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14.07.2016

12:43 Uhr

Börsenweisheit „Time not Timing“

Bloß keinen Supertag verpassen

VonJessica Schwarzer

Die Schwankungen an den Märkten waren zuletzt enorm. Wer das richtige „Timing“ hatte, konnte nach dem Brexit-Referendum viel Geld verdienen. Doch viel wichtiger und gewinnbringender ist es, auf Zeit zu setzen.

Die Entscheidung der Briten für den Brexit treibt Händler und Anleger noch immer um. Reuters

Frankfurter Börse

Die Entscheidung der Briten für den Brexit treibt Händler und Anleger noch immer um.

DüsseldorfDas „Ja“ der Briten zum EU-Ausstieg sorgte vor allem an den europäischen Börsen für ein Beben. Unmittelbar nach dem Brexit-Referendum rutschte allein der Dax um zehn Prozent ins Minus. Anleger, die unmittelbar nach der historischen Entscheidung der Briten beherzt zugriffen, konnten viel Geld verdienen. Mittlerweile notiert der Dax fast wieder auf seinem Stand vom 23. Juni von gut 10.200 Punkten. Auf den Absturz folgte die Erholung – inklusive einiger Börsentag mit sehr hohen Kursgewinnen.
An den besten Börsentagen investiert zu sein, an den schwächsten aber am Parkettrand zu stehen - das wäre die perfekte Anlagestrategie. „Market-Timing“ nennen Börsianer das, was aber in der Praxis so gut wie nicht zu schaffen ist. Das zeigen zahlreichen Studien und nicht zuletzt die Marktentwicklungen rund um das Brexit-Referendum. In den Tagen vor der Abstimmung hatten die Börsen eine kleine Rally hingelegt und ein „Nein“ der Briten vorweggenommen. Vom „Ja“ zum Brexit wurden sie entsprechend eiskalt erwischt.

Die grössten Fehler der Anleger

Risikotoleranz

Die Neigung, Risiken einzugehen, ist mit zwei demografischen Faktoren verbunden: Geschlecht und Alter. Frauen sind normalerweise vorsichtiger als Männer und ältere Menschen sind weniger bereit, Risiken einzugehen, als jüngere Leute. Die Konsequenzen der Verhaltensökonomik für Anleger sind klar: Wie wir uns bei der Geldanlage entscheiden und wie wir uns bei der Verwaltung unserer Anlage entscheiden, hängt sehr davon ab, wie wir über Geld denken. [...] Sie demonstriert, dass Marktwerte nicht ausschließlich von den gesammelten Informationen bestimmt werden, sondern auch davon, wie menschliche Wesen diese Informationen verarbeiten.

Übertriebene Zuversicht

An sich ist Zuversicht ja keine schlechte Sache. Aber übertriebene Zuversicht ist etwas ganz anderes, und sie kann besonders im Umgang mit unseren Finanzangelegenheiten Schaden anrichten. Übertrieben zuversichtliche Anleger treffen nicht nur für sich selbst dumme Entscheidungen, sondern diese wirken sich auch sehr stark auf den Mark als Ganzes aus.

Kurzfristiges Denken

Menschen [legen] zu viel Wert auf wenige mehr oder wenige zufällige Ereignisse [...] und meinen, sie würden darin einen Trend erkennen. Insbesondere sind Anleger tendenziell auf die neuesten Informationen fixiert, die sie bekommen haben, und ziehen daraus Schlüsse. So wird der letzte Ergebnisbericht in ihrem Denken zum Signal für künftige Gewinne. Und da sie meinen, sie würden etwas sehen, das andere nicht sehen, treffen sie dann aufgrund oberflächlicher Überlegungen schnelle Entscheidungen.

Verlustaversion

Der Schmerz durch einen Verlust [ist] viel größer als die Freude über einen Gewinn. Bei einer 50:50-Wette, bei der die Chancen exakt gleich sind, riskieren die meisten Menschen nur dann etwas, wenn der potenzielle Gewinn doppelt so groß ist wie der potenzielle Verlust. Das nennt man asymmetrische Verlustaversion. [...] Auf den Aktienmarkt bezogen bedeutet dies, dass sich die Menschen beim Verlust von Geld doppelt so schlecht fühlen, wie sie sich gut fühlen, wenn sie einen Gewinn erzielen. Diese Abneigung gegen Verluste macht Anleger übertrieben vorsichtig, und das hat einen hohen Preis. [...] Wir wollen alle glauben, wir hätten gute Entscheidungen getroffen, und deshalb hängen wir zu lange an schlechten Entscheidungen, in der vagen Hoffnung, die Dinge werden sich noch wenden.

Verdrängen

Wir neigen dazu, das Geld geistig auf verschiedene Konten zu buchen, und dies bestimmt, wie wir es verwenden. [...] Zudem wurde die geistige Buchhaltung als Grund angeführt, weshalb Menschen schlecht laufende Aktien nicht verkaufen: In ihren Augen wird der Verlust erst real, wenn sie ihn realisieren.

Quelle: Robert G. Hagstrom, Warren Buffett. Sein Weg. Seine Methode. Seine Strategie., Börsenbuchverlag 2011.


Auch wer nach dem Brexit die Nerven verlor und verkaufte, um auf bessere Zeiten zu warten, machte einen Fehler und verpasste die Erholung. „Market Timing kann zu einer gefährlichen Angewohnheit werden“, sagt Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei JP Morgan Asset Management. „Kurseinbrüche sind schwer vorherzusagen und starke Erträge folgen oft auf eine schlechte Wertentwicklung.“ Wie so oft kam ja auch der Absturz nach dem Brexit völlig überraschend, ebenso wie die starke Erholung.

„Häufig denken Anleger, sie könnten cleverer sein als der Markt — oder sie lassen sich von Emotionen wie Angst oder Gier zu Anlageentscheidungen verleiten, die sie später bereuen“, so Galler. Trotzdem träumen immer noch viele Anleger diesen nur zu schönen Traum vom perfekten „Timing“ und versuchen ihr Glück. Denn viel mehr ist es nicht, wenn sie mit dieser riskanten Strategie doch mal richtig liegen.

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Großes Pech und leider ziemlich teuer ist es aber, wenn Anleger an den besten Börsentagen nicht investiert sind. Davon gibt es nämlich gar nicht so viele, wie die Experten von Fidelity International einmal mehr festgestellt haben. Die größten Kurssteigerungen an der Börse finden nämlich nur an wenigen Tagen statt. Seit der Euro-Einführung haben laut der Experten nur zehn Tage über den Erfolg der Aktienanlage entschieden. „Die vergleichsweise hohe Rendite einer Aktienanlage ist auf relativ wenige Tage mit hohen Kurssteigerungen zurückzuführen“, sagt Fidelity-Kapitalmarktstratege Carsten Roemheld. Und an denen gilt es investiert zu sein.

Kommentare (18)

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Account gelöscht!

14.07.2016, 12:49 Uhr

Die Schwankungsbreite bzw. -intensität eines Marktes wird gemessen an der sog. Volatilität. Zum Beispiel im DAX-30 ist das der VDAX-New. Und akt. ist sie bei 20,66. Das ist (leider) kurz vor dem Füße einschlafen .....

Baron v. Fink

14.07.2016, 12:53 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich. http://www.handelsblatt.com/netiquette 

Account gelöscht!

14.07.2016, 12:56 Uhr

Ps: Zum Vergleich am Tag nach dem Brexit (24.06.) war sie im TH bei 38,68. Und dementsprechend auch sowohl das Handelsvolumen im FDAX und der Tagesverdienst sehr hoch.

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