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09.05.2012

12:18 Uhr

Börsenweisheiten

Der tückische Herdentrieb

VonJessica Schwarzer

Verhalten sich Anleger wie die Lemminge und machen das, was alle machen? „Steigen die Kurse, kommen die Privatanleger. Fallen die Kurse, gehen die Privatanleger“, lautet eine Börsenweisheit. Was ist dran an der Regel?

Eine Herde. Ähnlich wie diese Schafe rennen Anleger meistens in eine Richtung. ap

Eine Herde. Ähnlich wie diese Schafe rennen Anleger meistens in eine Richtung.

DüsseldorfGute Laune steckt an - auch an der Börse. Wenn die Stimmung fast schon euphorisch ist und die Kurse scheinbar nur noch eine Richtung kennen, lassen sich auch die Skeptiker mitreißen und steigen ein. Ein klassischer Fall von Herdentrieb. Und den gibt es auch, wenn die Börsenkurse in den Keller rauschen – zumindest wenn eine bekannten Börsenweisheit wirklich stimmt: „Steigen die Kurse, kommen die Privatanleger. Fallen die Kurse, gehen die Privatanleger.“

Weitergedacht heißt das: Die Privaten steigen regelmäßig zu spät ein, nämlich wenn die Börsenparty schon in vollem Gange und das Hoch fast erreicht ist. Und sie steigen regelmäßig zu spät aus, nämlich wenn die Kurse abschmieren und sie damit dicke Verluste realisieren. Klar, dass sie dann auch den Wiedereinstieg nahe den Tiefstkursen verpassen und erst wieder auf das Parkett zurückkehren, wenn die Party wieder in vollem Gange ist. Soweit also die Börsenweisheit, aber stimmt sie auch?  

Die zehn wichtigsten Aktien-Regeln

Eigene Strategie festlegen

Gegen die größer werdenden Unwägbarkeiten sollte man sich zuallererst mit einer Strategie wappnen: Wer an kräftiges Wachstum in Deutschland glaubt, an einen anhaltenden Boom der Schwellenländer und hohen privaten Konsum, kann weiter am Aktienmarkt investieren. Wer skeptisch ist, sollte seine Bestände hingegen nicht aufstocken.

Widerstandskraft zeigen

Eng verbunden mit der ersten Regel: Immer wieder kommt es vor, dass sich Dinge anders entwickeln, als man erwartet hat. Es ist wichtig, sich selbst immer wieder zu hinterfragen und nicht jeder Entwicklung hinterherzulaufen. Eine solche Reaktion zeugt nicht von einem geringen Vertrauen in die eigene Strategie. Es kostet meist auch Geld, weil die Masse schon vorher diese Richtung eingeschlagen und das Gros an Rendite eingefahren hat.

Richtig mischen

Groß oder klein, spekulativ oder konservativ, liquide oder illiquide, dividendenstark oder dividendenschwach, Substanz oder Wachstum: Bei Aktien ist die Auswahl riesig. Der richtige Mix aus spekulativen und konservativen Titeln hilft, Schwankungen zwischen guten und schlechten Zeiten auszugleichen. Nicht zu unterschätzen sind starke Dividendenzahler, die Jahr für Jahr den Grundstock für eine solide Rendite legen.

Barrieren einbauen

Keine Frage, die Börsen haben in den vergangenen zehn Jahren stärker geschwankt als in allen Dekaden zuvor. Das wird so bleiben, mit wachsendem Computerhandel sogar noch zunehmen. Wer sein Risiko minimieren will, baut Barrieren ein – sogenannte Stopps. Gerne werden Stopps bei 20 Prozent über und unterhalb des aktuellen Kurses gewählt. Dann wird automatisch verkauft, wenn diese Grenzen erreicht sind. Kommt eine Phase überraschend steigender Kurse mit anhaltendem Aufwärtstrend, lässt sich die Barriere leicht nach oben verschieben. Wichtig ist dann, auch die Barriere am unteren Ende nachzuziehen.

Herdentrieb beobachten

Wichtig in Phasen überraschender Kurssteigerungen oder -stürze ist es, das Verhalten der Masse zu beobachten. Ist es noch nachvollziehbar oder völlig irrational? Häufig ist es irrational. Dann hilft meist die zweite Regel: Widerstandskraft zeigen. Nach einigen Monaten kehrt die Rationalität von ganz allein zurück. Der Kurssturz aus dem vergangenen Jahr und die jüngste Entwicklung beweisen das gerade wieder.

Risiko rausnehmen

Sind Aktien wie seit Jahresbeginn schon um 30, 40 oder gar 50 Prozent gestiegen, dann sind Anschlussgewinne in der Regel nur noch schwer zu erzielen. Phrasenverdächtig ist zwar die alte Weisheit: „An Gewinnmitnahmen ist noch niemand zugrunde gegangen.“ Richtig ist sie trotzdem.

Insidern folgen

Firmenchefs haben einen gewaltigen Vorteil gegenüber normalen Aktionären. Sie wissen weit mehr als jeder Analyst oder Kommentator, wie es in ihrem Unternehmen aussieht. Insider nennt man sie deshalb. Sie melden ihre Orders innerhalb von fünf Handelstagen an die Börsenaufsicht Bafin. Das Handelsblatt veröffentlicht alle zwei Wochen das sogenannte Insider-Barometer, das aus der Summe aller Kauf- und Verkaufsorders Schlüsse für den weiteren Verlauf in Dax & Co. zieht. Jüngste Tendenz: Vorstände und Aufsichtsräte verkaufen mehr als sie kaufen. Vorsicht also!

Geopolitische Ereignisse beachten

Terroranschläge und Naturkatastrophen kommen unerwartet. Politische Konflikte wie zwischen Israel und dem Iran schwelen meist länger. Auch entscheidende Wahlen sind vorhersehbar und haben immer Einfluss auf die Börse. Dabei gilt generell: Wahljahre sind gute Börsenjahre.

Auf reale Werte setzen

Mit Optionsscheinen oder Bonus-Zertifikaten lässt sich zwar aus einem Aufwärtstrend ein noch größerer Profit schlagen. Dies sind jedoch in der Regel Wetten ohne realen Hintergrund. Aktien sind reale Werte.

Moden misstrauen

Vor allem Aktien einzelner Branchen unterliegen immer wieder gewissen Moden. Doch die wechseln wie im realen Leben, und manchmal geht das schneller, als man denkt. Das bekommt gerade die einst angesehene Solarenergie-Branche bitter zu spüren.

Ja, meint Patrick Hussy. „Wir können in unseren Daten nachweisen, dass die Privatanleger prozyklisch agieren, das heißt hohe Aktienbestände haben, wenn die Indizes angestiegen sind und umgekehrt“, sagt der Experte vom Analysehaus Sentix, das regelmäßig die Stimmung der Anleger misst. Das Ergebnis seiner Umfragen: Privatanleger würden in steigende Kurse hinein Aktien (zu-)kaufen und in fallende Kurse Aktien verkaufen. Die Entscheidungen seien häufig durch die vorherrschende, öffentliche Meinung motiviert.

Markus Zschaber, Chef der gleichnamigen Vermögensberatung, ist überzeugt, dass zumindest der erste Teil der Börsenweisheit gilt, schließlich würden in guten Börsenphasen auch Banken und Finanzdienstleister stärker für Aktieninvestments trommeln und ihre Kunden so zum Einstieg treiben. „Die Frage ist allerdings, ob dann ein günstiger Einstiegspunkt nicht bereits verpasst wurde“, sagt Zschaber. Den zweiten Teil der Börsenweisheit stellt er jedoch in Frage. „Es wäre sicherlich erfreulich, wenn die Privatanleger in Phasen fallender Kurse agieren würden, also aktiv handeln und gegebenenfalls aus dem Markt gehen würden“, sagt der Vermögensverwalter. „Die Realität sieht jedoch anders aus.“ Privatanleger würde bei fallenden Kursen weiterhin investiert bleiben, sich nicht aktiv absichern und in diesen beratungsintensiven Zeiten von ihren Banken und Finanzdienstleistern im Stich gelassen.“ Ein langwieriges Aussitzen der Kursrückgänge ist die Folge.

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