rechte (staatlich verordnet) aber keine Pflichten. Und im Großen haben auch immer die Schuld, die bezahlen sollen.

Früher hieß es, dass der Recht hat, der das Geld hat
Heute hat der Schuld, der das Geld hat.

Eigentlich ist der Staat, wie Krebs
Keiner will ihn, doch wenn man ihn hat, wird man ihn nicht wieder los.

Ich würde mich freuen, wenn der Republikaner, besonders die Lady von der Teaparty den nächsten Präsidenten in den USA stellen würde. Ich kann mir gut vorstellen, dass selbst die hochverschuldete USA dann wieder hoch kommt.

Europa wird ins Vergessen geraten. Aber wer will das wirklich wissen. Kulturen kommen und gehen. Und Europa stirbt langsam vor sich hin.



flaty111

15.08.2011, 19:50 Uhr

ich finde ungedeckte Leerverkäufe müssten für immer verboten sein was ist das für ein Option! sonst leihe ich mir 1 Millionen Aktien der Fa. xy und ich gehe jede wette ein das der Kurs fehlt wenn ich die auf dem markt werfe braucht kein mensch so was nur gierige Trottels

Account gelöscht!

15.08.2011, 21:47 Uhr

ungedeckte verbieten!

gedeckte erlauben.

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