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08.03.2012

15:00 Uhr

Börsenpsychologie

Wenn Gier das Hirn von Börsianern frisst

VonJessica Schwarzer

Die Psyche bestimmt die Börse weit mehr als wir denken. Denn beim Denken ans Vermögen leidet oft das Denkvermögen. Warum sich Anleger meist von Emotionen leiten lassen, und was Börsianer mit Reptilien gemeinsam haben.

Finanzhai Gordon Gekko in seinem Büro an der Wall Street - die Paraderolle von Michael Douglas. defd Deutscher Fernsehdienst

Finanzhai Gordon Gekko in seinem Büro an der Wall Street - die Paraderolle von Michael Douglas.

Düsseldorf„Gier ist gut. Gier ist richtig. Gier funktioniert“, sagte schon Gordon Gekko Ende der 80er-Jahre. Der Börsenhai aus dem Filmklassiker „Wall Street“ setzt sogar noch einen drauf: „Gier schafft Klarheit. Gier hat das Beste im Menschen hervorgebracht.“ Die Gier ist wohl eine der stärksten Emotionen, die Anleger antreiben kann. Kein Wunder, dass der Verstand von Investoren regelmäßig aussetzt, wenn es um Geld geht.

Sie handeln hoch emotional, lassen sich von Gier, aber auch von Angst leiten. Die Psyche der Börsianer bestimmt das Geschehen an der Börse weit mehr als Wirtschaftsdaten oder Unternehmenszahlen. Die Folge: Ob ein Anleger Gewinn oder Verlust macht, hängt nicht allein von seinem Börsenwissen ab. Der österreichische Kabarettist Paul Farkas hat es einmal auf den Punkt gebracht: „Beim Denken ans Vermögen leidet oft das Denkvermögen.“

Die grössten Fehler der Anleger

Risikotoleranz

Die Neigung, Risiken einzugehen, ist mit zwei demografischen Faktoren verbunden: Geschlecht und Alter. Frauen sind normalerweise vorsichtiger als Männer und ältere Menschen sind weniger bereit, Risiken einzugehen, als jüngere Leute. Die Konsequenzen der Verhaltensökonomik für Anleger sind klar: Wie wir uns bei der Geldanlage entscheiden und wie wir uns bei der Verwaltung unserer Anlage entscheiden, hängt sehr davon ab, wie wir über Geld denken. [...] Sie demonstriert, dass Marktwerte nicht ausschließlich von den gesammelten Informationen bestimmt werden, sondern auch davon, wie menschliche Wesen diese Informationen verarbeiten.

Übertriebene Zuversicht

An sich ist Zuversicht ja keine schlechte Sache. Aber übertriebene Zuversicht ist etwas ganz anderes, und sie kann besonders im Umgang mit unseren Finanzangelegenheiten Schaden anrichten. Übertrieben zuversichtliche Anleger treffen nicht nur für sich selbst dumme Entscheidungen, sondern diese wirken sich auch sehr stark auf den Mark als Ganzes aus.

Kurzfristiges Denken

Menschen [legen] zu viel Wert auf wenige mehr oder wenige zufällige Ereignisse [...] und meinen, sie würden darin einen Trend erkennen. Insbesondere sind Anleger tendenziell auf die neuesten Informationen fixiert, die sie bekommen haben, und ziehen daraus Schlüsse. So wird der letzte Ergebnisbericht in ihrem Denken zum Signal für künftige Gewinne. Und da sie meinen, sie würden etwas sehen, das andere nicht sehen, treffen sie dann aufgrund oberflächlicher Überlegungen schnelle Entscheidungen.

Verlustaversion

Der Schmerz durch einen Verlust [ist] viel größer als die Freude über einen Gewinn. Bei einer 50:50-Wette, bei der die Chancen exakt gleich sind, riskieren die meisten Menschen nur dann etwas, wenn der potenzielle Gewinn doppelt so groß ist wie der potenzielle Verlust. Das nennt man asymmetrische Verlustaversion. [...] Auf den Aktienmarkt bezogen bedeutet dies, dass sich die Menschen beim Verlust von Geld doppelt so schlecht fühlen, wie sie sich gut fühlen, wenn sie einen Gewinn erzielen. Diese Abneigung gegen Verluste macht Anleger übertrieben vorsichtig, und das hat einen hohen Preis. [...] Wir wollen alle glauben, wir hätten gute Entscheidungen getroffen, und deshalb hängen wir zu lange an schlechten Entscheidungen, in der vagen Hoffnung, die Dinge werden sich noch wenden.

Verdrängen

Wir neigen dazu, das Geld geistig auf verschiedene Konten zu buchen, und dies bestimmt, wie wir es verwenden. [...] Zudem wurde die geistige Buchhaltung als Grund angeführt, weshalb Menschen schlecht laufende Aktien nicht verkaufen: In ihren Augen wird der Verlust erst real, wenn sie ihn realisieren.

Quelle: Robert G. Hagstrom, Warren Buffett. Sein Weg. Seine Methode. Seine Strategie., Börsenbuchverlag 2011.

Der Spruch des Kabarettisten ist mittlerweile durch die verhaltenswissenschaftliche und experimentelle Finanzforschung umfassend belegt. „Die Entscheidungen der Privatanleger und sogar Profis werden oft durch Mechanismen gesteuert, die in die Zeit der Reptilien zurückreichen: Aggression, Flucht, Angriff, Verteidigung, Fressen, gefressen werden“, erklärt Max Otte, Bestsellerautor und Professor aus Köln. „Daniel Kahnemann von der Princeton University hat den Nobelpreis dafür bekommen, dass er herausgefunden hat, dass bei Finanzentscheidungen oftmals das Stammhirn - das Reptilienhirn - aktiviert wird.“

Doch Emotionen können zu unüberlegtem Handeln führen – sogar zu Fehlentscheidungen. Ein Verhaltensmuster, das vor allem in den vergangenen Monaten zu beobachten war. Seit der Börsentalfahrt im vergangenen Sommer schwanken die Märkte extrem stark. Mit den Kursen fuhren auch die Gefühle Achterbahn. Viele Anleger gerieten in Panik und verkauften Aktien zu Tiefstkursen. Ein Verhalten das Experten oft beobachten: Schmilzt der Wert des Portfolios, befürchtet der Privatanleger, die entstandenen Verluste nicht mehr aufholen zu können und sucht nach anderen, vermeintlich sichereren  Produkten. Verlustaversion nennen Experten das. „Die Angst vor Verlusten wiegt oft schwerer als die Hoffnung auf künftiges Wachstum“, sagt  Andreas Feiden, Geschäftsführer Fidelity Worldwide Investment. „Sie verleitet den Anleger dazu, seine langfristige Anlagestrategie und damit soliden Anlageerfolg zu opfern.“ Auf diese Weise verpasse er allerdings Gewinne, wenn der Markt wieder anzieht. 

Bestes Beispiel dafür ist die Dax-Rally seit Jahresbeginn, deren Hauptanstieg an vielen Privatanlegern vorbeigegangen ist. „Bis die Angst nachlässt, die Gier einsetzt und Anleger bei steigenden Kursen zum Einstieg bewegt, ist der Zenith an den Märkten häufig schon wieder überschritten“, so Feiden.

Kommentare (5)

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BrittaHeinemann

08.03.2012, 15:49 Uhr

Ein interessanter Artikel, der aber die positive Seite der Gier leider zu unberücksichtigt läßt. Ich empfehle hier den Wirtschaftsblog der Seneca Vision zur Lektüre:
http://seneca-vision.de/klaus-peters/blog-klaus-peters-seneca-vision/item/3-die-positive-seite-der-gier.html

Karpfen

08.03.2012, 16:17 Uhr

Schöner Artikel, vielen Dank Frau Schwarzer. Genau diese niederen menschlichen Triebe machen sich die Ober-Bankster, i.e./e.g. die Rothschilds und Goldman Sachsen, tag täglich zu Nutzen um den einfachen Mann immer weiter zu versklaven.

"... aber nur wenn man ein Karpfen ist!"

"Nehmen Sie ihr Geld selbst in die Hand!"

oder einfach "Gier ist geil!!!"

Manipulierte_Maerkte

08.03.2012, 17:08 Uhr

"Entscheidend für den Anlageerfolg ist, dass die Gefühle nicht die Oberhand gewinnen. Nur wer seine Psyche überliste, verschafft sich auf rationaler Ebene einen Vorsprung."

Die Medien AGs bzw. deren Eigentümer sorgen dafür, dass die Gefühle bei der dummen Masse die Oberhand übernehmen!


Aufwachen!!!

Weitere Infos finden Sie unter:

www.steuerboykott.org

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