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01.12.2012

12:18 Uhr

Wall Street

Die Leiden der Aktienbroker

Das Geschäft mit Aktien könnte schlechter nicht laufen. Aktuelle Zahlen belegen, dass die Einnahmen der Broker zuletzt deutlich gesunken sind. Besserung ist vorerst nicht in Sicht.

Händler an der New Yorker Wall Street. dapd

Händler an der New Yorker Wall Street.

New YorkDie Provisionseinnahmen europäischer Aktienbroker sind 2012 um 29 Prozent zurückgegangen, wie die Tabb Group in einer aktuellen Studie mitteilte. Aus einer Umfrage unter 60 Leitern von Aktien-Desks ergab sich, dass die Einnahmen der Broker in diesem Jahr auf 865 Mio. Euro zurückgingen, nach 1,2 Mrd. Euro im Vorjahr. Rund 45 Prozent der Umfrageteilnehmer gaben an, dass sie den Anteil der Aufträge, die sie über traditionelle Handels-Desks abwickeln, zurückfahren. 66 Prozent handeln über Computer-Algorithmen.

“Eine Kombination aus einer sich vertiefenden Wirtschaftskrise, zunehmender Regulierung und einem Einbruch bei den Handelsvolumina und Provisionszahlungen erhöht die Dringlichkeit, veraltete Geschäftsmodelle anzupassen”, sagte Rebecca Healey, die Autorin der Tabb-Studie, die den Titel “Changing the Rules of Engagement” trägt. “Der Status Quo lässt sich nicht mehr aufrechterhalten.”

Die schwärzesten Börsentage seit 1987

Vor 1987

Beim größten Crash der Nachkriegszeit am 19. Oktober 1987 - als Spekulationen auf Zinserhöhungen den Dow-Jones-Index um 23 Prozent einbrechen ließen - hatte es den Dax noch nicht gegeben. Der deutsche Index, in dem die 30 börsennotierten Top-Unternehmen abgebildet sind, wurde erst am 1. Juli 1988 eingeführt. Auf Dax-Basis zurückberechnet hatten sich die Verluste an diesem Tag in Frankfurt aber auf gut neun Prozent belaufen.

16. Oktober 1989

Der Dax fällt um rund 13 Prozent und folgt damit der Wall Street, wo Finanzierungs-Schwierigkeiten beim Kauf der US-Fluggesellschaft UAL einen Ausverkauf auslösten.

19. August 1991

In Reaktion auf den später gescheiterten Putsch gegen den damaligen sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow verliert der Dax gut neun Prozent.

28. Oktober 1997

Im Sog der Asienkrise verliert der Dax im Handelsverlauf bis zu 13 Prozent und schließt mit 3.567 Punkten acht Prozent niedriger.

1. Oktober 1998

Die Angst vor einem Flächenbrand im Bankenwesen nach der Schieflage eines Hedgefonds in den USA und einer Eskalation der Krisen in Asien, Japan, Lateinamerika und Russland drücken den Dax um acht Prozent ins Minus.

11. September 2001

Nach den Terroranschlägen in den USA fällt der Dax um neun Prozent.

5. August 2002 und 3. September 2002

US-Rezessionsängste drücken den Dax um 5,7 beziehungsweise 5,8 Prozent in die Tiefe. Darüber hinaus sorgt die Unsicherheit über die Lage im Irak für Aktienverkäufe.

24. März 2003

Wenige Tage nach Beginn des Irak-Krieges wachsen die Zweifel an den Finanzmärkten. Viele Anleger fürchten, der Krieg könnte sehr viel länger als von den USA erwartet dauern. Der Dax stürzt um 6,1 Prozent ab.

21. Januar 2008

Angst vor einer Rezession in den USA drückt den Dax um sieben Prozent auf 6.790 Punkte ins Minus.

15. September 2008

Die Pleite von Lehman drückt den Dax um moderate 2,7 Prozent.

06. Oktober 2008

Für den Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate muss binnen einer Woche ein zweites Rettungspaket geschnürt werden. Der Dax verliert sieben Prozent.

08. Oktober 2008

Im Sog der Finanzkrise stürzt der Nikkei -Index um über neun Prozent ab. Der Dax verliert bis zu neun Prozent. Nach einer konzertierten Zinssenkungsrunde der großen Notenbanken erholen sich die Kurse nur leicht. Der Dax schließt mit einem Minus von sechs Prozent.

10. Oktober 2008

Rezessionsängste angesichts der Finanzkrise drücken den Nikkei-Index um zehn Prozent. Der Dax verliert ebenfalls sieben Prozent.

24. Oktober 2008

Ein erneuter Absturz der Tokioter Börse drückt den Dax in der Spitze um über elf Prozent.

01. Dezember 2008

Konjunktursorgen lassen den Dax um rund sechs Prozent fallen.

15. März 2011

Vier Tage nach der Erdbebenkatastrophe flüchten die Anleger weltweit aus den Aktienmärkten. Die Kernschmelzen in Fukushima erschüttern das Vertrauen zusätzlich: Der Nikkei-Index schließt 10,6 Prozent im Minus, der Dax verliert zeitweise 5,6 Prozent.

8. August 2011

Die USA verlieren am Wochenende bei der Ratingagentur Standard & Poor's ihre Bestnote als Kreditnehmer. Obwohl dies keine Überraschung ist, reagieren die Anleger mit Aktienverkäufen in großem Stil. Als an der Wall Street der Dow-Jones-Index 3,4 Prozent abstürzt, beschleunigt der Dax seine Talfahrt und verliert bis zu 5,2 Prozent auf 5921 Punkte.

5. September 2011

Die Furcht der Anleger vor einer weltweiten Rezession und einer Ausweitung der Schuldenkrise in der Euro-Zone drückt den Dax um 5,3 Prozent ins Minus.

1. November 2011

Der Dax verliert rund fünf Prozent. Auslöser ist die überraschende Ankündigung einer Volksabstimmung in Griechenland über ein Rettungspaket.

29. Juni 2015

Das Scheitern der Gespräche zur Lösung der Schuldenkrise in Griechenland und die überraschende Ansetzung einer Volksabstimmung über die Forderungen der Gläubiger drückt den Dax gleich im frühen Handel um 4,6 Prozent auf 10.964,24 Punkte.

Die Volumina im Aktienhandel gehen weltweit zurück. Das Handelsvolumen der im Stoxx Europe 600 Index gelisteten Aktien lag im Schnitt der vorangegangenen 50 Tage um 27 Prozent niedriger als ein Jahr zuvor, ergibt sich aus Daten, die Bloomberg zusammengestellt hat.

Angesichts der rückläufigen Volumina gaben 45 Prozent der Umfrageteilnehmer an, dass sie Provisionszahlungen konzentrieren und senken. 42 Prozent gaben an, dass sie die Brokerdienstleistungen, die sie in Anspruch nehmen, auf den Prüfstand stellen.

“Alle Marktteilnehmer müssen darauf vorbereitet sein, dass sie mit weniger Aufwand mehr erreichen”, sagte Healey. “Ohne Volumenzunahme in unmittelbarer Zukunft werden die Broker mit weniger Personal und begrenzten Ressourcen gezwungen sein, wirkungsvoller Umsätze zu generieren.”

Während die Liquidität schwindet, nimmt die Zahl der Händler zu, die sogenannte Dark Pools nutzen, wo Preise für die Marktteilnehmer nicht sichtbar sind. Zehn Prozent der Umfrageteilnehmer gaben an, dass sie über 30 Prozent ihres Handels über Dark Pools tätigen. 2011 waren es erst acht Prozent.

Stimmen zur Schuldenkrise

Barack Obama, US-Präsident

„So lange Europa keinen konkreten Plan für den Kampf gegen die Krise hat, halten die Turbulenzen an den Finanzmärkten an.“

Mohamed El-Erian, Chef von Pimco

„Das, was wir in Griechenland im Schnelldurchlauf erleben, könnte eines Tages auch die USA erfassen, wenn sich die dortige Politik nicht ändert“

George Soros, Investor

„Die derzeitigen Maßnahmen sind nicht ausreichend, kommen zu spät und lösen weltweit Verwerfungen auf den Finanzmärkten aus“

Charles Plosser, Fed-Gouverneur

„Möglicherweise besitzen wir nicht die richtigen geldpolitischen Instrumente, um die Erkrankungen zu heilen, an denen das System leidet.“

Jose Manuel Barroso, EU-Kommissionspräsident

„Wir sind jetzt wirklich mit einer wahrhaft systemischen Krise konfrontiert“

Nicolas Sarkozy, französischer Staatspräsident

"Diejenigen, die den Euro zerstören, werden die Verantwortung dafür tragen, dass Konflikt und Trennung auf unserem Kontinent wieder auferstehen."

Angela Merkel, Bundeskanzlerin

„Europa ist heute in einer der schwersten Stunde, vielleicht der schwersten Stunde seit dem Zweiten Weltkrieg.“

Hans-Werner Sinn, Chef des Ifo-Instituts

„Es wird für die Politiker immer schwerer, einen Kurswechsel durchzusetzen. Sie werfen immer mehr gutes Geld dem schlechten hinterher und überlassen das Problem der jeweils nachfolgenden Politikergeneration. […] Es kommen noch große Lasten auf Deutschland zu.“

Dirk Müller, Börsenhändler und Buchautor

"Wir haben nichts aus dem ersten Teil der Finanzkrise gelernt, es geht so weiter wie vorher."

Max Otte, Investor und Ökonom

„Die Schuldenberge, die wir aufgetürmt haben, lassen sich nur durch Inflation beseitigen. Alles andere wäre fatal. Wenn dagegen so etwas passiert wie 1929, also eine Phase extremer Deflation bis hin zur Depression, dann gute Nacht.“

Bert Flossbach, Vermögensverwalter

„Die Banken haben das Vertrauen, auf das sie mehr als jede andere Branche angewiesen sind, verspielt. Kein Wunder, dass der Kapitalmarkt kaum noch bereit ist, ihnen Geld zu leihen. Aufgeblähte Bilanzen, zu wenig Eigenkapital, falsche Anreizsysteme, komplexe Geschäfte und zunehmende Risiken machen Großbanken zu unkalkulierbaren Risiken für ihre Aktionäre, den Staat und damit die ganze Gesellschaft.“

Jürgen Heraeus, Unternehmer

„Ich bin besorgt, aber ich bin vor allem realistisch. Wir werden eine Abwertung bekommen, wir werden vielleicht sogar eine Inflation bekommen. Ich möchte das Wort Währungsreform nicht in den Mund nehmen, aber irgendwo müssen diese riesigen Schulden bleiben.“

Thorsten Polleit, Chefvolkswirt Barclays Capital Deutschland

„Die westlichen Länder stecken in der Wirtschafts- und Finanzkrise, einer Verschuldungskrise. Wie immer bei hoher Verschuldung ist die Gefahr groß, dass die Politik des Gelddruckens als das kleinste Übel angesehen wird. Ich lebe in ständiger Inflationssorge.“

Hans Olaf Henkel, Ex-BDI-Präsident

„Es gibt eine Alternative zur ‚alternativlosen’ Euro-Politik: den gemeinsamen Austritt Deutschlands, Hollands, Österreichs und Finnlands aus der Euro-Zone.“

2011 wurden in Europa im Aktienhandel bei einer Reihe von Akteuren die Aktivitäten zurückgefahren. So schloss die größte italienische Bank, die Unicredit, im vergangenen November ihre Sparte Aktienhandel Westeuropa. Bei mindestens fünf weiteren Instituten, darunter Nomura Holdings Inc., wurden Stellen im europäischen Aktienhandel abgebaut.
Von den 60 Teilnehmern an der Tabb-Umfrage arbeiten 40 bei herkömmlichen Vermögensverwaltern, die restlichen 20 bei Hedgefonds. Gemessen am durchschnittlichen Tagesvolumen waren 2012 Tabb zufolge Credit Suisse Group, UBS, Morgan Stanley, Deutsche Bank und Bank of America die größten Aktienhändler der Region.

Kommentare (3)

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Lungomolch

01.12.2012, 13:08 Uhr

Zitat: "66 Prozent handeln über Computer-Algorithmen"

Bei meinem Broker zahle ich bei jedem Aktienkauf 0,25% von der Kaufsumme + pauschal 5 Euro. Wenn man im Millisekundenbereich kauft und verkauft, müssten die Gebühren ja astronomisch sein. Aber vermutlich bekommen die Algo-Trader ja Sonderkonditionen.

Abgesehen davon ist das Algo-Trading eine riesige Gemeinheit gegenüber den ehrlichen Aktienhändlern.

Durch Order-Flutung werden Kurse manipuliert. Bei bestimmten Kaufsignalen im Chart wird so schnell ge- und wieder verkauft, dass kein normaler Trader da mitkommt.

Die Algo-Trader rechtfertigen sich z.B. mit dem Argument, dass sie die Liquidität erhöhen.

Aber eines ist doch klar: An der Börse steht jedem Gewinn ein Verlust gegenüber. Das heißt, wenn die Algo-Systeme Milliarden Gewinne machen, verlieren andere. Mit fairem Handel hat das nichts zu tun!

Brokerwilli

01.12.2012, 13:45 Uhr

Dünne Umsätze-steigende Kurse,genau wie im zeitigen 2000,da ging es auch so los,von Januar bis März nur heiße Luft ,damals stieg der DAX nach dem leichten Crash zu Jahresanfang von 6400 bis 8120,aber die Umsätze nahmem immer weiter ab,von Woche zu Woche wurde es weniger,obwohl DAX,NEMAX und NEMAX 50,Nasdaq und Nasdaq 100 immer weiter stiegen,das geht nicht mehr lange gut,sagten wir uns damals,genau wie jetzt...

Account gelöscht!

01.12.2012, 14:17 Uhr

Die allgemeine Verteufelung von Algorithmen geht völlig am Thema vorbei und zeugt von Unkenntnis (und damit meine ich nicht die unsinnigen in Millisekunden auftauchenden und wieder gelöschten Orders).

Aber Order-Typen wie " Motion Stopp-Buy/Sell " oder ein " Headline-Algo " sind eben auch Algorithmen. Und so etwas hat jede professionelle Handelsplattform programmierbar über den API, und ist für mich unverzichtbar.

Also bitte etwas differenzierter die Sache betrachten.

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