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18.04.2012

11:33 Uhr

Börsenweisheit

„Hin und her macht Taschen leer“

VonJessica Schwarzer

Auf der Jagd nach der höchsten oder doch zumindest einer höheren Rendite schichten viele Anleger ihre Depots immer wieder um. Kann das überhaupt funktionieren? Nicht, wenn man einer alten Börsenregel glaubt.

Leere Taschen dank hoher Gebühren. Anleger unterschätzen oft, wie sehr die Kosten die Rendite drücken. dpa

Leere Taschen dank hoher Gebühren. Anleger unterschätzen oft, wie sehr die Kosten die Rendite drücken.

DüsseldorfDie Euro-Schuldenkrise ist zurück und hat die Märkte im Würgegriff. Die Renditen von Anleihen der Sorgenkinder Spanien oder Italien sind nach oben geschossen, die Aktienmärkte haben deutlich Federn gelassen. Der deutsche Aktienindex Dax hat allein seit Anfang April gut 400 Punkte verloren, von seinem bisherigen Jahreshoch bei fast 7200 Punkten am 19. März ist er fast 600 Punkte abgerutscht. Zeit zu reagieren und die verbleibenden Gewinne zu retten oder wenigstens weitere Verluste zu vermeiden? Schließlich könnte man die Aktien oder Anleihen ja zu einem späteren Zeitpunkt günstiger zurückkaufen.

Doch das kostet. Bei jeder Order fallen Gebühren – und gegebenenfalls Steuern – an. „Das nagt an der Rendite und kann sie bei zu häufigem Hin und Her völlig aufzehren“, sagt Andreas Feiden, Geschäftsführer Fidelity Worldwide Investment. Vielen Anlegern ist das aber gar nicht bewusst. „Der Normal- oder Kleinanleger kennt nicht mal alle anfallenden Kosten, die beim Hin- und Herschaufeln der Wertpapiere anfallen“, weiß Thomas Mai, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Bremen. „Wenn Wertpapiere gekauft und verkauft werden, kommen meistens erst mal Banken und Vermittler auf ihre Kosten.“

Die grössten Fehler der Anleger

Risikotoleranz

Die Neigung, Risiken einzugehen, ist mit zwei demografischen Faktoren verbunden: Geschlecht und Alter. Frauen sind normalerweise vorsichtiger als Männer und ältere Menschen sind weniger bereit, Risiken einzugehen, als jüngere Leute. Die Konsequenzen der Verhaltensökonomik für Anleger sind klar: Wie wir uns bei der Geldanlage entscheiden und wie wir uns bei der Verwaltung unserer Anlage entscheiden, hängt sehr davon ab, wie wir über Geld denken. [...] Sie demonstriert, dass Marktwerte nicht ausschließlich von den gesammelten Informationen bestimmt werden, sondern auch davon, wie menschliche Wesen diese Informationen verarbeiten.

Übertriebene Zuversicht

An sich ist Zuversicht ja keine schlechte Sache. Aber übertriebene Zuversicht ist etwas ganz anderes, und sie kann besonders im Umgang mit unseren Finanzangelegenheiten Schaden anrichten. Übertrieben zuversichtliche Anleger treffen nicht nur für sich selbst dumme Entscheidungen, sondern diese wirken sich auch sehr stark auf den Mark als Ganzes aus.

Kurzfristiges Denken

Menschen [legen] zu viel Wert auf wenige mehr oder wenige zufällige Ereignisse [...] und meinen, sie würden darin einen Trend erkennen. Insbesondere sind Anleger tendenziell auf die neuesten Informationen fixiert, die sie bekommen haben, und ziehen daraus Schlüsse. So wird der letzte Ergebnisbericht in ihrem Denken zum Signal für künftige Gewinne. Und da sie meinen, sie würden etwas sehen, das andere nicht sehen, treffen sie dann aufgrund oberflächlicher Überlegungen schnelle Entscheidungen.

Verlustaversion

Der Schmerz durch einen Verlust [ist] viel größer als die Freude über einen Gewinn. Bei einer 50:50-Wette, bei der die Chancen exakt gleich sind, riskieren die meisten Menschen nur dann etwas, wenn der potenzielle Gewinn doppelt so groß ist wie der potenzielle Verlust. Das nennt man asymmetrische Verlustaversion. [...] Auf den Aktienmarkt bezogen bedeutet dies, dass sich die Menschen beim Verlust von Geld doppelt so schlecht fühlen, wie sie sich gut fühlen, wenn sie einen Gewinn erzielen. Diese Abneigung gegen Verluste macht Anleger übertrieben vorsichtig, und das hat einen hohen Preis. [...] Wir wollen alle glauben, wir hätten gute Entscheidungen getroffen, und deshalb hängen wir zu lange an schlechten Entscheidungen, in der vagen Hoffnung, die Dinge werden sich noch wenden.

Verdrängen

Wir neigen dazu, das Geld geistig auf verschiedene Konten zu buchen, und dies bestimmt, wie wir es verwenden. [...] Zudem wurde die geistige Buchhaltung als Grund angeführt, weshalb Menschen schlecht laufende Aktien nicht verkaufen: In ihren Augen wird der Verlust erst real, wenn sie ihn realisieren.

Quelle: Robert G. Hagstrom, Warren Buffett. Sein Weg. Seine Methode. Seine Strategie., Börsenbuchverlag 2011.

Kein Wunder, dass Experten vor häufigem Umschichten des Depots warnen. Kaum eine Börsenweisheit ist so unumstritten wie diese: „Hin und her macht Taschen leer.“ Die einfache Regel warnt vor ständigem Kaufen und Verkaufen sowie den damit verbundenen Kosten.

Je nach Broker und Handelssumme oder auch Anlageprodukt können die Gebühren immens sein. Beim Kauf mancher Fonds beispielsweise fallen Ausgabeaufschläge in Höhe von fünf Prozent an – fünf Prozent, die ein Fonds erst mal wieder einfahren muss. Auch bei Aktien- und Anleiheorders fallen Gebühren an, wenn auch deutlich geringere. Investoren wurmen diese Kosten, trotzdem versuchen sie immer wieder, durch Umschichten ihre Rendite zu erhöhen – oder zumindest Verluste zu vermeiden. „Anleger unterliegen der Macht der Emotionen“, weiß Patrick Hussy vom Analysehaus Sentix. Der Experte für Börsenpsychologie kennt sich aus mit der Gier der Anleger – und den Fehlern, die gierige Anleger machen.

Die Jagd nach noch mehr Rendite ist auch gar nicht so einfach. „Anleger wissen zwar, was in der Vergangenheit gut gelaufen ist“, so Feiden. „Die Renditebringer der Zukunft können sie aber nicht genau vorhersagen.“ Deshalb besteht die große Gefahr, dass Anleger falsch liegen.

Kommentare (12)

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18.04.2012, 12:29 Uhr

Lustiges Rechenbeispiel: müssen die als Vergleichswert herangezogenen 13.439 Euro denn niemals versteuert werden?

Wenig überzeugend.

Account gelöscht!

18.04.2012, 12:50 Uhr

Tolles Rechenbeispiel, eigentlich müsste der Anleger nach 5 Jahren raus, weil als Verheirateter Anleger muss ich bis 1600 Euro keine Steuer zahlen, anschließend wieder anlegen und nach 9 Jahren wieder raus, somit zahle ich überhaupt keine Steuern und asm Ende habe ich plötzlich mehr Geld als vom Experten berechnet. Bei mir läuft das schon immer so, einen Sparplan mit ETF auf dem Dax und die Gewinne bis zum Freibetrag entnehmen und beim fallenden Dax wieder anlegen (oder auch nicht).

Account gelöscht!

18.04.2012, 13:32 Uhr

@Anleger ... natürlich müssen diese 13.439 versteuert werden, genauso wie der Gewinn den man bei einem Wechsel erwirtschaften würde. Das Problem ist jedoch dass bei einem Wechsel der erste Gewinn sozusagen zweimal besteuert wird (das erste mal beim Wechsel und das weite mal bei der Auszahlung ... dadurch steigt der tatsächlich Steuersatz für den ersten Gewinn was man erst mal mit zusätzlicher Rendite wieder reinholen muss ...

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