Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

27.02.2014

11:29 Uhr

Währungsturbulenzen

Türkei wird für Investoren immer riskanter

Korruption und anhaltende Demonstrationen schaden dem Ruf der Türkei. Investoren ziehen ihr Kapital ab. Doch zahlreiche Unternehmen halten dem Land trotzdem die Treue.

Korruptionen, anhaltende Demonstrationen gegen die Regierung und eine unter Druck stehende Währung machen den Standort Türkei riskanter. dpa

Korruptionen, anhaltende Demonstrationen gegen die Regierung und eine unter Druck stehende Währung machen den Standort Türkei riskanter.

London/WienKorruption, anhaltende Demonstrationen gegen die Regierung und eine unter Druck stehende Währung: Der Ruf des Standortes Türkei ist ramponiert. Dem mit einer Bestechungsaffäre konfrontierten Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan bläst ein kalter Wind entgegen. Weil die US-Notenbank Fed ihre jahrelang lockere Geldpolitik langsam strafft, ziehen Investoren derzeit viel Geld aus der Türkei ab und legen es lieber in den USA an. Die Landeswährung Lira büßte dieses Jahr bereits vier Prozent an Wert ein.

Das hinterlässt Spuren bei zahlreichen Unternehmen. Unter anderem merken dies der US-Autoriese Ford und der deutsche Zulieferer ElringKlinger in ihren Werken in dem Schwellenland. Jedes ausländische Bauteil für die Montage in der Türkei verteuert sich mit der Lira-Abschwächung. Obwohl die Gewinne schmelzen und womöglich eine harte Landung der Wirtschaft droht, wollen sie dennoch dem Land die Treue halten.

Dahinter steht die Hoffnung, dass der Sturm bald wieder abzieht. "Wir beobachten die Lage, aber mittelfristig bleiben wir positiv gestimmt und investitionsbereit", versichert der Chef der italienischen Großbank UniCredit, Federico Ghizzoni. Ein rundes Dutzend Firmen, das Reuters befragte, sieht dies ähnlich und will die Investitionen nicht zurückschrauben. Dabei musste die Zentralbank in Ankara die Zinsen jüngst in einer Notoperation drastisch anheben, um die Folgen der Kapitalflucht zu mildern und die Landeswährung vor dem Absturz zu bewahren.

Währungsturbulenzen in Schwellenländern

Türkei

Mit einer drastischen Zinserhöhung hat sich die türkische Notenbank gegen den Kursverfall der heimischen Währung Lira gestemmt. Der Satz, zu dem sich die Banken über Nacht Geld bei der Zentralbank leihen können, wurde am Dienstagabend von 7,75 auf 12,0 Prozent angehoben. Der eigentliche Leitzins wurde auf 10 Prozent angehoben von zuvor 4,5 Prozent. Damit soll der Abfluss an ausländischem Kapital gestoppt werden, der die Lira auf ein Rekordtief zum Dollar gedrückt hatte.

Südafrika

Die Zentralbank hob ihren Leitzins wenige Stunden nach der türkischen Entscheidung überraschend auf 5,50 Prozent an, nachdem er lange Zeit auf dem 40-Jahres-Tief von 5,0 Prozent verharrt hatte. An den Märkten wird davon ausgegangen, dass er in den kommenden Monaten weiter steigen wird. „Wir werden die Entwicklung genau verfolgen und nicht zögern zu handeln, sollte dies erforderlich sein", sagte Notenbankchefin Gill Marcus. Der Rand war zuletzt so billig wie seit über fünf Jahren nicht mehr. Höhere Zinsen könnten aber der erlahmenden Konjunktur weiter zusetzen.

Brasilien

Die Notenbank hat ihren Leitzins seit April 2013 bereits von 7,25 auf aktuell 10,0 Prozent angehoben. Der jüngste Schritt folgte in diesem Monat, als es von 9,5 Prozent nach oben ging. Die Zentralbank signalisierte dabei aber, das Tempo nun etwas zu drosseln. Mit höheren Zinsen soll die Inflation in Schach gehalten werden. Die Teuerungsrate liegt derzeit bei 5,7 Prozent.

Indonesien

Keine andere asiatische Währung ist 2013 auf so steile Talfahrt gegangen wie die Rupie: Sie büßte ein Fünftel ihres Wertes im Vergleich zum Dollar ein. Das macht Importe teurer, was die Inflation ebenso nach oben zu treiben droht wie das Handelsdefizit. Zu Jahresbeginn hielt die Zentralbank ihren Leitzins unverändert bei 7,50 Prozent. Sie versprach aber, "wachsam" zu bleiben, was den Märkten die Bereitschaft zu Zinserhöhungen signalisiert.

Indien

Die indische Zentralbank hob erst in dieser Woche ihren Leitzins überraschend von 7,75 auf 8,0 Prozent an. Eine weitere Erhöhung ist vorerst nicht geplant. Grund für den Schritt sind kräftig steigende Preise. Höhere Zinsen machen Kredite teurer, was die Nachfrage und damit den Preisauftrieb dämpfen kann. Vom Inflationsziel sei Indien derzeit "sehr weit entfernt", sagte Notenbankchef Raghuram Rajan. Zuletzt lag die Teuerungsrate bei 9,87 Prozent. Die Zentralbank will sie bis Januar 2015 auf acht Prozent und ein Jahr später auf sechs Prozent drücken.

Thailand

In dem von politischen Unruhen erschütterten Land hat die Zentralbank im November die Zinsen gesenkt. Sie schreckte im Januar aber vor einer weiteren Kappung zurück. Als Grund für die Zurückhaltung gilt die Furcht, dass die politische Instabilität die Kapitalflucht verstärken könnte.

Ungarn

Notenbankchef György Matolcsy und sein Team haben den Leitzins im Januar auf das Rekordtief von 2,85 Prozent gesenkt. Obwohl die Währungshüter Spielraum für eine weitere Kappung signalisierten, dürften sie laut Experten vom Schwächeanfall des Forint zu einer Zinswende gezwungen werden.

Russland

Der Außenwert der Landeswährung hat dieses Jahr bereits fünf Prozent eingebüßt. Die Notenbank musste schätzungsweise zehn Milliarden Dollar zur Stützung des Rubels aufwenden. Notenbankchefin Elvira Nabiullina ist gewillt, den Kurs notfalls mit allen Mitteln zu stabilisieren. Denn Russland gilt als gebranntes Kind: In der durch massive Kapitalflucht ausgelösten Rubel-Krise von 1998 hatten die Bürger ihre Konten massenweise geräumt.

Einst schwärmte Siemens-Chef Joe Kaeser von der Türkei als einem tollen Standort. "Noch vor zwei Jahren hätte ich gesagt: Hier spielt die Musik." Nun seien die Aussichten aber unsicher. BASF reagiert auf die Lage mit einer Verschärfung des Risiko-Managements. Unter dem Eindruck der Währungsturbulenzen will der Ludwigshafener Chemie-Riese sein dort eingesetztes Kapital schärfer unter die Lupe nehmen - und etwa die Lagerhaltung vorsichtiger gestalten.

Die türkische Wirtschaft hatte zwischen 2002 und 2011 einen rasanten Aufstieg hingelegt. Sie stellte laut Angaben der staatlichen Agentur zur Investitionsförderung mit einer durchschnittlichen Wachstumsrate von 5,2 Prozent im Jahr andere Schwellenländer wie Russland und Brasilien weit in den Schatten. Doch nun drohe eine harte Landung, meint Ökonom Fadi Hakura vom renommierten Londoner Forschungsinstitut Chatham House. Denn langfristig seien nur noch Wachstumsraten von zwei bis vier Prozent drin.

Das Schwellenland müsse den Regierungsapparat modernisieren, massiv Bürokratie abbauen und mehr in Bildung investieren, um den entscheidenden Schritt zum Industrieland zu schaffen, ergänzt der Forscher. Sollten nachhaltige Reformen auf die lange Bank geschoben werden, könnte das Land wieder als kranker Mann am Bosporus enden.

Von

rtr

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

27.02.2014, 11:43 Uhr



Dabei lässt sich mit Billiglohn in Deutschland unter Leiharbeitergesetzen so billig produzieren.

Türkei ist hier....

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×