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13.01.2005

07:00 Uhr

Zu viel Detailwissen gefährdet den Börsenerfolg

Die Informationsfalle

VonIngo Narat

Die Börsenwelt ist wunderbar: Informationen en masse. Nichts bleibt dem Auge des Privatanlegers mehr verborgen. Heute ist Wissen rund um die Uhr verfügbar.

FRANKFURT/M. Die Börsenwelt ist wunderbar: Informationen en masse. Nichts bleibt dem Auge des Privatanlegers mehr verborgen. Heute ist Wissen rund um die Uhr verfügbar. Online und offline, im Internet und gedruckt hat es die Fernsehkanäle erobert; Meinungen und Einschätzungen gibt es gratis obendrauf. Der Logik folgend müssten die Anleger im Informationsparadies erfolgreicher agieren als zu früheren Zeiten. Doch die Logik trügt. Omnipräsente Information garantiert keine besseren Anlageergebnisse – eher im Gegenteil.

Der Überfluss des Wissens lässt den Anleger leicht stolpern. Er verliert im Dickicht von Detailinformationen schnell den Blick für das Wesentliche. Darauf machen Susanne Ehrlich und Volker Buschmann von der deutschen Niederlassung der internationalen Investmentgesellschaft M & G aufmerksam. Die Vertriebsexperten berichten von einem Experiment, in dem die Teilnehmer an genau diesem Punkt scheiterten.

Die versammelten Experten für Pferderennen sollten das Ergebnis eines Laufes vorhersagen. Sie erhielten zunächst die ihrer Meinung nach wichtigsten Informationen, konnten weitere bestellen. Die Liste der abrufbaren Daten enthielt unter anderem Angaben zum Jockey, das vom Pferd zu tragende Gewicht und die Anzahl von Tagen seit dem letzten Rennen.

Fazit: Die Fachleute überschätzten sich mit steigender Zahl der Informationen. Je mehr Informationen sie berücksichtigten, desto größer war das Vertrauen in die Treffgenauigkeit ihrer Prognose – doch tatsächlich stieg die Treffgenauigkeit nicht. Laut Ehrlich und Buschmann wurden diese Ergebnisse in ähnlichen Experimenten auf anderen Gebieten bestätigt.

Was tun? Die beiden Strategen empfehlen: nüchtern bleiben, sich auf die wesentlichen Informationen konzentrieren, die risikoreiche Performancejagd um jeden Preis vermeiden, nicht dauernd jedem Produkttrend hinterherhampeln. Sie erinnern daran, dass es meist bodenständige und vernünftige Menschen waren, die es zu großem Wohlstand brachten. Spekulanten scheiterten in der Regel.

Es gibt noch eine Hürde auf dem Weg zum Anlageerfolg. Als wäre die Informationsfalle nicht gefährlich genug, scheitert der Anleger oft auch an der eigenen Psychologie. Börsen funktionieren ganz anders, als man es im Alltag gewohnt ist. Bei Unwohlsein beispielsweise sucht der Mensch den Arzt auf. Zweifelt der Patient an der Diagnose, wird er sich eine alternative Meinung einholen. Kommt dieser Doktor zum gleichen Ergebnis wie sein Kollege, dürften die Zweifel des Betroffenen sinken. Spätestens beim dritten Befund, der gleich ausfällt, wird er von der Richtigkeit der Diagnose überzeugt sein. Je mehr Experten einer Meinung sind, desto weniger können sie wohl irren.

Leider werden Anleger beim Übertragen ihrer Alltagserfahrung auf die Börse Schiffbruch erleiden. Die Börse ist ein Marktplatz für Meinungen. Steigt etwa die Zahl der optimistischen Einschätzungen für eine Aktie, nimmt die Wahrscheinlichkeit für eine Trendumkehr des Kurses nach unten zu – im Gegensatz zur Erfahrung mit dem Arzt. Grund: Die Optimisten haben die viel gerühmte Aktie schon gekauft. Sie können nicht mehr für weiter steigende Kurse sorgen. So werden Mehrheitsmeinungen zu Psycho-Fallen.

Das lässt die Prognosen der Börsenauguren in einem anderen Licht erscheinen. So ist Vorsicht angeraten, wenn man einen Blick auf ihre Durchschnittserwartungen für das laufende Jahr wirft: Aktienkurse steigen, Anleihekurse fallen, der Dollar sackt weiter ab. Es kann auch ganz anders kommen.

Vorhersagen werden deshalb nicht überflüssig. Im schlimmsten Fall können sie erfahrenen Anlegern als Kontraindikator dienen. Und dann gibt es ja noch einige analytische Denker und Börsianer, die fähiger sind als die Mehrheit ihrer Kollegen. Das ist auch eine Hürde auf dem Weg zum Anlageerfolg: sie zu finden.

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