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29.09.2012

13:37 Uhr

Börsen-Boom

Die gefährlichste Rally aller Zeiten

VonChristian Panster, Jörg Hackhausen

Die Aktienkurse sind zuletzt kräftig gestiegen. Und sie werden es weiter tun, sagen Experten. Viel weiter. Doch die wundersame Geldvermehrung hat Risiken und Nebenwirkungen. Eine Spurensuche

Eine Immobilienblase in Deutschland lässt sich verhindern.

Eine Immobilienblase in Deutschland lässt sich verhindern.

DüsseldorfWerner Schulte* ist gut 1,90 Meter groß, mindestens zwei Zentner schwer. Ein Hüne, Nordhesse, Landwirt von Beruf. Sein Leben lang hat er schwer arbeiten müssen für sein Geld. Im nächsten Jahr soll Schluss sein mit der Plackerei. Schulte geht in Rente. Eine Lebensversicherung wird im Februar fällig, über viele Jahre angespart. Von dem Geld will er die letzten Jahre seines Lebens bestreiten. Vor nicht allzu langer Zeit hat er noch gedacht, es würde locker reichen. Mittlerweile ist Schulte sich aber nicht mehr sicher. Zum ersten Mal in seinem Leben, sagt er, verspüre er so etwas wie Zukunftsangst. Die niedrigen Zinsen, die Euro-Krise, drohende Inflation. Schulte ahnt – das Geld aus der Lebensversicherung wird nur reichen, wenn ein großer Teil davon trotz Ruhestand noch weiter arbeitet, sich also vermehrt.

Mit seinen Nöten und Sorgen ist Werner Schulte nicht allein. Vom Kleinanleger bis zum Großinvestor stellen sich alle dieselbe Frage: Wohin mit dem Geld? Das Sparbuch bringt es nicht, auch Tages- und Festgeld werfen wenig ab, Bundesanleihen sowieso nicht. Allein an der Börse ließ sich in diesem Jahr ordentlich verdienen. Der Deutsche Aktienindex (Dax) legte um mehr als 20 Prozent zu. Das ist Schulte nicht entgangen. Jeden Abend schaut er abends die Tageschau und zuvor den Börsenbericht. Er überlegt, ob er sein Geld nun in Aktien stecken soll – zum ersten Mal in seinem Leben.

Was aus 1.000 Euro in zehn Jahren wurde

Deutscher Aktienindex (Dax)

Veränderung auf Sicht von zehn Jahren: +88,8 Prozent (ohne Dividenden)

Was aus 1.000 Euro geworden wäre: 1.888 Euro

Dow Jones

Veränderung auf Sicht von zehn Jahren (in Euro): +52,7 Prozent

Was aus 1.000 Euro geworden wäre: 1.527 Euro

EuroStoxx 50

Veränderung auf Sicht von zehn Jahren (in Euro): +31,3 Prozent

Was aus 1.000 Euro geworden wäre: 1.313 Euro

Nikkei

Veränderung auf Sicht von zehn Jahren (in Euro): +10,1 Prozent

Was aus 1.000 Euro geworden wäre: 1101 Euro

Chinesische Aktien (Shanghai B-Index)

Veränderung auf Sicht von zehn Jahren (in Euro): +10,3 Prozent

Was aus 1.000 Euro geworden wäre: 1.103 Euro

MSCI Emerging Markets

Veränderung auf Sicht von zehn Jahren (in Euro): +228 Prozent

Was aus 1.000 Euro geworden wäre: 3.285 Euro

Gold

Veränderung auf Sicht von zehn Jahren (in Euro): +314 Prozent

Was aus 1.000 Euro geworden wäre: 4.142 Euro

Silber

Veränderung auf Sicht von zehn Jahren (in Euro): +428 Prozent

Was aus 1.000 Euro geworden wäre: 5.275 Euro

Öl

Veränderung auf Sicht von zehn Jahren (in Euro): +221 Prozent

Was aus 1.000 Euro geworden wäre: 3.205 Euro

Weizen

Veränderung auf Sicht von zehn Jahren (in Euro): +92 Prozent

Was aus 1.000 Euro geworden wäre: 1.916 Euro

Kaffee

Veränderung auf Sicht von zehn Jahren (in Euro): +151 Prozent

Was aus 1.000 Euro geworden wäre: 2.509 Euro

Staatsanleihen (Rexp)

Veränderung auf Sicht von zehn Jahren (in Euro): +67 Prozent

Was aus 1.000 Euro geworden wäre: 1.666 Euro

Unternehmensanleihen (Citigroup World BIG Corporate Index)

Veränderung auf Sicht von zehn Jahren (in Euro): +56 Prozent

Was aus 1.000 Euro geworden wäre: 1.559 Euro

Sparbuch

Was aus 1.000 Euro geworden wäre: 1.095,90 Euro*

*bei einem durchschnittlichen jährlichen Zinssatz von 0,92 Prozent (Spareckzins)

Tagesgeld

Was aus 1.000 Euro geworden wäre: 1.209 Euro*

*bei einem durchschnittlichen jährlichen Zinssatz von 1,92 Prozent

Festgeld

Was aus 1.000 Euro geworden wäre: 1.266 Euro*

*bei einem durchschnittlichen jährlichen Zinssatz von 2,39 Prozent

Experten prophezeien neue Höchststände an den Aktienmärkten. Selbst Schätzungen, die bis vor kurzem kaum einer zu äußern gewagt hätte, scheinen inzwischen salonfähig zu sein. Dax 10.000. Dabei steckt die Welt immer noch in der schlimmsten Wirtschaftskrise seit den 1930er-Jahren. Die Banken kämpfen auch im fünften Jahr der Finanzkrise mit dem Schrott in ihren Bilanzen, die Staaten der westlichen Welt stecken tief im Schuldensumpf, das Wachstum der Weltwirtschaft lässt nach. Doch der Aufschwung an den Börsen geschieht nicht trotz der Krise, sondern gerade deswegen.

Das Phänomen ist nicht neu. Der österreichische Ökonom Ludwig von Mises (1881 bis 1973) beschrieb bereits Anfang des 20. Jahrhunderts, was passiert, wenn zu viel billiges Geld in die Märkte strömt. Er nannte es die „Katastrophenhausse“. Mises war ein radikaler Liberaler und wichtiger Vertreter der Österreichischen Schule. Selbst Hayek und Friedman nannte er einen „Haufen von Sozialisten“.

Vereinfacht gesagt geht es bei der „Katastrophenhausse“ um Folgendes: Weil die Zentralbanken immer mehr Geld drucken, verliert das Geld, das sich im Umlauf befindet, an Wert. Die Anleger und Sparer bekommen es mit der Angst zu tun. Sie wollen ihr Geld in Sicherheit bringen und flüchten in Sachwerte. Dies treibt wiederum die Preise für Aktien, Immobilien oder Gold in die Höhe - aber nur so lange, bis die Blase endgültig platzt.

Das historische Beispiel, das immer wieder zitiert wird, ist die Zeit der Hyperinflation im Deutschen Reich. Zwischen Oktober 1922 und Dezember 1923 schoss der damalige Aktienindex von 2062 auf unglaubliche 171.300.000.000 Punkte. Die Inflationsrate lag seinerzeit bei 50 Prozent - pro Woche. Die Staatsschulden stiegen rasant. Am Ende stand eine Währungsreform.

Kommentare (24)

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steuerhilfe.net

27.09.2012, 11:05 Uhr

Das dicke Ende kommt, vor allem für den normalsterblichen Bürger. Er wird die ganze Suppe auslöffeln dürfen, auch wenn die meisten es jetzt noch nicht glauben wollen.

MarioDerGeldDrucker

27.09.2012, 11:07 Uhr

Eine nützliche Analyse, vielen Dank. Was aber fehlt ist eine Bewertung der Aktienindizes bezogen auf Gold. zB das DAX/Gold-Verhältnis befindet sich in einem langfristigen Abwärtstrend, das erst recht für die S&P 500 und andere Aktienindizes gilt. Daher darf physisches Gold, bei etwas Risikobereitschaft noch physisches Silber in keinem Portfolio fehlen. Der Besitz von Aktien dient als Absicherung gegen eventuelle staatliche Beschlagnahmemassnahmen von Edelmetallen. Gold hat im vergangenen Jahrzehnt performancemässig alle Aktienindizes geschlagen und das wird bei der bevorstehenden Aufblähung der Geldmenge mit unendlichem Umfang (Quantitative Easing to Infinity) so bleiben. Nicht umsonst schlägt zB Felix Zulauf als Portfoliozusammensetzung 25% Gold, 25% Aktien, 25% Immobilien und 25% Tagesgeld vor.

Einanderer

27.09.2012, 11:17 Uhr

Mit dem guten alten Umlage-Pensionssystem gäbe es solche Probleme nicht. Unverständlich und schade, dass wir es kaputt reden.

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