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03.12.2012

11:51 Uhr

WGF Immobilien

Anlegern droht Millionenschaden

VonSebastian Ertinger, Reiner Reichel

Viele Anleger haben Anleihen von WGF Immobilien im Depot. Doch das Unternehmen scheint Probleme zu haben. Weil es seinen Jahresabschluss nicht vorlegt, hat die Börse die Anleihen nun vom Handel ausgesetzt.

Die WGF erwirbt Immobilien. dpa - picture-alliance

Die WGF erwirbt Immobilien.

DüsseldorfAnlegern des umstrittenen Immobilienkonzerns WGF Westfälische Grundbesitz und Finanzverwaltung droht ein Millionenschaden. Der Konzern hätte bis zum 30. November 2012 einen testierten Jahresabschluss vorlegen müssen, dies bislang aber versäumt. Die Börse Düsseldorf hat nun den Handel mit Anleihen des Immobilienhändlers ausgesetzt Pino Sergio, der WGF-Chef hatte zuvor noch versucht, einen Aufschub für die Abgabe des Jahresabschlusses gewährt zu bekommen, doch der Handelsbetreiber lehnte ab. Die Investoren, schätzungsweise mehrere tausend und darunter viele Privatanleger, werden ihre Papiere nicht los.

Eine Möglichkeit wäre es, auf eine andere Börse auszuweichen, nach Frankfurt beispielsweise. Doch auch dort wird derzeit geprüft, den Handel auszusetzen. Andere Handelsplätze folgen in solchen Fällen normalerweise der Empfehlung der Heimatbörse.

Ratingagenturen ABC

Wie arbeiten Ratingagenturen?

Ratingagenturen bewerten die Kreditwürdigkeit von Anleiheemittenten; das können Unternehmen, Banken oder Staaten sein. Das Urteil der Bonitätsprüfer bestimmt letztlich den Kurs der Papiere. In die Bewertung fließen veröffentlichte Zahlen ebenso ein wie Brancheneinschätzungen. Die weltweit einflussreichsten Ratingagenturen sind Standard & Poor's (S&P), Moody's und Fitch.

Welche Auswirkungen hat ein schlechtes Rating?

Je schlechter Ratingagenturen die Bonität eines Marktteilnehmers beurteilen, desto schwieriger und teurer wird es für diesen, sich frisches Geld zu besorgen. Die Refinanzierungskosten steigen, im schlimmsten Fall ziehen Geldgeber ihr Kapital ab. Am Rating orientieren sich nicht nur Banken, sondern beispielsweise auch institutionelle Investoren.

Was bedeuten Ratings wie „AAA“ oder „BB+“?

Für ihre Einstufungen verwenden die Agenturen Buchstabencodes. Bei Standard & Poor's und Fitch beginnt die Skala mit der Bestnote „AAA“ (englisch: „Triple A“). Es folgen „AA“, „A“, „BBB“, „BB“, „B“, „CCC“, „CC“, „C“. Die meisten Stufen können mit Plus- und Minuszeichen noch feiner unterteilt werden. Ab „BB+“ beginnt der spekulative Bereich, der auch „Ramsch“ (englisch: „Junk“) genannt wird. Die Skala reicht bis „D“ - das bedeutet, dass ein Ausfall des Schuldners eingetreten ist. Etwas anders verfährt die Ratingagentur Moody's, die bei der Bewertung große und kleine Buchstaben sowie Zahlen kombiniert. „Aaa“ bedeutet „erstklassig“ und ist die höchste Bewertung. Diese Note steht für höchste Qualität, geringstes Ausfallsrisiko, vergleichbar mit Staatsanleihen. Dann folgen „Aa1“, „Aa2“, „Aa3“ für „starke Zahlungsfähigkeit“ sowie in der nächsten Stufe „A1“, „A2“ und „A3“ für „gute Zahlungsfähigkeit“. Danach wird der erste Buchstabe durch ein „B“ ersetzt. Der «spekulative Bereich“ beginnt bei „Ba1“, die niedrigste Kategorie ist „E“.

Was bemängeln Kritiker an Ratingagenturen?

Kritiker bemängeln, es bleibe oft unklar, welcher Anteil der Bonitätseinstufungen Mathematik und was Meinung ist. In der Finanzkrise kamen Ratingagenturen in die Schusslinie: In vielen Fällen behielten Unternehmen, die ein hohes Risiko trugen, zu lange ihre Topnoten. Sie wurden erst herabgestuft, als die Krise bereits akut war; Anlegern blieb keine Zeit zu reagieren. Daher ist es wenig ratsam, allein auf das Urteil von Moody's & Co zu vertrauen.

Welche Alternativen gibt es zu Ratingagenturen?

Manche Profis verlassen sich inzwischen stärker auf das Urteil eigener Analysten. Deren Meinung findet umso mehr Beachtung, wenn sie eine abweichendes Urteil zu den Ratingagenturen fällen. Privatanleger können überlegen, wenig transparente Marktsegmente über Fonds abzudecken, statt direkt in Anleihen zu investieren. So profitieren sie quasi indirekt vom Know-How weiterer Experten.

WGF hat in der Vergangenheit Privatanleger und kleinere institutionelle Investoren mit sogenannten Hypothekenanleihen angelockt. Die Papiere bieten Zinskupons von fünf bis sechs Prozent und sind mit Grundpfandrechten für Immobilien besichert. Dabei sammelt die WGF erst das Geld der Anleger ein und investiert es dann in die Immobilien. Zurückgezahlt werden Anleihen mit dem Erlös aus dem Verkauf der entsprechenden Immobilien.

An der Börse Düsseldorf notieren sechs dieser Immobilienanleihen mit einem Emissionsvolumen von jeweils nominal 50 bis 100 Millionen Euro. Zwei Papiere wurden bereits zurückgezahlt. Zudem hat die WGF noch mit zwei Genussscheinen Kapital bei Anlegern eingesammelt.

Eigentlich hatte sich WGF gegenüber der Börse Düsseldorf verpflichtet, bis zum 1. Juli 2012 den Jahresabschluss für das Geschäftsjahr 2011 zu veröffentlichen. Die Börse hat dem Unternehmen aber die Frist bis zum 30. November verlängert, wie der Handelsplatz auf seiner Website mitteilte.

Die Westfälische Grundbesitz hatte bereits beim Geschäftsabschluss für das Jahr 2010 Unregelmäßigkeiten einräumen müssen. Das Unternehmen hatte in seinem Kerngeschäftsfeld, dem Immobilienhandel, 2010 Verlust gemacht.

Ausgewählte BondM-Anleihen

3Power

Zins: 9,25 %

aktueller Kurs (Stand 25.3.2013): 87,15 %

Rendite: 15,38 %

Fälligkeit: 01.12.2015

WKN: A1A29T

Quelle: Börse Stuttgart

Air Berlin

Zins: 11,50 %

aktueller Kurs: 107,10 %

Rendite: 7,03 %

Fälligkeit: 01.11.2014

WKN: AB100C

Albert Reiff GmbH & CoKG

Zins: 7,25 %

aktueller Kurs: 107,50 %

Rendite: 4,65 %

Fälligkeit: 27.05.2016

WKN: A1H3F2

Dürr

Zins: 7,25 %

aktueller Kurs: 108,05 %

Rendite: 3,80 %

Fälligkeit: 28.09.2015

WKN: A1EWGX

Ekosem Agrar

Zins: 8,75 %

aktueller Kurs: 106,45 %

Rendite: 6,85 %

Fälligkeit: 23.03.2017

WKN: A1MLSJ

German Pellets

Zins: 7,25 %

aktueller Kurs: 105,15 %

Rendite: 5,36 %

Fälligkeit: 01.04.2016

WKN: A1H3J6

getgoods.de

Zins: 7,75 %

aktueller Kurs: 100,99 %

Rendite: 7,50 %

Fälligkeit: 02.10.2017

WKN: A1PGVS

Joh. Friedrich Behrens

Zins: 8,00 %

aktueller Kurs: 106,00 %

Rendite: 5,75 %

Fälligkeit: 15.03.2016

WKN: A1H3GE

KTG Agrar

Zins: 6,75 %

aktueller Kurs: 106,35 %

Rendite: 3,99 %

Fälligkeit: 15.09.2015

WKN: A1ELQU

MITEC Automotive

Zins: 7,75 %

aktueller Kurs: 102,00 %

Rendite: 7,16 %

Fälligkeit: 30.03.2017

WKN: A1K0NJ

RENA GmbH

Zins: 7,00 %

aktueller Kurs: 102,95 %

Rendite: 5,84 %

Fälligkeit: 15.12.2015

WKN: A1E8W9

Uniwheels

Zins: 7,50 %

aktueller Kurs: 100,90 %

Rendite: 7,16 %

Fälligkeit: 19.04.2016

WKN: A1CRMQ

Die ausgewiesenen Kennzahlen mit einem Umsatz von 123,4 Millionen Euro und einem Gewinn von 12,5 Mio. Euro wurden durch konzerninterne Geschäfte aufgebläht, die sich nicht einfach wiederholen lassen. Dies hatte das Handels- und Investmenthaus gegenüber dem Anlegermagazin „Börse Online“ eingeräumt.

„Einige Zahlen im aktuellen Geschäftsbericht sind vielleicht nicht für jeden auf Anhieb zu verstehen“, sagte damals WGF-Chef Sergio. Er gelobte Besserung und eine höhere Transparenz bei künftigen Jahresabschlüssen. Nun liegt aber gar kein Abschluss vor. Und die Anleger müssen um ihr Geld bangen.

Kommentare (5)

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zin084

03.12.2012, 17:59 Uhr

Eine Handelsaussetzung bedeutet noch keinen Schaden, zumal viele Papiere ja mit Hypotheken unterlegt sein sollen. Interessant ist es allerdings schon, dass die Gesellschaft es nicht geschafft hat, innerhalb von elf Monaten keinen testierten Jahresabschluss vorzulegen. Das Handelsblatt sollte mal recherchieren, ob die Gesellschaft in der Lage ist, die am 15.12.2012 fällige Anleihe zurückzuzahlen. Bei den heutigen Umsätzen an der Börse Frankfurt gab es ja auch Käufer, die darauf hoffen. Wer hinter diesen Käufen steht, sollte mal bei Gelegenheit geprüft werden. Eventuell sind es ja Insider, die auf die Panik der Kleinanleger spekulieren und Papiere mit fast 25 % Abschlag kaufen und auf eine Rückzahlung zu 100 % in 14 Tagen spekulieren. Das Handelsblatt sollte dran bleiben, ggf. auch mal bei der BaFin nachfragen.

umihresicherheitbesorgt

07.12.2012, 08:33 Uhr

so wie ich den typen einschätze, forciert der dies... er kennt die konsequenzen des nicht vorlegens und hofft, dass die kurse in den keller gehen... mit scheinfirmen kauft er die anteile und prahlt dann am 15.12. er hätte alles zurückgezahlt... klar, an sich selbst... mit geld was er nicht mehr hat... wenn mal alleine schon die prospekte liest, dann wird klar, dass bereits anlagegelder für instandhaltungen etc. entnommen werden dürfen... und nun mal raten, in welche gesellschaft diese gelder frei von jeglichen auflagen und verwendungsmöglichkeiten fließen... natürlich in die ilse bau... und wem gehört diese... ;-) und nun schauen wir uns mal die immobilien an... haben diese jemals einen euro gesehen... ich denke nicht... aber wo ist dann das geld??

Kalli

11.12.2012, 16:59 Uhr

Jetzt ist es raus. Die WGF ist insolvent!

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