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11.08.2013

10:08 Uhr

Börsenweisheit

Der Herr, der Hund und der Anleger

VonJessica Schwarzer

Die Börsenkurse passen oft nicht zur wirtschaftlichen Realität. André Kostolany sagte einst: „Das Verhältnis von Wirtschaft zur Börse ist wie das eines Mannes auf einem Spaziergang mit seinem Hund.“ Ein treffendes Bild.

André Kostolany: Der Börsenexperte war für seine treffenden Weisheiten bekannt. dpa

André Kostolany: Der Börsenexperte war für seine treffenden Weisheiten bekannt.

Manchmal spielt die Börse verrückt. Schwache Quartalszahlen scheinen einfach so zu verpuffen. Anstatt dass der Aktienkurs sinkt, wenn eine Firma Millionen oder gar Milliarden verbrennt, greifen Börsianer munter zu. Der Kurs steigt und mit ihm der Wert des Unternehmens.

Auch kommt es vor, dass erfolgreiche Firmen mit soliden Bilanzen an der Börse ein Schattendasein fristen. Ihr Aktienkurs kommt nicht vom Fleck, obwohl die Geschäfte blendend laufen. Fair ist das nicht, fair ist dann auch der Preis nicht, der für das Unternehmen am Kapitalmarkt gezahlt wird.

Auch bei Konjunkturdaten ist das Phänomen oft zu beobachten. Der Konjunkturmotor stottert, aber die Börsenkurse laufen heiß. Oder anders herum: Die Wirtschaft läuft blendend, aber die Börse setzt zur Korrektur nach unten an. Verkehrte Welt? Mitnichten.

Die grössten Fehler der Anleger

Risikotoleranz

Die Neigung, Risiken einzugehen, ist mit zwei demografischen Faktoren verbunden: Geschlecht und Alter. Frauen sind normalerweise vorsichtiger als Männer und ältere Menschen sind weniger bereit, Risiken einzugehen, als jüngere Leute. Die Konsequenzen der Verhaltensökonomik für Anleger sind klar: Wie wir uns bei der Geldanlage entscheiden und wie wir uns bei der Verwaltung unserer Anlage entscheiden, hängt sehr davon ab, wie wir über Geld denken. [...] Sie demonstriert, dass Marktwerte nicht ausschließlich von den gesammelten Informationen bestimmt werden, sondern auch davon, wie menschliche Wesen diese Informationen verarbeiten.

Übertriebene Zuversicht

An sich ist Zuversicht ja keine schlechte Sache. Aber übertriebene Zuversicht ist etwas ganz anderes, und sie kann besonders im Umgang mit unseren Finanzangelegenheiten Schaden anrichten. Übertrieben zuversichtliche Anleger treffen nicht nur für sich selbst dumme Entscheidungen, sondern diese wirken sich auch sehr stark auf den Mark als Ganzes aus.

Kurzfristiges Denken

Menschen [legen] zu viel Wert auf wenige mehr oder wenige zufällige Ereignisse [...] und meinen, sie würden darin einen Trend erkennen. Insbesondere sind Anleger tendenziell auf die neuesten Informationen fixiert, die sie bekommen haben, und ziehen daraus Schlüsse. So wird der letzte Ergebnisbericht in ihrem Denken zum Signal für künftige Gewinne. Und da sie meinen, sie würden etwas sehen, das andere nicht sehen, treffen sie dann aufgrund oberflächlicher Überlegungen schnelle Entscheidungen.

Verlustaversion

Der Schmerz durch einen Verlust [ist] viel größer als die Freude über einen Gewinn. Bei einer 50:50-Wette, bei der die Chancen exakt gleich sind, riskieren die meisten Menschen nur dann etwas, wenn der potenzielle Gewinn doppelt so groß ist wie der potenzielle Verlust. Das nennt man asymmetrische Verlustaversion. [...] Auf den Aktienmarkt bezogen bedeutet dies, dass sich die Menschen beim Verlust von Geld doppelt so schlecht fühlen, wie sie sich gut fühlen, wenn sie einen Gewinn erzielen. Diese Abneigung gegen Verluste macht Anleger übertrieben vorsichtig, und das hat einen hohen Preis. [...] Wir wollen alle glauben, wir hätten gute Entscheidungen getroffen, und deshalb hängen wir zu lange an schlechten Entscheidungen, in der vagen Hoffnung, die Dinge werden sich noch wenden.

Verdrängen

Wir neigen dazu, das Geld geistig auf verschiedene Konten zu buchen, und dies bestimmt, wie wir es verwenden. [...] Zudem wurde die geistige Buchhaltung als Grund angeführt, weshalb Menschen schlecht laufende Aktien nicht verkaufen: In ihren Augen wird der Verlust erst real, wenn sie ihn realisieren.

Quelle: Robert G. Hagstrom, Warren Buffett. Sein Weg. Seine Methode. Seine Strategie., Börsenbuchverlag 2011.

„Der Aktienmarkt entwickelt sich in der Tat zeitversetzt prozyklisch“, sagt Andreas Feiden, Leiter Privatanlegergeschäft der Fondsgesellschaft Fidelity Worldwide Investment. „Dadurch ist ein Vor- und Zurücklaufen von fünf bis zehn Prozent Kurswert vollkommen normal.“

An der Börse wird die Zukunft gehandelt, allenfalls noch die Gegenwart. Die Vergangenheit zählt kaum. Prognosen sind mehr wert als bereits Erreichtes. Hinzu kommt eine gehörige Portion Emotionen, die die Börsen beherrscht und zu scheinbar unlogischen Kursausschlägen und Bewertungen führen kann.

Nicht umsonst lautet eine alte Börsenweisheit: „Das Verhältnis von Wirtschaft zur Börse ist wie das eines Mannes auf einem Spaziergang mit seinem Hund. Der Mann geht stetig voran, der Hund rennt vor und zurück.“ Diese weisen Worte stammen von Börsenaltmeister André Kostolany.

Kommentare (5)

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Amadei

11.08.2013, 14:06 Uhr

Ich würde jetzt nicht die Aktien kaufen, wenn man eine langfristige Strategie verfolgen will.

Die Banken machen zwar Gewinne und es gibt immer positive Überraschungen, aber man darf nicht vergessen, dass Banken nur noch Gewinnen erzielen konnten, weil die Zentralbank wie bekloppt das Geld ausdruckte/ausdruckt und verschenkte/verschenkt.

Wir werden sehen, was passieren wird, wenn die Zentralbank ihr Geldhahn zuschließt.
Da möchte ich mal sehen, wie es dann weitergeht.

Die EU-Krise und Schuldenkrise in den USA sind nicht vorbei, sondern werden nur ignoriert, weil es angeblich wichtigere Fälle gibt wie z.B. Datenskandal (Es ist auch tatsächlich wichtig), irgendwelche G20-Beziehungen...

Man darf nicht vergessen, dass besonders Versicherungskonzerne (Rückversicherungen, Versicherungen etc.) gerade als Opfer agieren, weil sie nicht mehr vom Staat berücksichtigt werden und immer mit Angnst umgehen müssen, weil das Geld immer noch an die Banken fließt.

Sobald der Geldhahn zu ist, kann ich meine Champagnerflasche öffnen und zugucken, wie die Wirtschaft auf einmal heult.
Das wäre dann für mich der gute Zeitpunkt, Aktien zu kaufen.

P.S.: An der Börse erfolgreich zu handeln ist nicht so schwierig, wie man denkt, denn es gibt auf der Erde viel mehr Idioten als weise Männer.

WirWarenMalDasVolk

11.08.2013, 15:25 Uhr

Alles, was das Handelsblatt da geschrieben hat, stimmte -früher mal.
Heute jedoch gibt es keinen "freien Markt" mehr, weil wir aufgrund der frisch-gedruckten Billionen an fiat-money und künstlich gedrückten Zinsen in einem willkürlich gelenkten Finanz-Sozialismus leben.

"Investieren" ist in einem solchen Konstrukt nicht mehr möglich, allenfalls noch "spekulieren".

Wetten kann ich aber auch beim Pferderennen; das einzig vernünftige ist daher, den gigantomanisch aufgepumpten Spekulationsblasen am Aktien- und Anleihenmarkt fernzubleiben: Sie dürften bald platzen..

Kronberg_Sucks

12.08.2013, 07:46 Uhr

Tipps von einem Fidelity-Fondsverkäufer sind genauso objektiv wie die Empfehlung des Staubsaugervertreters mir unbedingt einen neuen Staubsauger anzuschaffen oder des Autoverkäufers, dass es sinnvoll ist auf das neue Modell umzusteigen.

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