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09.12.2011

23:28 Uhr

Wall Street

Anlegern fällt ein Stein vom Herzen

Die Wall Street hat am Freitag mit Erleichterung auf die Beschlüsse der Europäischen Union im Kampf gegen die Schuldenkrise reagiert. Die wichtigsten Indizes lagen zum Börsenschluss in New York deutlich im Plus.

Händler an der Wallstreet: Am letzten Wochenhandelstag ging es nochmal aufwärts. dapd

Händler an der Wallstreet: Am letzten Wochenhandelstag ging es nochmal aufwärts.

Die Wall Street hat erleichtert auf die Beschlüsse der Europäischen Union im Kampf gegen die Schuldenkrise reagiert. Auch der Anstieg des US-Verbrauchervertrauens auf den höchsten Stand seit sechs Monaten sorgte am Freitag für steigende Kurse. Die wichtigsten Indizes lagen deutlich im Plus.

Bei ihrem Marathongipfel in Brüssel verweigerten die Euroländer zwar neue, große Kreditpakete zum Schutz klammer Staaten im Währungsraum. Als Lehre aus der Schuldenkrise soll es aber strengere Sparauflagen geben.

Reaktionen auf die Ergebnisse des EU-Gipfels

Ralf Umlauf, Marktanalyst der Helaba

„Es wäre schön gewesen, wenn sich Großbritannien den Reformen nicht verweigert hätte. Die positive Nachricht ist aber, dass Europa auch ohne Großbritannien voranschreiten kann. Es bleibt abzuwarten, ob die Renditen bald zurückgehen.

Mittelfristig dürften die Beschlüsse die Stabilität der Staatsfinanzen und das Vertrauen in die Staatsanleihen wiederherstellen. Ab Mitte 2012 könnte ein Umdenken einsetzen.“

Folker Hellmeyer, Chef-Volkswirt der Bremer Landesbank

„Europa befindet sich unbeirrt auf dem Stabilitätspfad. Hier wird Strukturpolitik gemacht. Hier werden Geschäftsmodelle geändert. Hier entsteht Zukunftsfähigkeit. Der Unterschied zu den USA ist grotesk groß. Die von den Finanzplätzen New York und London dominierten Finanzmärkte goutieren die Politik Europas bisher nicht. Sie blenden die Reformerfolge erfolgreich aus. Sie fokussieren sich auf einige wenige Reformverfehlungen. Für den Finanzmarkt zählt nur das Motto der USA. Schnelle Lösungen kosmetischer Art sind gefragt. Werden diese Maßnahmen nicht geliefert, werden die betreffenden Märkte abgestraft. Damit wird die Krise verschärft.“

Gustav Horn, Direktor des Gewerkschaftsnahen IMK Instituts

„Der Gipfel ist hinter den Erwartungen zurückgeblieben, die ohnehin nicht allzu hoch waren. Die Vereinbarung von nationalen Schuldenbremsen überzeugt mich nicht. Ob es funktioniert, ist zweifelhaft. So etwas geht nicht von heute auf morgen. Es kommt noch ein weiteres hinzu: Wenn alle eine restriktive Finanzpolitik betreiben ist klar, dass sich die abzeichnende Rezession in der Euro-Zone noch vertiefen wird.

Ich bin sehr skeptisch, dass es gelingen wird, den Euro auf dieser Basis zu retten. Es sei denn, die EZB springt ein. Eine Ankündigung der EZB, ihre Anleihekäufe bei Bedarf massiv auszuweiten würde genügen, die Märkte zu beeindrucken. Ohne die EZB als Retter in der Not wird es für die Problemländer immer schwieriger: Die Renditen steigen dann weiter, und der Bedarf an Hilfen wächst.“

Werner Bader, Investmentanalyst LBBW

„Hoffnungen der Börsianer auf verfrühte Weihnachtsgeschenke erfüllte die EZB auf ihrer gestrigen Sitzung nicht. Zwar senkte sie den Leitzins wie erwartet um 0,25 Prozent auf nun 1,00 Prozent und stützte den Finanzsektor mit zusätzlicher Liquidität. Einer von vielen Marktteilnehmern erhofften Ausweitung von Anleihenkäufen trug die EZB aber nicht Rechnung. (...) Ob die Ergebnisse aus Brüssel dem entgegen wirken können, erscheint eher fraglich. Positiv zu beurteilen ist, dass die Staaten der Euro-Zone auf dem Weg zu einer Fiskalunion ein gutes Stück vorangekommen sind. (...) Insgesamt hatten sich die Börsianer vom gestrigen Donnerstag mehr erhofft, so dass der Aktienmarkt heute wohl eher weiter zur Schwäche neigen wird.“

Ulrich Leuchtmann, Analyst bei der Commerzbank

„Der EU Gipfel brachte keine Lösung hinsichtlich eines Schutzschirms für Italien und Spanien. Auch EZB-Präsident Mario Draghi hat gestern auf der EZB-Pressekonferenz klargestellt, dass die EZB zur Finanzierung nicht in die Bresche springen wird. Momentan ist dabei für den Markt völlig irrelevant, welche ordnungspolitischen Beschlüsse darüber hinaus auf dem Gipfel beschlossen wurden. Schuldenbremsen sind langfristig gut, helfen Italien und Spanien in der aktuellen Situation aber nicht. Für die Euro-Wechselkurse kann das nur bedeuten: Die Gemeinschaftswährung bleibt weiter unter Druck. Das Risiko eines Absturzes des Euros ist durch den Gipfel nicht geringer geworden.“

Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank

„Die gute Nachricht: Man hat sich frühzeitig geeinigt. Die schlechte Nachricht: Es gibt keine positiven Überraschungen. Wenn die EZB nicht mehr macht als bisher angekündigt, dann ist das Risiko sehr groß, dass das Gipfelergebnis nicht ausreicht, um die Krise zu beenden. Die Politiker haben alles gemacht, was sie ohne EZB tun können. Nun sind die Währungshüter am Zug. Wenn sie sich verweigern, könnte die Konjunktur Anfang 2012 richtig in die Knie gehen. Sie muss ankündigen, ab einem gewissen Risikoaufschlag - beispielsweise 5,5 Prozentpunke - notfalls unbegrenzt Anleihen von Staaten zu kaufen, die ihre Haushaltsauflagen erfüllt haben. Sie muss im äußersten Notfall eingreifen.“

Junya Tanase, Chef-Währungsstratege bei JP Morgan Chase

„Sich allein auf eine verstärkte Haushaltsdisziplin zu einigen, sorgt an den Märkten nicht für die große Erleichterung. Die Stimmung wird erst dann besser, wenn die EZB bereit ist, als ultimativer Retter in das Geschehen einzugreifen.“

Rob Ryan, Devisenstratege bei BNP Paribas in Singapur

„Es sieht nach etwas mehr Substanz aus. Es wird einen Vertrag geben und er wird von der gesamten Eurozone unterzeichnet werden. Und es sieht so aus, als gebe es mehr Geld für den IWF. Es bleiben viele Fragen, vor allem bleibt das Risiko der Umsetzung.“

Roger Peeters, Analyst bei Close Brothers Seydler

„Es scheint immer noch schwierig, in ganz Europa einen Konsens zu erreichen, um die Strukturprobleme des Finanzsystems zu lösen. Die Diskussion zwischen Großbritannien und den Eurozonen-Staaten hat gezeigt, wo die Gemeinsamkeiten enden. Es war indes keine Überraschung, dass Großbritannien eine andere Meinung zur nötigen Regulierung der Kapitalmärkte hat, aber das Signal an die Märkte blieb negativ. (...) Jetzt hoffen die Anleger, dass der zweite Verhandlungstag bessere Ergebnisse bringen wird.“

Treasury Research von HSBC

„Grundsätzlich halten wir eine Stärkung des Stabilitäts- und Wachstumspaktes und verbindlichere Regeln bei der Haushaltsdisziplin ebenso für erforderlich wie eine ordnungspolitisch orientierte Wirtschaftsregierung mit ausreichenden Überwachungskompetenzen. (...) Ob eine „17+6-Lösung“ jedoch zu einer Beruhigung an den Finanzmärkten - auch über den kurzen Zeithorizont hinaus - führt, bleibt zumindest fraglich. So dürften die Details der ausgehandelten Lösung in den kommenden Wochen ebenso kritisch von den Finanzmarktteilnehmern begleitet werden wie die praktische Umsetzung der Beschlüsse.

Kai Carstensen, Konjunkturchef Ifo-Institut

„Ich bin nicht gerade positiv überrascht von den Gipfelergebnissen. Was dabei herausgekommen ist, sind Absichtserklärungen. Es soll zwar einen verbindlichen Pakt geben, der binnen drei bis vier Monaten ratifiziert werden könnte. Bis dahin kann aber noch einiges schiefgehen. Das Gipfelergebnis ist ein Signal, mehr aber auch nicht. Übrigens auch ein Signal, dass es mit Großbritannien noch große Uneinigkeit gibt.“

Wir wissen nicht, wie die Hebelung des EFSF funktionieren wird. Und ob all diese Finanzmittel auch gebraucht werden. Dennoch wurden auf dem Gipfel Beschlüsse zur Aufstockung der Rettungshilfen über den IWF gefasst. Wir haben jetzt eine Lage, in der Regeln für mehr Stabilität in der Fiskalunion angestrebt werden, aber keineswegs in trockenen Tüchern sind. Zugleich wurden die Ressourcen deutlich erhöht. Auch die EZB ist bei den Maßnahmen zur Milderung der Krise in Vorleistung gegangen, ohne etwas Festes in der Hand zu haben.“

Angela Merkel

„Es ging darum, die Stabilitäts- und Fiskalunion zu beginnen (...) Ich bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis. (...) Jeder in der Welt wird sehen, dass wir aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt haben“.

David Cameron, britischer Premierminister

„Wenn wir keine Schutzklauseln bekommen, ist es besser, draußen zu bleiben“

„Der Plan bietet mehr Positives als Negatives. Er erweckt den Eindruck, dass die Staats- und Regierungschefs das Ausmaß des Problems erkannt haben und wissen, wie sie reagieren müssen“, sagte Rick Fier von Conifer Securities. Viele Investoren erklärten aber, dass noch mehr zur Bekämpfung der Krise getan werden müsse.

Die Haushaltsvereinbarung sei hilfreich, werde aber am Markt nicht sehr lange wirken, sagte George Feiger von Contango Capital Advisors. Händler sagten zudem, ein Teil der Rally sei auf die Verluste der vergangenen Tage zurückzuführen.

Der Dow-Jones-Index der Standardwerte kletterte um 1,55 Prozent auf 12.184 Punkte und bewegte sich im Tagesverlauf zwischen den Marken von 11.995 und 12.212. Der breiter gefasste S&P 500 stieg um 1,7 Prozent auf 1255 Zähler. Der Index der Technologiebörse Nasdaq gewann 1,9 Prozent auf 2646 Stellen.

Der Dow schloss die Handelswoche mit einem Plus von 1,4 Prozent ab. Der S&P und Nasdaq betrugen die Gewinne 0,9 beziehungsweise 0,8 Prozent. In Frankfurt ging der Dax am Freitag mit einem Tagesplus von 1,9 Prozent auf 5986 Punkte aus dem Handel. Am Nachmittag übersprang er sogar kurzzeitig die Marke von 6000 Zählern.

Die Beschlüsse des EU-Gipfels verschafften Aktien von Banken deutliche Kursgewinne. Die Titel von Morgan Stanley zogen um 2,3 Prozent an, bei der Bank of America betrug das Plus 2,7 Prozent und bei der Citigroup 3,7 Prozent.

Nachrichten von Unternehmen boten wenig Anlass für Optimismus. Der Chemiekonzern DuPont erschreckte die Börsianer mit einem pessimistischen Ausblick aufs Gesamtjahr - die Aktien rutschten um 3,1 Prozent ab. Auch Texas Instruments schickte seine Aktien mit einer überraschenden Senkung der Geschäftsziele zunächst auf Talfahrt. Der Chiphersteller geht davon aus, wegen einer schwächeren Nachfrage im laufenden Quartal weniger Gewinn und Umsatz zu erreichen als bislang geplant. Die Aktie lag zum Börsenschluss dennoch leicht im Plus.

Mit Altera nahm ein zweites Unternehmen aus der Chipbranche seine Gewinnprognosen zurück. Altera-Aktien stiegen dennoch um 1,2 Prozent.

Wie der Wall-Street-Handel lief

Video: Wie der Wall-Street-Handel lief

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An der New York Stock Exchange wechselten rund 820 Millionen Aktien den Besitzer. 2562 Werte legten zu, 435 gaben nach, und 91 blieben unverändert. An der Nasdaq schlossen bei Umsätzen von 1,66 Milliarden Aktien 2080 im Plus, 453 im Minus und 87 unverändert.

Von

rtr

Kommentare (11)

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leser

10.12.2011, 00:28 Uhr

Es gab keinen Stein im Herz und es wird auch weitethin keinen "Stein vom Herzen" geben.
Wann wird man je verstehen.

Kea

10.12.2011, 03:24 Uhr

Ja, und besonders toll ist es, dass die Indizes ins Plus gedreht haben. Da können sich die Broker wieder einige Milliönchen von Dollar und anderer Währungen in die Taschen stecken - heute schon. Gut auch für die Versicherungen und Banken, die das Geld der Kunden weiter mittels uneinlösbarer Versprechen veruntreuen können - heute schon. Gut auch für die Politiker, die es als gelobte Retter leichter haben, wiedergewählt zu werden - heute schon.

Gut aber ganz besonders für die meisten Leser dieses Blogs, die in den Genuss kommen, endlich längere Lebensarbeitszeiten bei verlängertem Durchrechnungszeitraum in Anspruch nehmen zu dürfen, was die versprochenen künftigen Ausgaben des Staates drastisch reduziert - morgen erst!

Wie heißt es so schön in der Volkswirtschaftslehre: Ein Staat ist pleite, sobald er seinen Zahlungsversprechungen nicht mehr nachkommt?

Gut, dass man den Bürgen, oh, entschuldigen Sie meine Verwechslung, ich habe Bürgern gemeint, diesen Zustand dadurch verschweigen kann, dass man nie erwähnt, dass die Reduzierung der Renten (auch mittels Erhöhung der Lebensarbeitszeit) einem solchen Eingeständnis einer zumindest teilweisen Zahlungsunfähigkeit des Staates gleichkommt.

Gut auch, wenn man den Bürgen, oh, verzeihen Sie meine Demenz, wenn man den Bürgern, habe ich gemeint, einreden kann, es handle sich um die Zukunftsabsicherung deren Kinder und diese Bürgen diesen publizierten Quatsch auch bei Pensionsumlagesystemen nachquatschen, was unmöglich stimmen kann, da ein Umlagesystem kein System ist, in welchem Kapital angespart wird, sondern gleich wieder ausgegeben wird, was weiter bedeutet, dass es für die künftige Pension unerheblich ist, wie viele Jahre jemand gearbeitet hat, weil die Arbeitenden während der Zeit jemandes Pension dessen Rente sichern. Alles andere ist ein doofer Vorwand, der von noch dooferen Bürgen einfach nicht verstanden wird,

Kea

10.12.2011, 03:45 Uhr

was der Ideologie entspricht, jemand schon bei kleinen sprachlichen Nichtvergehen als Nazi zu verunglimpfen, um durch solche Anschuldigungen für die Reichen und sich nicht zu Unrecht verfolgt fühlenden Pseudoeliten Begünstigungen zu erreichen und alle Nichtmitläufer schnell mit Hilfe aus dem den Unsinn nicht verstehenden Volk zum Schweigen zu bringen; oder was gar der Strategie entspricht, die ein Anwalt vor Gericht anwendet und ein unerlaubtes Wort vor den Gläubigern einstreut, um danach reuig die Streichung desselben Wortes demütig hinzunehmen, weil er ja um die Beeinflussung bescheid weiß, dass dieses Wort aus den Köpfen nicht mehr zu verdrängen ist; oder man nimmt einfach die bewährte "Für-die-Zukunft-unserer-Kinder-Methode", was wie oben angeführt, ein bescheuertes Volk zu gerne aufgreift und so bereit gemacht wird, selbst ein wenig mehr zu leiden, damit die Eliten noch ein schönes Leben führen können - heute wohlgemerkt.

Die Methoden des Volksbetruges sind leider so vielfältig, dass man ein Buch darüber schreiben könnte, was den Rahmen dieses Blogs mit wenigen Erklärungsversuchen ja jetzt schon gesprengt hat, wie die Weiterführung dieses Artikels über einen Einzeleintrag hinweg beweist.

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