Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

05.06.2013

09:56 Uhr

Vor zehn Jahren beerdigt

Der geplatzte Traum des Neuen Marktes

Mit dem Mobilcom-Börsengang wurde der „Neue Markt“ 1997 ins Leben gerufen – und genau vor zehn Jahren wieder eingestampft. Sagenhafte Gewinne winkten damals. Doch die „New Economy“ wurde zum Klassiker der Börsenblasen.

Frankfurt/MainAm 10. März 1997 knallen auf dem Frankfurter Parkett die Sektkorken: Mit dem Mobilcom-Börsengang ist der Neue Markt eröffnet. Der Aktienkurs des Mobilfunkanbieters schießt im ersten Börsenjahr um sagenhafte 2800 Prozent in die Höhe. Euphorie und Goldgräberstimmung machen sich breit, die Aussicht auf schnellen Reichtum lockt auch tausende Privatanleger in Aktien.

Heute erinnern sich viele Anleger mit Grausen an die hochgejubelte „New Economy“ - oder an Kuriositäten wie das Brettspiel „Wie verbrenne ich eine Million“, das die Internetfirma Concept laut Medienberichten auf der Feier zum Börsengang Ende März 2000 verschenkte. Der Neue Markt selbst ist seit dem 5. Juni 2003 Geschichte.

Dabei war die Idee des Börsensegments gut: Rasch wachsende Mittelständler - vor allem aus den Branchen Umwelttechnik, Telekommunikation, Biotechnologie und Multimedia - sollten sich besser mit Risikokapital versorgen können. Die Erfolgsgeschichte mancher Biotech- oder IT-Firmen sei ohne den Neuen Markt nicht denkbar, meint Dirk Schiereck, Professor für Unternehmensfinanzierung an der TU Darmstadt: „Es sind eine ganze Reihe von Unternehmen dazugekommen, die den Kurszettel dauerhaft verlängert haben.“

Das Segment wuchs rasant: Im März 1999 schon waren 73 Unternehmen am Neuen Markt notiert, ein Jahr später 226 und am 10. März 2001 dann 337. Die Aktionärszahl in Deutschland erhöht sich sprunghaft von 5,6 Millionen 1997 auf den Rekordstand von fast 12,9 Millionen im Jahr 2001 - eine „Milchmädchen-Hausse“, wie Ökonomen später urteilen.

Aufstieg und Fall des Neuen Marktes

10. März 1997

Der Neue Markt startet mit zwei Unternehmen, dem Mobilfunk-Anbieter Mobilcom und dem Ingenieurdienstleister Bertrandt.

1. Juli 1999

Für die 50 größten Unternehmen am Neuen Markt wird der Auswahlindex Nemax 50 eingeführt. Der bisherige Neue-Markt-Index wird in Nemax All Share umbenannt.

10. März 2000

Der Neue Markt erreicht seinen Höchststand: Der Nemax All Share schließt auf einem neuen Allzeithoch von 8559,32 Punkten. Der Nemax 50 steigt im Handelsverlauf auf 9694,07 Punkte. Am nächsten Handelstag beginnt die Talfahrt.

15. September 2000

Das Telekom-Unternehmen Gigabell beantragt als erste Neue-Markt-Firma Insolvenz. Wegen Verstoßes gegen das Regelwerk wird Gigabell im Februar 2001 auch als erstes Unternehmen ausgeschlossen. Die Firma habe keinen Quartalsbericht für das Geschäftsjahr zum 31. Dezember 2000 erstellt, teilt die Deutsche Börse mit.

3. April 2001

Der Ausverkauf am Neuen Markt geht weiter: Der Nemax 50 stürzt unter die Marke von 1300 Punkten.

30. August 2001

Der Nemax 50 fällt im Handelsverlauf erstmals unter die Marke von 1000 Punkten.

11. September 2001

Nach den Anschlägen in den USA brechen die Kurse weiter ein. Bei Handelsschluss ist der Nemax 50 auf 841, der All Share auf 875 Zähler gesunken.

19. April 2002

Der im Nemax 50 notierte Telematik-Anbieter Comroad wird nach einem Bilanzskandal vom Neuen Markt verbannt. Die Firma hatte nahezu die gesamten Umsätze fingiert.

12. September 2002

Nach dem Rückzug des Großaktionärs France Télécom kommt mit Mobilcom ein Gründungsmitglied des Neuen Marktes in Bedrängnis.

26. September 2002

Die Deutsche Börse will den Neuen Markt bis Ende 2003 einstellen.

7. Oktober 2002

Der Nemax 50 rutscht im Handelsverlauf bis auf 303,93 Punkte - sein Rekordtief.

12. März 2003

Der Nemax All Share steht am Ende des Handelstages bei 358 Punkten - der niedrigste Schlussstand seiner Geschichte.

21. März 2003

Der letzte Handelstag am Neuen Markt ist gekommen. Der Nemax All Share notiert am Handelsende bei 402,91 Punkten.

5. Juni 2003

Der Neue Markt wird sechs Monate früher als erwartet geschlossen. Im März war bereits der TecDax als Nachfolger des Nemax 50 installiert worden, der nur noch 30 Werte enthält. Offiziell wird der Nemax 50 noch bis zum 30. Dezember 2004 weiterberechnet.

Endlich, so der damalige Deutsche-Börse-Chef Werner Seifert ein Jahr nach Eröffnung des Neuen Marktes, sei in Deutschland gelungen, was die USA mit der Technologiebörse Nasdaq bereits Anfang der 70er Jahre etabliert hatten: „Kapital wird mit Ideen zusammengebracht.“

Zum fünften Jubiläum 2002 jubelte die Deutsche Börse in einer Broschüre: „Trotz aller Kritik: Am Neuen Markt führt in Europa kein Weg vorbei.“ Die „gesetzten Standards waren und sind beispielhaft“, der Neue Markt habe „auch breite Bevölkerungskreise für das Thema Aktien begeistert“, das Segment habe „alle Chancen, auch die nächsten fünf Jahre seine dominierende Rolle in Europa zu behaupten“.

Kommentare (5)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

hermann.12

05.06.2013, 10:32 Uhr

An sich war der Neue Markt eine gute Erfindung. Allerdings traf er auf Strukturen, die im Nachhinein betrachtet nur das bekannte Ergebnis haben konnten.
Von Anfang an war Betrug im Spiel. Einige Fondsmanager erkannten ihre Chance und und stiegen massiv ein. Für vergleichsweise kleine Unternehmen mit geringer Anzahl an Aktien und Kapital reichte verhältnismäßig Kapital, um die Kurse durch die Decke zu treiben und dann die Sahne abzuschöpfen.
Die Preise wurden auch getrieben durch Großkonzerne, die hier und da die Konkurrenz fürchteten und sich koste es was es wolle in die aufstrebend Konkurrenz einkauften, die Unternehmer auszahlten und die Firmen mit ihren bürokratisierten Strukturen vor die Wand fuhren.
Auch das gehört zu den Wahrheiten des Neuen Marktes neben den Glücksrittern, die dort mehr versprachen, als sie halten konnten.

H.

KurtOchner

05.06.2013, 12:45 Uhr

"Neuer Markt" im Jahr 2013: sogenannte Mittelstandsanleihen.

Maddoff

05.06.2013, 12:53 Uhr

Damals wurde betrogen und heute wurde betrogen!
Wer den Werdegang z.B. der Haffa Brüder beobachtet hat, der weiß und sieht Betrug lohnt sich und die Justiz steckt entweder ganz dick mit drin, denn die Strafen was Wirtschftskriminelle bekommen die Lachnummer schlechthin.
Betrüge Anleger und verursache einen Schaden von 500 Millionen, dann bekommt man wenn's schlecht läuft eine Geldstrafe von ca. 10 Millionen und max. 5 Jahre Gefängnis. Es lohnt sich immer hier in Deutschland kriminell zu werden, zumindest als Wirtschftskrimineller, leider.

Maddoff hat in den USA 150 Jahre Gefängnis bekommen. Zumwinkel, Haffa's, Hoeneß und wie sie alle hießen bzw. noch heißen werden, angeln sich Politiker und die angeln sich dass Gesetz und schon rollt der Rubel.

Deutschland ist mittlerweile die größte Geldwaschanlage der organisierten Kriminalität, ob aus Drogen, Waffenhandel, Prostitution, Wirtschaftskriminalität.

Einmal ein Dieb immer ein Dieb.

Einmal ein Verbrecherstaat immer ein Verbrecherstaat.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×