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09.10.2015

14:09 Uhr

Volkswagen und Dieselgate

Der Coup, der VW Milliarden bringt

VonAndrea Cünnen

Endlich mal wieder eine gute Nachricht für VW: In einem Monat winken dem Konzern stolze 3,7 Milliarden Euro. Nicht in Cash, aber immerhin an Eigenkapital. Welcher Trick dahintersteckt.

Ein günstiger Deal bringt VW 3,7 Milliarden Euro an Eigenkapital.

VW

Ein günstiger Deal bringt VW 3,7 Milliarden Euro an Eigenkapital.

FrankfurtIm November 2012 war für Volkswagen die Welt noch in Ordnung. Der Konzern stand bei Aktionären und Gläubigern gleichermaßen hoch im Kurs. Und konnte deshalb am Kapitalmarkt einen Coup landen: Die Wolfsburger begaben die mit 2,5 Milliarden Euro damals größte Zwangswandelanleihe eines europäischen Industrieunternehmens – und stockten sie sieben Monate später auf 3,7 Milliarden Euro auf.

Das wird dem Konzern am 9. November diesen Jahres zu Gute kommen, denn dann wird die besondere Anleihe fällig. Statt Cash können die Wolfsburger ihre Schuld in Aktien begleichen. Die Rückzahlung der Wandelanleihe bedeutet für sie also keinen Mittelabfluss – das wäre in der gegenwärtigen Krisensituation fatal. Stattdessen erhöht sich das Aktienkapital von VW um genau diese 3,7 Milliarden Euro. Es handelt sich um eine „versteckte Kapitalerhöhung“, die Eigenkapitaldecke des Unternehmens wird gestärkt.

Die Zeichner der Zwangswandelanleihe machen dagegen ein schlechtes Geschäft. Sie bekommen für ihr Geld Aktien zum Kurs von 144,50 Euro. Wer die Aktie jetzt über die Börse kauft, zahlt dagegen nur rund 105 Euro. Grund dafür ist die Konstruktion von Zwangs- oder Pflichtwandelanleihen, die im englischen Mandatory Convertibles heißen. Sie sind eine Spielart der herkömmlichen Wandelanleihen.

So könnte VW die „Dieselgate“-Kosten schultern

Kann sich der Konzern das leisten?

Der Abgas-Skandal kratzt nicht nur am Image des Volkswagen-Konzerns - er dürfte vor allem sehr teuer werden. Die wichtigsten Fragen und Antworten zu den Kosten des Skandals und wie VW sie stemmen könnte.

Quelle: dpa

Mit welchen Kosten muss VW rechnen?

Darüber rätseln Beobachter derzeit. Bislang bekannt ist: Volkswagen hat 6,5 Milliarden Euro für Kosten aus dem Abgas-Skandal zurückgelegt. Das Geld ist aber wohl in erster Linie für eine technische Umrüstung der Autos mit Manipulations-Software bestimmt, wie Finanzchef Hans Dieter Pötsch laut dem Fachblatt „Auomobilwoche“ kürzlich vor VW-Managern erklärte. Unklar ist, welche Strafzahlungen auf VW zukommen. Dazu dürften noch mindestens drei andere mögliche Kostenblöcke kommen: Strafzahlungen, Schadenersatzforderungen, Anwaltskosten. Wie hoch diese Ausgaben sein werden, lässt sich derzeit nur grob schätzen. Die Landesbank Baden-Württemberg rechnet derzeit mit einem Schaden von 47 Milliarden Euro für den Konzern. Ein möglicher Imageverlust und damit verbunden ein Rückgang der Autoverkäufe ist dabei noch nicht eingerechnet. Allerdings werden die Kosten wohl nicht auf einmal anfallen, sondern sich über Jahre verteilen.

Wie viel Geld hat VW auf der hohen Kante?

Vergleichsweise viel. VW hat sich in den vergangenen Jahren ein stattliches Kapitalpolster zugelegt. Zur Jahresmitte hatte der Konzern rund 18 Milliarden Euro Bargeld auf dem Konto. Das ist mehr als ganze Dax-Konzerne wie Adidas oder Lufthansa einzeln an der Börse wert sind. „Über den Daumen gepeilt kann VW davon die Hälfte verwenden, um mögliche Kosten zu begleichen“, sagt Nord-LB-Analyst Frank Schwope. Dazu kommen bei VW noch schnell veräußerbare Wertpapiere über 15 Milliarden Euro und Schätzungen zufolge mindestens 5 Milliarden Euro aus dem Verkauf der Beteiligungen am ehemaligen Partner Suzuki und an einer niederländischen Leasingfirma.

Könnte VW durch den Abgasskandal pleitegehen?

Das ist sehr unwahrscheinlich. VW könnte sich über Anleihen und Kredite Geld leihen, auch wenn einige Ratingagenturen ihre Bewertungen der Kreditwürdigkeit des Konzerns zuletzt angepasst hatten. Wenn es irgendwann hart auf hart käme, könnte Volkswagen immer noch sein Tafelsilber verkaufen. Am einfachsten ließen sich wohl die Luxusmarken Bentley, Bugatti und Lamborghini aus dem Konzern herausnehmen. Nord-LB-Analyst Schwope schätzt den möglichen Verkaufserlös für die drei Marken und den Motorradhersteller Ducati auf 5 bis 10 Milliarden Euro. Durch einen Verkauf der Lastwagenbauer MAN und Scania ließen sich nach seinen Berechnungen sogar 30 bis 35 Milliarden Euro erzielen. Das wertvollste Juwel in der Sammlung, den Sportwagenbauer Porsche, dürften die VW-Anteilseigner kaum abgeben wollen.

Könnte sich Volkswagen über eine Kapitalerhöhung Geld besorgen?

Nur begrenzt. Eine Kapitalerhöhung - also die Ausgabe neuer Aktien - ist bei VW nicht so leicht wie in anderen Konzernen. Damit die Familien Porsche und Piëch sowie das Land Niedersachsen als Anteilseigner ihre Macht im Konzern nicht verlieren, darf sich deren jeweiliger Anteil an den Stammaktien nicht stark verringern. Vor allem Niedersachsen dürfte aber derzeit kaum ein Interesse daran haben, weitere Stammaktien zu kaufen und Geld in den VW-Konzern zu stecken. VW könnte deshalb wohl höchstens neue Vorzugsaktien ausgeben, das sind Aktien ohne Stimmrecht auf der Hauptversammlung des Konzerns. Laut Aktiengesetz darf die Zahl dieser Vorzugsaktien die Zahl der Stammaktien allerdings nicht übersteigen. VW könnte deshalb höchstens rund 114 Millionen neue Aktien ausgeben und damit auf Basis derzeitiger Kurse rund 11 Milliarden Euro einsammeln.

An welchen Stellen kann VW für die Bewältigung der Krise sparen?

In der Regel setzen Sparmaßnahmen bei großen Konzernen zuerst bei den Mitarbeitern an: Weniger Gehalt, Einstellungsstopps, bis hin zu Stellenstreichungen und Entlassungen. Bei Volkswagen wäre das allerdings nicht so einfach. Die Arbeitnehmervertreter haben in Wolfsburg deutlich mehr Macht als in anderen Konzernen. Einfacher wäre die Kürzung geplanter Investitionen. Hier hatte Volkswagen angepeilt, bis 2019 eine Summe von mehr als 100 Milliarden Euro in Standorte, Modelle und Technologien zu stecken. Laut Experte Schwope könnte VW hier den Rotstift ansetzen und so 2 Milliarden Euro jährlich sparen, vor allem bei den Ausgaben für Forschung und Entwicklung. Nur: Dann besteht die Gefahr, von der Konkurrenz abgehängt zu werden. Der Zeitpunkt wäre denkbar ungünstig - die Autoindustrie steht durch Digitalisierung und Elektroantriebe vor einem Umbruch.

Wandelanleihen sind üblicherweise ein Zwitter zwischen Anleihen und Aktien. Wie Anleihen bekommen Anleger während der Laufzeit Zinsen und am Ende der Laufzeit ihr Geld zurück. Zwischenzeitlich können sie ihr Kapital jedoch auch in Aktien wandeln. Das lohnt sich dann, wenn die Anleger die Aktien über die Wandlung günstiger bekommen als über den Kauf an der Börse.

Bei Zwangswandelanleihen haben Anleger dagegen keine Wahl: Sie bekommen – wenn sie nicht schon vorher ausgestiegen sind – ihr Geld auf jeden Fall in Aktien zurück. Dafür sind die Zinsen bei den Mandatory Convertibles höher als bei anderen Wandelanleihen. VW lockte die Investoren mit jährlichen Zinszahlungen von 5,5 Prozent – das war auch schon im November 2012 als die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe 2,4 Prozent lag, viel.

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Aktienanleger müssen in diesen Tagen um den Wert des VW-Papiers zittern. Anleiheeignern geht es kaum besser. Bieten die niedrigeren Kurse bei den VW-Bonds vielleicht Einstiegschancen? Anleger sollten genau hinschauen.

Der Umtauschkurs – also zu welchem Preis es Aktien für das geliehene Geld gibt – wird dabei bei herkömmlichen ebenso wie bei Zwangswandlern bei der Emission der Papiere festgelegt. Dabei liegt der Tauschkurs über dem Aktienkurs bei der Platzierung des Papiers. Die VW-Aktie kostete bei der Platzierung der Zwangswandelanleihe 155,70 Euro, bei der Aufstockung waren es 159,70 Euro. Den Höchstkurs für die Wandlung legte VW damals bei 185,40 Euro fest. Damit lag die maximale Wandlungsprämie bei 20 Prozent. Der Mindestumtauschkurs – mit dem damals niemand rechnete – lag bei 154,50 Euro.

Zwischenzeitlich wurden die Umtauschkurse verändert und liegen jetzt bei mindestens 144,50 Euro. „Wenn der Kurs der VW-Aktie nicht signifikant steigt, ist das der Preis zu dem die Anleihe in Aktien gewandelt wird“, meint Jonathan Stanford, Fondsmanager für Wandelanleihen beim schweizerischen Vermögensverwalter GAM. Der maximale Umtauschkurs beträgt inzwischen „nur“ noch 177,13 Euro.

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Auf Spurensuche in den USA: Dieser Mann entlarvte den VW-Skandal

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Kommentare (3)

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Herr Michael Müller

09.10.2015, 14:55 Uhr

Die amerikanischen Kläger freuen sich!

Wie kann man nur so blöd sein, in einer solchen Situation solche Meldungen zu bringen? Erinnert irgendwie an unsere DDR-Regierung...

Herr Paul Oberste

09.10.2015, 15:29 Uhr

Weshalb freuen sich die Kläger? Diese Meldung ist juristisch in den USA nicht relevant. Wenn man keine Ahnung hat ... einfach mal nicht posten!!

Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

Herr Christian Foerster

09.10.2015, 17:45 Uhr

Wenn die Abgasmanipulation bereits bei der Emission der Anleihe bekannt war, dürfte sich dieser sogenannte Coup für VW in einen Boomerang drehen und wäre für die Verluste schadensersatzpflichtig. Ich nehme kaum an, dass sich prallgefüllte Hedgefonds einen solchen Leckerbissen vor Gerichten entgehen lassen.

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