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08.03.2013

15:19 Uhr

Börsenweisheit

Die Crux mit den Erfahrungen

VonJessica Schwarzer

Lernen Börsianer aus ihren Erfahrungen? Schön wäre es, aber selbstverständlich ist das nicht. Trotzdem gehörte für Börsenaltmeister André Kostolany die Erfahrung zum höchsten Gut des Börsianers. Aber gilt das noch?

Ein Händler an der Frankfurter Börse: Nicht jeder Wette geht auf. dpa

Ein Händler an der Frankfurter Börse: Nicht jeder Wette geht auf.

DüsseldorfMit Erfahrungen ist es so eine Sache. Sie können äußerst angenehm sein, uns überaus glücklich machen. Aber auch genau das Gegenteil ist möglich. Schlechte Erfahrungen tun weh, machen uns mitunter zu Tode betrübt. Und sie können sogar ziemlich teuer sein. Doch eines haben sie immer gemein, ob gut oder schlecht: Sie bringen uns doch irgendwie immer weiter, lehren uns, wie etwas funktioniert oder nicht funktioniert oder gar völlig schiefgehen kann – und zwar in allen Lebenslagen. Nicht umsonst lautet eine bekannte Börsenweisheit: „Ein Börsianer kann so ziemlich alles verlieren, seine Erfahrung jedoch nicht.“

Zugeschrieben wird diese Aussage keinem geringeren als Börsenaltmeister André Kostolany. Doch vor und auch nach ihm werden diesen Satz wohl schon viele Experten gesagt haben. Kein Wunder, denn kaum eine Börsenweisheit ist so unumstritten wie diese.

So legen die Deutschen ihr Geld an

Top 7

Sicherheitsdenken dominiert sehr stark auch die Anlagestrategien männlicher Finanzanleger. 86 Prozent der befragten Männer können sich nicht vorstellen, bei Anlagen für eine höhere Rendite ein höheres Risiko in Kauf zu nehmen. Frauen sind aber offenbar noch sicherheitsorientierter: 96 Prozent von ihnen wollen bei der Geldanlage möglichst kein Risiko eingehen.

Top 6

Trotz des derzeit allgemein niedrigen Zinsniveaus können sich nur neun Prozent der Anleger vorstellen, bei künftigen Finanzanlagen mit einer höheren Risikobereitschaft gegebenenfalls eine höhere Rendite zu erzielen. Mit 91 Prozent legt die Mehrheit der deutschen Sparer einen großen Wert auf Sicherheit.

Top 5

Neben Festgeld und Tagesgeld würden die Verbraucher 2013 auch stärker in Immobilien, Gold und andere Edelmetalle investieren, wenn sie einen größeren Geldbetrag dafür zur Verfügung hätten. Den größten Zuwachs im Vergleich zu 2012 erleben Immobilien. 46 Prozent aller deutschen Anleger würden sich ein Haus oder eine Wohnung anschaffen. Auch die Krisenwährung Gold ist 2013 deutlich beliebter. Knapp 30 Prozent der deutschen Anleger würden sich größere Goldbestände zulegen.

Top 4

Während Frauen tendenziell stärker in Festgeld sowie Tagesgeld investiert sind, meiden sie Aktienanlagen noch in stärkerem Maße als Männer. Bei Fonds sind hingegen nur geringfügige, bei Immobilien, Gold und anderen Edelmetallen sogar überhaupt keine Unterschiede im Anlageverhalten von Männern und Frauen feststellbar.

Top 3

Im Jahr 2012 waren bei den deutschen Anlegern Festgeld und Tagesgeld die beliebtesten Anlageprodukte. Obwohl der Dax in diesem Jahr um rund 30 Prozent zulegte, rangieren börsennotierte Finanzprodukte erst deutlich danach. Gerade einmal jeder fünfte Deutsche investierte sein Geld in Aktien. Darauf folgten Immobilien mit knapp 17 Prozent. Das in der Krise besonders beliebte Anlageobjekt Gold lag mit gerade einmal neun Prozent ebenfalls auf den hinteren Plätzen.

Top 2

Trotz eines weiteren Euro-Krisenjahrs stieg der Dax 2012 auf ein neues Allzeithoch. Knapp die Hälfte (48 Prozent) der deutschen Anleger zeigte sich trotz der guten Kursentwicklung mit der Werteentwicklung ihrer Finanzanlage unzufrieden.

Top 1

Der Anteil der Deutschen, die 2012 einen nennenswerten Geldbetrag angelegt haben, steigt mit zunehmenden Alter erkennbar an. Mit knapp 65 Prozent stellen Deutsche ab 60 Jahren die größte Gruppe der Privatanleger.

Einer der über lange Jahre Erfahrungen an der Börse gesammelt hat, ist Christoph Bruns. Er kann der Börsenweisheit einiges abgewinnen. „Kostolany wusste, dass das Wesen der Börse stets gleich bleibt, wenngleich die Figuren und Kostüme im Laufe der Zeiten sich wandeln“, sagt der Chef der Fondsboutique Loys. „Der kluge Börsianer lernt durch seine Erfahrung mit Krisen umzugehen, ja geradezu davon zu profitieren. Genau besehen ist nämlich die Börse als Spiegel des ökonomischen Lebens eine Reihung von Krisen mit freilich wertzunehmender Grundtendenz.“

Dagmar Rittstieg, Leiterin Portfoliomanagement  Lingohr & Partner Asset Management, ergänzt: „Und die Lernkurve ist manchmal bei schmerzhaften Erfahrungen sogar noch steiler als bei positiven.“ Auch Georg Geiger, Vorstand der Value Holdings, ist überzeugt, dass die Erfahrung einem Börsianer ganz sicher hilft. „Altmeister Warren Buffett sagt, der Beruf des Börsianers hat gegenüber anderen Berufen den Vorteil, dass sich sein Wissen im Laufe der Jahre kumuliert.“ Davon sollte der Börsianer profitieren.

Das sieht Jean Guido Servais, Leiter des kontinentaleuropäischen Marketings von JP Morgan Asset Management, allerdings kritisch: „Was helfen die besten Erfahrungen, wenn sie nicht vom Erfolg gekrönt werden?“, fragt er. Natürlich würden Erfahrungen helfen, die Börse zu verstehen, allerdings würden sich nicht nur die Systeme verändern, sondern auch die Teilnehmer. Selbst die Instrumente seien im Zeitvergleich komplexer geworden. „Es gilt also vor allen Dingen, am Puls der Zeit zu bleiben“, so Servais. „Erfahrungen bringen es mit sich, Dinge nach einem bestimmten Grundmuster zu bewerten – mit der Folge, dass sie im Kern Komplexität verringern.“ Erfahrungen also Orientierung stiften. Und sie können unterschiedliche Wirkungen entfalten: „Ist in der Vergangenheit eine Vorgehensweise erfolgreich gewesen, neigen wir dazu, diese Strategie weiter zu verfolgen“, erklärt der JP-Morgan-Experte. „War sie hingegen nicht erfolgreich, suchen wir meist nach einem anderen Ansatz.“

Kommentare (3)

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kosto

08.03.2013, 15:46 Uhr

lernen... wie geht das noch mal? ein händler, der aus der vergangenheit lernt ist so häufig anzutreffen wie ein abteilungsleiter, der eine abteilung leitet oder ein zitronenfalter, der zitronen faltet. es ist doch so, dass aktuell immer alles anders ist als in der vergangenheit, warum also zurück blicken? tja, anders vielleicht, aber doch wieder gleich. das gerede vom dax über 10.000 punkten oder gar eine vervierfachung wie in den 90ern. dazu die zinsen am unteren ende des möglichen ... nachtigall ick hör dir trapsen... der crash ist vielleicht näher als viele denken. wir befinden uns in einer computergesteuerten falle, 10% gehen sicher noch... aber dann sollte man die hacken zusammenschlagen und genügend cash in der täsch haben. es wird ungemütlich werden.

klugwienix

08.03.2013, 15:55 Uhr

ein blick auf den goldkurs zeigt, wo es hingeht. die zinsen werden steigen. und dann haben wir die bankenkrise wieder auf dem tablett. diesmal werden es vielleicht die sparkassen sein, die bei der fristentransformation seit jahren ein sehr großes rad drehen. zu groß wahrscheinlich, wenn der zinsruck kommt. dann werden wir sehen, was die stresstest der aufsicht wert sind. wohl nicht mal das papier, auf dem sie gedruckt werden könnten. bankenrettung 3, die erste, klappe.

Nicht_ganz_korrekt

09.03.2013, 11:26 Uhr

Als Pschologe muss ich leider einigen Kommentaren in dem Artikel widersprechen. Einige Aussagen sind aus psychologischer Sicht schlicht und einfach nicht haltbar.

Aber ok, es würde ja auch niemand auf die Idee kommen, einen Psychotherapeuten zu Aktientipps zu interviewen, was will man denn dann erwarten, wenn man einen verkaufsorientierten Marketingleiter einer Fondsgesellschaft oder Investmentleute zu psychologischen Themen befragt. Da kommt im besten Fall gefährliches Halbwissen bei raus oder anders gesagt Laienpsychologie.

So pauschal lassen sich die erwähnten Dinge wie Lernen, Emotionen, Gewinn-/Verlustempfinden und deren Korrelation mit Verhalten nicht abdecken. Eine korrekte Abhandlung würde den Rahmen hier sprengen.

Kurz gesagt, kann man Verhalten konditionieren und dadurch einen Lerneffekt erzielen. Positive Belohung wirkt hier weitaus deutlicher als die Bestrafung.

Bei dem Ganzen sollte man aber nicht vergessen, dass wir alle verzerrte Wahrnehmungen der Realität haben bzw. unsere eigene Realität konstruieren und je nach Erfahrung (plus einer Reihe von dispositionalen und sozialen Einflussfaktoren) färbt das unseren Blick und bestimmt unsere Einstellung und das Verhalten.

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