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19.11.2014

12:26 Uhr

Börse und Hirnforschung

„Börsengewinne sind wie Kokain“

VonJessica Schwarzer

Schnelle Erfolge an der Börse fördern das Suchtverhalten, sagt Hirnforscher Christian Elger. Verluste aber können uns körperlich wehtun. Wie das Gehirn unser Anlageverhalten beeinflusst und uns in teure Fallen lockt.

dpa

Übereilte Entscheidungen, Panikattacken beim Blick auf die Börsenkurse oder schlicht Gier – beim Geld setzt der Verstand oft aus. Warum das so ist, erklärt Hirnforscher Christian Elger. Auch wenn es immer heißt, Emotionen hätten an der Börse nichts zu suchen, ist der Direktor der Klinik für Epileptologie am Universitätsklinikum Bonn überzeugt, dass Gier grundsätzlich ein sinnvoller, physiologischer Vorgang ist. Er erklärt auch, wie Anleger ihr Gierverhalten von der nüchternen Betrachtung trennen können. Ein Gespräch über irrationale Anleger, zu hohe Boni und falsche Anreize.

Hirnforscher Prof. Dr. Christian Elger von der Uni Bonn

Hirnforscher Prof. Dr. Christian Elger von der Uni Bonn

Herr Elger, wann haben Sie zuletzt den sprichwörtlichen Kopf bei der Geldanlage verloren?
Bei der Geldanlage nicht, aber wenn es um Konsum geht, werde ich manchmal schwach. Ich liebe Autos und habe mir vor Jahren einen Z8 gekauft, der jedes Jahr im Wert steigt. Und ich sammele Uhren.

Ist das auch eine Form von Gier?
Nein, das ist die Liebe zu schöner Ästhetik. Ich würde mir ein Auto, das hohe Gewinne versprechen würde, nicht kaufen, wenn es mir nicht gefällt. Auch Uhren kaufe ich nach Ästhetik, auch wenn sie eine Wertanlage sind.

Die grössten Fehler der Anleger

Risikotoleranz

Die Neigung, Risiken einzugehen, ist mit zwei demografischen Faktoren verbunden: Geschlecht und Alter. Frauen sind normalerweise vorsichtiger als Männer und ältere Menschen sind weniger bereit, Risiken einzugehen, als jüngere Leute. Die Konsequenzen der Verhaltensökonomik für Anleger sind klar: Wie wir uns bei der Geldanlage entscheiden und wie wir uns bei der Verwaltung unserer Anlage entscheiden, hängt sehr davon ab, wie wir über Geld denken. [...] Sie demonstriert, dass Marktwerte nicht ausschließlich von den gesammelten Informationen bestimmt werden, sondern auch davon, wie menschliche Wesen diese Informationen verarbeiten.

Übertriebene Zuversicht

An sich ist Zuversicht ja keine schlechte Sache. Aber übertriebene Zuversicht ist etwas ganz anderes, und sie kann besonders im Umgang mit unseren Finanzangelegenheiten Schaden anrichten. Übertrieben zuversichtliche Anleger treffen nicht nur für sich selbst dumme Entscheidungen, sondern diese wirken sich auch sehr stark auf den Mark als Ganzes aus.

Kurzfristiges Denken

Menschen [legen] zu viel Wert auf wenige mehr oder wenige zufällige Ereignisse [...] und meinen, sie würden darin einen Trend erkennen. Insbesondere sind Anleger tendenziell auf die neuesten Informationen fixiert, die sie bekommen haben, und ziehen daraus Schlüsse. So wird der letzte Ergebnisbericht in ihrem Denken zum Signal für künftige Gewinne. Und da sie meinen, sie würden etwas sehen, das andere nicht sehen, treffen sie dann aufgrund oberflächlicher Überlegungen schnelle Entscheidungen.

Verlustaversion

Der Schmerz durch einen Verlust [ist] viel größer als die Freude über einen Gewinn. Bei einer 50:50-Wette, bei der die Chancen exakt gleich sind, riskieren die meisten Menschen nur dann etwas, wenn der potenzielle Gewinn doppelt so groß ist wie der potenzielle Verlust. Das nennt man asymmetrische Verlustaversion. [...] Auf den Aktienmarkt bezogen bedeutet dies, dass sich die Menschen beim Verlust von Geld doppelt so schlecht fühlen, wie sie sich gut fühlen, wenn sie einen Gewinn erzielen. Diese Abneigung gegen Verluste macht Anleger übertrieben vorsichtig, und das hat einen hohen Preis. [...] Wir wollen alle glauben, wir hätten gute Entscheidungen getroffen, und deshalb hängen wir zu lange an schlechten Entscheidungen, in der vagen Hoffnung, die Dinge werden sich noch wenden.

Verdrängen

Wir neigen dazu, das Geld geistig auf verschiedene Konten zu buchen, und dies bestimmt, wie wir es verwenden. [...] Zudem wurde die geistige Buchhaltung als Grund angeführt, weshalb Menschen schlecht laufende Aktien nicht verkaufen: In ihren Augen wird der Verlust erst real, wenn sie ihn realisieren.

Quelle: Robert G. Hagstrom, Warren Buffett. Sein Weg. Seine Methode. Seine Strategie., Börsenbuchverlag 2011.

Bei Geld setzt der Verstand aus, heißt es. Warum ist es schwer, bei der Geldanlage rational zu entscheiden?
Das hat eine lange Geschichte und geht auf Zeiten zurück, in denen unsere Vorfahren in Höhlen lebten. Dort haben die Menschen viel mehr Zeit verbracht als in der modernen Zivilisation. Damals war die Ernährung ein riesiges Problem. Wenn Sie nicht zugeschlagen haben, wenn Sie nicht gierig waren, wenn ein Mammut des Weges kam, mussten Sie vielleicht verhungern, weil es acht Wochen nichts mehr zu essen gab. Das hat uns, unser Gehirn geprägt. Auch wenn das mit unserer heutigen Zivilisation nicht mehr viel zu tun hat.

Und trotzdem sind wir gierig und wenig rational?
Es gibt im Gehirn ein Belohnungssystem, das uns extrem antreibt und auf Beute enorm anspringt. Heute ist es nur eben nicht mehr das Mammut, sondern die Gehaltserhöhung oder der lockende Börsengewinn. Die Motivation ist enorm: Vor 200.000 Jahren ging ein Trupp junger Männer auf die Jagd und war zehn Tage unterwegs, um Nahrung für die Familie zu erlegen. Solche Erfahrungen haben unser Gehirn geprägt.

Selbst überdurchschnittlich intelligente Menschen machen an der Börse viele Fehler.
Das hat mit Intelligenz wenig zu tun. Unser Belohnungssystem regiert uns. Das ist ein recht einfach funktionierender Mechanismus. Wir haben in Untersuchungen beispielsweise belegt, dass Menschen auf Rabatte anspringen – selbst wenn der Preis gar nicht auf der Ware steht. Ein Rabatt verspricht Befriedigung, weil unserer Belohnungssystem aktiviert wird. Gleichzeitig sind die Regionen in unserem Stirnhirn, die für den Entscheidungsprozess verantwortlich sind, runtergefahren. Ob wir etwas überhaupt brauchen oder nicht, oder uns leisten können – eine rationale Frage also – spielt dann eine untergeordnete Rolle.

Kommentare (1)

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Herr Friedrich Pollock

19.11.2014, 14:21 Uhr

Mal ein überraschend inhaltsvoller Beitrag.

Man sollte aber bitte fairerweise sagen, dass die Erkenntnisse nicht von Prof. Dr. Christian Elger stammen, sondern seit Mitte der 60er Jahre u.a. von Nobelpreisträger Kahneman und anderen Psychologen erforscht ist. Auch die Tatsache, dass unser Gehirn "kokainartige bzw- -ähnliche" Substanzen erzeugt (z.B. zur Schmerzlinderung etc.), ist schon seit fast 100 Jahren bekannt.

Sehr guter recherchiert und fundiert zusammengetragen hat das der US-Journalist Jason Zweig, falls jemand sich weiter mit der Materie beschäftigen möchte.

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