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05.10.2012

15:56 Uhr

Börsenweisheit

Die Flut hebt alle Boote – auch die „Ollen“

VonJessica Schwarzer

Steigt die Aktienrally, dann werden meist auch Aktien von schwachen Unternehmen mit nach oben gezogen und ihr Wert steigt kräftig. Dummerweise ist das nicht ganz unproblematisch für die Anleger.

Ein Ruderboot an einem Ufer: Löchrig oder nicht? dpa

Ein Ruderboot an einem Ufer: Löchrig oder nicht?

DüsseldorfDen Naturgewalten kann sich niemand entziehen. Beispielsweise dem regelmäßigen Wechsel der Gezeiten. Ebbe und Flut folgen ebenso zuverlässig aufeinander wie Hausse und Baisse an der Börse. Der Vergleich hinkt? Nein. „Die Flut hebt alle Boote, auch die mit Löchern im Rumpf“, lautet eine alte Börsenweisheit.

Klingt ein wenig sonderbar, doch Experten können diesem Bild Einiges abgewinnen. „Richtig ist, dass mit der Flut auch die vermeintlich vergessenen Schiffe erst wieder in die richtige Lage versetzt werden und anschließend vom Wasser gehoben werden“, sagt Jean Guido Servais. „Manchmal steigen diese schon als verloren geglaubten Schiffe höher als mancher Schwertanker, der konsequent und ruhig über die Weltmeere schwimmt.“ Ein ähnliches Phänomen zeigt sich an der Börse, ist der Leiter Marketings von JP Morgan Asset Management überzeugt. „Gerade in den euphorischen Marktphasen, gewinnen verloren geglaubte Unternehmen an Aufmerksamkeit, sie können dann oft deutlich stärker steigen als der eine oder andere solide Anteilschein.“

Die grössten Fehler der Anleger

Risikotoleranz

Die Neigung, Risiken einzugehen, ist mit zwei demografischen Faktoren verbunden: Geschlecht und Alter. Frauen sind normalerweise vorsichtiger als Männer und ältere Menschen sind weniger bereit, Risiken einzugehen, als jüngere Leute. Die Konsequenzen der Verhaltensökonomik für Anleger sind klar: Wie wir uns bei der Geldanlage entscheiden und wie wir uns bei der Verwaltung unserer Anlage entscheiden, hängt sehr davon ab, wie wir über Geld denken. [...] Sie demonstriert, dass Marktwerte nicht ausschließlich von den gesammelten Informationen bestimmt werden, sondern auch davon, wie menschliche Wesen diese Informationen verarbeiten.

Übertriebene Zuversicht

An sich ist Zuversicht ja keine schlechte Sache. Aber übertriebene Zuversicht ist etwas ganz anderes, und sie kann besonders im Umgang mit unseren Finanzangelegenheiten Schaden anrichten. Übertrieben zuversichtliche Anleger treffen nicht nur für sich selbst dumme Entscheidungen, sondern diese wirken sich auch sehr stark auf den Mark als Ganzes aus.

Kurzfristiges Denken

Menschen [legen] zu viel Wert auf wenige mehr oder wenige zufällige Ereignisse [...] und meinen, sie würden darin einen Trend erkennen. Insbesondere sind Anleger tendenziell auf die neuesten Informationen fixiert, die sie bekommen haben, und ziehen daraus Schlüsse. So wird der letzte Ergebnisbericht in ihrem Denken zum Signal für künftige Gewinne. Und da sie meinen, sie würden etwas sehen, das andere nicht sehen, treffen sie dann aufgrund oberflächlicher Überlegungen schnelle Entscheidungen.

Verlustaversion

Der Schmerz durch einen Verlust [ist] viel größer als die Freude über einen Gewinn. Bei einer 50:50-Wette, bei der die Chancen exakt gleich sind, riskieren die meisten Menschen nur dann etwas, wenn der potenzielle Gewinn doppelt so groß ist wie der potenzielle Verlust. Das nennt man asymmetrische Verlustaversion. [...] Auf den Aktienmarkt bezogen bedeutet dies, dass sich die Menschen beim Verlust von Geld doppelt so schlecht fühlen, wie sie sich gut fühlen, wenn sie einen Gewinn erzielen. Diese Abneigung gegen Verluste macht Anleger übertrieben vorsichtig, und das hat einen hohen Preis. [...] Wir wollen alle glauben, wir hätten gute Entscheidungen getroffen, und deshalb hängen wir zu lange an schlechten Entscheidungen, in der vagen Hoffnung, die Dinge werden sich noch wenden.

Verdrängen

Wir neigen dazu, das Geld geistig auf verschiedene Konten zu buchen, und dies bestimmt, wie wir es verwenden. [...] Zudem wurde die geistige Buchhaltung als Grund angeführt, weshalb Menschen schlecht laufende Aktien nicht verkaufen: In ihren Augen wird der Verlust erst real, wenn sie ihn realisieren.

Quelle: Robert G. Hagstrom, Warren Buffett. Sein Weg. Seine Methode. Seine Strategie., Börsenbuchverlag 2011.

Simon Klein ist deutlich skeptischer. Der Chef von Lyxor, der ETF-Tochter der Société Générale, glaubt, dass die Börsenweisheit heute nicht mehr uneingeschränkt gilt. „In früheren Rallys zeigte sich tatsächlich, dass alle Aktien stiegen, auch solche, die einzeln betrachtet weniger Potenzial hatten“, sagt er. „Allerdings reagieren die Märkte mittlerweile sensibler und vor allem schneller auf Veränderungen oder Negativschlagzeilen einzelner Unternehmen.“Der Markt preise solche Informationen sofort ein – und damit bleiben Boote mit Löchern im Rumpf dann auch olle Kähne.

Das sieht Fondsmanager Christoph Bruns ähnlich: „Tatsächlich hebt die Flut mit ein paar Ausnahmen alle Boote“, sagt der Anlageexperte der Fondsboutique Loys. „Jeder Anleger weiß, dass es in einer Hausse einfacher ist, Kursgewinne zu erzielen als in einer Baisse.“ Es schwimme sich eben leichter mit der Strömung als gegen sie. Anleger sollten allerdings beachten, dass die Flut zwar für nahezu alle Aktien die Richtung vorgibt, nicht aber die Steiggeschwindigkeit. „Zwar können auch abgetakelte Jollen in der Flut besser aussehen, allein die Schnellboote legen um ein Vielfaches zu“, sagt er.

Auch Servais mahnt denn auch zur Vorsicht: „Die eine Flut bringt das Schiff vielleicht kurzfristig wieder auf Touren, aber die zermürbende Bestandsprobe kommt mit den Gezeiten und insofern schneller, als sich das der Renditejäger wünscht“, sagt er. Mit der Zeit können auch Glanzunternehmen zu sogenannten „ollen Kähnen“ werden. Anders herum bieten problembehaftete Unternehmen, die wieder in die Spur kommen, ein enormes Kurspotential. Dann sind die Kursgewinne berechtigt, sagt auch Servais.

Kommentare (1)

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hjkcfds

06.10.2012, 09:14 Uhr

Telekom,Thyssen,Metro,Autos trotz Prognose Kürzung...alles ausser K+S,der Kahn hat schon zuviele Löcher

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