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29.07.2011

14:20 Uhr

US-Schuldenkrise

Amerika droht der Niedergang

VonAnne Stausboll

Was passiert, wenn den USA das Geld ausgeht? Dann droht dem Land der wirtschaftliche und soziale Niedergang. Das prophezeit einer der mächtigsten Investoren der Welt. Ein Gastkommentar der Chefin des milliardenschweren US-Pensionsfonds Calpers.

Anne Stausboll ist CEO des kalifornischen Pensionsfonds Calpers. Der Pensionsfonds verwaltet rund 240 Milliarden Dollar von amerikanischen Sparern - er zählt zu den einflussreichsten Investoren der Welt. Quelle: Reuters

Anne Stausboll ist CEO des kalifornischen Pensionsfonds Calpers. Der Pensionsfonds verwaltet rund 240 Milliarden Dollar von amerikanischen Sparern - er zählt zu den einflussreichsten Investoren der Welt.

Die großen Pensionsfonds der Bundesstaaten und Kommunen repräsentieren fast acht Millionen aktive und im Ruhestand lebende Mitglieder. Die verwalteten Vermögenswerte liegen zusammen über einer Billion Dollar. Wir vertreten Feuerwehrleute, Lehrer, Krankenschwestern, Polizisten, Verwaltungsangestellte und viele andere Berufsgruppen, die mit unseren Pensionsfonds für ihr Alter sparen.

Die hart arbeitenden Menschen, deren Ersparnisse wir anlegen, sind die Sparer der Nation. Sie wünschen sich eine starke wirtschaftliche Zukunft für die Vereinigten Staaten, weil ihr eigener künftiger wirtschaftlicher Wohlstand davon abhängig ist. Aber gegenwärtig bestehen große Zweifel daran, dass es in Amerika wirtschaftlich vorangehen wird. Auch die führende finanzielle Rolle, die unsere Nation in der Welt spielt, ist infrage gestellt.

Der Wohlstand unseres Landes ist bedroht, die wirtschaftlichen Probleme, die möglicherweise auf uns zukommen, würden für alle Bürger über Jahre hinweg schmerzliche Verschlechterungen und Härten bedeuten - wenn wir nicht handeln, und zwar sofort. Amerika ist ein Schuldnerstaat geworden. Es muss der Welt zeigen, dass auf sein Wort Verlass ist. Dafür ist es von kritischer Bedeutung, dass die Schuldenobergrenze angehoben wird, damit die Zahlungsunfähigkeit des Staates abgewendet wird. Aber wenn dieses Limit erhöht wird, wenden wir lediglich das unmittelbar drohende Desaster des "Default", der Zahlungsunfähigkeit, ab. Das wirkliche Problem ist das hohe Budgetdefizit, und zwar sowohl das aktuelle als auch das längerfristige.

Die Folgen einer US-Pleite

Schulden

Verlören die USA ihre Bestnote bei der Bonität, müssten sie höhere Zinsen zahlen, um Staatsanleihen am Markt zu platzieren. Der Preis wiederum, zu dem Investoren US-Papiere kaufen, würde fallen. Die Schuldenproblematik Washingtons würde sich damit weiter verschärfen. Dass es außerdem teuer wird, wenn die USA ihre Verbindlichkeiten nicht rechtzeitig begleichen, zeigt ein Blick auf das Jahr 1979. Damals setzte der Kongress die Schuldenobergrenze erst im letzten Moment hoch, sodass die Regierung Geld an Investoren nur mit Verspätung auszahlen konnte. Dafür musste sie den Anlegern Entschädigung zahlen. Außerdem mussten die USA in den Folgemonaten um 0,6 Prozent höhere Zinsen für ihre Anleihen in Kauf nehmen.

US-Anleihen

Im Falle einer Herabstufung der USA würden Investoren ihre Bestände an US-Anleihen verringern und stattdessen auf andere, noch mit AAA bewertete Papiere setzen, wie etwa auf deutsche Bundesanleihen. Wie groß die Flucht aus den US-Anleihen ausfallen würde, ist unklar. Zentralbanken etwa würden „aufgrund fehlender Anlagealternativen“ ihre Bestände an US-Staatsanleihen „kaum“ abbauen, vermutet Fidelity-Fondsmanager Rick Patel. Andere Investoren sind allerdings schon gegangen. Die Differenz der Zinssätze für zehnjährige Anleihen zwischen US-Papieren und deutschen Bundesanleihen hat sich seit Anfang Juni um elf Basispunkte vergrößert. Während es also für die USA derzeit schon teurer wird, sich Geld zu besorgen, wird es für den deutschen Staat billiger.

Gold

Investoren haben die Flucht ins Gold. Der Preis für eine Feinunze Gold erreichte ein Allzeithoch. „Der Goldpreis wird wahrscheinlich weiter steigen“, sagt Ernst Fahling, Wirtschaftsprofessor an der International School of Management (ISM). Auch der Kurs des Franken könnte noch weiter anziehen, falls die Märkte in Panik gerieten.

Währung

Der Dollar würde an Wert und bei Investoren an Bedeutung verlieren. „Die Währungen kleinerer Staaten würden gewinnen“, sagt Finanzexperte Fahling. Das könnten etwa die skandinavischen Währungen sein, der australische Dollar oder - wie bereits sichtbar - der Schweizer Franken. Auch der Euro würde profitieren und sich gegenüber dem Dollar festigen. „Einen Euro-Sprung über 1,45 Dollar halte ich bei einer Ratingabstufung der USA für wahrscheinlich“, sagt Fahling.

Börsen

Die Angst vor einem teilweisen Zahlungsausfall der USA drückt bereits weltweit die Börsenkurse. Kommt es tatsächlich soweit, würden die Kurse deutlicher fallen. Das zöge die Weltwirtschaft schließlich auch nach unten - wie weit, ist unklar.

„Das ist, wie wenn Sie einen Stein in einen still ruhenden See werfen“, vergleicht Finanzexperte Fahling. „Niemand weiß, wie weit die Wellen gehen werden, klar ist nur, dass es starke Wellen geben wird.“

Banken

US-Banken betrieben bereits Vorsorge, ließen mehrere Institute wissen. Einige Banken wollen ihr Finanzpolster aufstocken, wie der Chef-Ökonom des Forschungsinstituts Wrightson ICAP, Lou Crandall, sagt. Ziel der Banken sei es, im Falle einer Krise genügend Geld parat zu haben. Hiesigen Instituten drohen - abgesehen von Kurseinbrüchen - im schlimmsten Falle Abschreibungen auf ihre US-Staatsanleihen. Dann, wenn die Zinsen für US-Papiere steigen, verlören die Papiere, die bereits im Bestand der Banken sind, auch an Wert. Diese Differenz würde ausgeglichen - es käme zu Wertkorrekturen nach unten.

Als Hüter von Amerikas Ersparnissen fordern wir den Kongress dringend auf, das Haushaltsdefizit zu verringern. Ohne einen glaubwürdigen Maßnahmenplan des Kongresses für den Abbau der Neuverschuldung wird aller Wahrscheinlichkeit nach die Kreditwürdigkeit der Vereinigten Staaten von einer oder mehreren Ratingagenturen schlechter bewertet werden.

Die Vorstellung, die Vereinigten Staaten könnten einmal ihr AAA-Rating verlieren, also den Status als bester Schuldner, galt lange als völlig abwegig. Mittlerweile ist es sehr wahrscheinlich geworden, falls unsere politischen Führer nicht entschlossen handeln. Sollte es tatsächlich zur Herabstufung kommen, wären sechs Länder, darunter Frankreich und Deutschland, mit einem besseren Rating ausgestattet als die Vereinigten Staaten. Das würde auf die geringere Fähigkeit der USA hinweisen, ihre Schulden zurückzuzahlen. Niemand sollte sich Illusionen hingeben: Die Folgen einer solchen schlechteren Bewertung wären spürbar und sehr ernst.

Kommentare (2)

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Pendler

29.07.2011, 17:53 Uhr

Für mich war Amerika immer das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Ein Land, aus dem all die wunderbaren Sachen kamen, die das Leben wirklich schöner machten. Als Kind waren es die Kinderfilme, wie die kleinen Strolche, Flipper und Bonanza. Es war das Land der Erfindungen und der new economy.

Aber es bleibt das Land der unbegrenzeten Möglichkeiten, aber jetzt vollkommen anders herum. Eigentlich ist das fast nur noch peinsam, was dort in Wahington zelebriert wird.

YES I CAN ?????

pablito

29.07.2011, 19:22 Uhr

Die Arroganz vor allem der Republikanern im Schuldenstreit mit den Demokraten, grenzt schon beinahe an Krankheit des Gehirns. Da bereitet die republikanisch dominierte Regierung des so geliebten G.W. Bush ein beispielloses Schuldenkarussel, mit massiven Steuergeschenken an die Reichen der Nation und Streichungen von Sozialprogrammen, und heute Sperrt sich dieselbe Bande gegen die eigen verursachten Schuldendienste. Amerika am Abgrund, wird die ganze Welt erschüttern. Anzunehmen ist ab, dass die Amis ihre Stimmen erneut den Republikanern geben werden und diese wieder Stimmen auszählen bis es ihnen passt.

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