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10.04.2012

15:21 Uhr

Börsenweisheit

Warum schlechte Nachrichten gut sind

VonJessica Schwarzer

„Buy on bad news, sell on good news“ – das klingt erstmal unlogisch. Börsianer können dieser Weisheit aber einiges abgewinnen. Warum die alte Regel funktioniert und welche Schwächen sie hat.

Tageszeitungen am Kiosk: Gute Nachrichten sind für Börsianer oft ein Verkaufssignal. ap

Tageszeitungen am Kiosk: Gute Nachrichten sind für Börsianer oft ein Verkaufssignal.

DüsseldorfKaufen bei schlechten Nachrichten und Verkaufen bei guten? Das klingt erstmal widersprüchlich. Warum sollten Investoren die Anteile eines Unternehmens, bei dem die Gewinne sprudeln, die Produkte Kultstatus haben und der Aktienkurs stetig steigt, aus dem Depot schmeißen? Apple wäre damit beispielsweise ein Verkaufskandidat – und zwar schon seit Jahren. Noch unsinniger mag es erscheinen, Aktien eines Konzerns zu kaufen, bei dem es gerade gar nicht läuft.

Doch eine bekannte Börsenweisheit besagt: „Buy on bad news, sell on good news“. Und die ist ganz und gar nicht widersprüchlich, meintThomas Meyer zu Drewer. Die Börsenregel habe sogar viel Weisheit in sich. „Sie ist eng verwandt mit der Aussage ‚billig kaufen, teuer verkaufen’", sagt der Chef von  Comstage, der ETF-Tochter der Commerzbank.  „Beide Weisheiten raten zu antizyklischem Verhalten.“

Auch Max Otte hält die Börsenweisheit für „prinzipiell nicht verkehrt“. Der Professor und Bestsellerautor rät Anleger allerdings, erst nach einer über mehrere Jahre anhaltend guten Nachrichtenlage zu verkaufen und nach einer anhaltend schlechten Lage zu kaufen. „Optimismus und Pessimismus können sich jeweils sehr lange halten und verstärken, so dass viele Aktien weit über ihren ökonomischen Wert steigen können wie im Jahr 2000 oder auch massiv darunter fallen können wie seit 2008“, sagt Otte. „Wer 2000 bei den ersten schlechten Nachrichten gekauft hätte, hätte schlecht ausgesehen.“ Denn kurz danach platzte die Internetblase und die Aktienmärkte crasten.

Die grössten Fehler der Anleger

Risikotoleranz

Die Neigung, Risiken einzugehen, ist mit zwei demografischen Faktoren verbunden: Geschlecht und Alter. Frauen sind normalerweise vorsichtiger als Männer und ältere Menschen sind weniger bereit, Risiken einzugehen, als jüngere Leute. Die Konsequenzen der Verhaltensökonomik für Anleger sind klar: Wie wir uns bei der Geldanlage entscheiden und wie wir uns bei der Verwaltung unserer Anlage entscheiden, hängt sehr davon ab, wie wir über Geld denken. [...] Sie demonstriert, dass Marktwerte nicht ausschließlich von den gesammelten Informationen bestimmt werden, sondern auch davon, wie menschliche Wesen diese Informationen verarbeiten.

Übertriebene Zuversicht

An sich ist Zuversicht ja keine schlechte Sache. Aber übertriebene Zuversicht ist etwas ganz anderes, und sie kann besonders im Umgang mit unseren Finanzangelegenheiten Schaden anrichten. Übertrieben zuversichtliche Anleger treffen nicht nur für sich selbst dumme Entscheidungen, sondern diese wirken sich auch sehr stark auf den Mark als Ganzes aus.

Kurzfristiges Denken

Menschen [legen] zu viel Wert auf wenige mehr oder wenige zufällige Ereignisse [...] und meinen, sie würden darin einen Trend erkennen. Insbesondere sind Anleger tendenziell auf die neuesten Informationen fixiert, die sie bekommen haben, und ziehen daraus Schlüsse. So wird der letzte Ergebnisbericht in ihrem Denken zum Signal für künftige Gewinne. Und da sie meinen, sie würden etwas sehen, das andere nicht sehen, treffen sie dann aufgrund oberflächlicher Überlegungen schnelle Entscheidungen.

Verlustaversion

Der Schmerz durch einen Verlust [ist] viel größer als die Freude über einen Gewinn. Bei einer 50:50-Wette, bei der die Chancen exakt gleich sind, riskieren die meisten Menschen nur dann etwas, wenn der potenzielle Gewinn doppelt so groß ist wie der potenzielle Verlust. Das nennt man asymmetrische Verlustaversion. [...] Auf den Aktienmarkt bezogen bedeutet dies, dass sich die Menschen beim Verlust von Geld doppelt so schlecht fühlen, wie sie sich gut fühlen, wenn sie einen Gewinn erzielen. Diese Abneigung gegen Verluste macht Anleger übertrieben vorsichtig, und das hat einen hohen Preis. [...] Wir wollen alle glauben, wir hätten gute Entscheidungen getroffen, und deshalb hängen wir zu lange an schlechten Entscheidungen, in der vagen Hoffnung, die Dinge werden sich noch wenden.

Verdrängen

Wir neigen dazu, das Geld geistig auf verschiedene Konten zu buchen, und dies bestimmt, wie wir es verwenden. [...] Zudem wurde die geistige Buchhaltung als Grund angeführt, weshalb Menschen schlecht laufende Aktien nicht verkaufen: In ihren Augen wird der Verlust erst real, wenn sie ihn realisieren.

Quelle: Robert G. Hagstrom, Warren Buffett. Sein Weg. Seine Methode. Seine Strategie., Börsenbuchverlag 2011.

Um zu erkennen, ob ein Wertpapier über- oder unterbewertet sei, benötigten Anleger zwingend einen Maßstab für den Wert der Aktie, „den wahren, fairen oder intrinsischen Wert“, so Otte. Doch genau da liegt das Problem. Die Weisheit sei zwar „verlockend einfach“, meint Jean Guido Servais, doch sei sie eher für Börsenprofis anwendbar als für Privatanleger. Denn letztere beschäftigen sich schließlich nicht tagtäglich mit dem Börsengeschehen – im Gegensatz zu Fondsmanagern, Börsenhändlern, Finanzberatern, Vermögensverwaltern oder anderen Anlageexperten.

„Die Profis verschaffen sich einen Überblick über die Situation des Unternehmens, können daraufhin abschätzen, ob und wie lange ein Unternehmen, das in Schieflage geraten ist, überleben kann und möglicherweise durch die Krise wachsen kann“, sagt der Marketing-Direktor von JP Morgan Asset Management. „Dies können sie nicht zuletzt auch, weil sie sich vor Ort einen Eindruck vom Unternehmen und vom Management machen können.“

Kommentare (3)

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DrKahn

10.04.2012, 17:53 Uhr

außerdem heisst es richtig: "buy on rumors". Nicht mal abschreiben können die...

Kronecker

10.04.2012, 19:01 Uhr

Stets fällt auf, dass es keine einheitliche Meinung bei den Experten darüber gibt, was eine Nachricht (Information) überhaupt ist. Oft genug ist man der Ansicht, dass Information ein abgeleitetes Konzept, also sekundär ist, das Wertpapier jedoch primär. Vielleicht ist es gerade umgekehrt, dass Information das Primäre ist und Wert und Risiko dagegen sekundär? Wert und Risiko also aus Information durch die Anleger erst geschaffen werden.

fatduck

18.04.2012, 15:55 Uhr

Was hat Herr Mattern/Conquest Investment Advisory denn für die Erwähnung bezahlt, lol.

Ich selbst Handel nur FX und Futures, kann mich leider nicht sachlich zu dem Thema äußern.

Ich kann aber betätigen das Stock-picking ein Zeitintensives und wissen forderndes unterfangen ist.

Was viele nicht bedenken ist allerdings das Währungsrisiko, so zB. steigt der Dollar und ich halte eine Haliburton welche gegen Dollar gehandelt wird so gibt diese automatisch nach und preist den höheren Dollar ein.


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