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02.03.2012

15:08 Uhr

Börsenweisheiten

Wie kurz sind die Beine der politischen Börsen?

VonJessica Schwarzer

Es galt lange als ausgemachte Sache unter Börsianern, dass der Einfluss von politischen Ereignissen auf die Kurse nur kurz wirkt. Doch gilt die Weisheit „Politische Börsen haben kurze Beine“ in der Schuldenkrise noch?

Ein Händler vor seinen Bildschirmen: Politische Ereignisse bewegen die Kurse, aber wie nachhaltig? dapd

Ein Händler vor seinen Bildschirmen: Politische Ereignisse bewegen die Kurse, aber wie nachhaltig?

DüsseldorfDie Nachrichten flackern im Sekundentakt über die Bildschirme: Ein Putsch gegen einen Präsidenten, ein Aufstand in einem diktatorischen Regime, eine Hängepartie im US-Kongress – im Lauffeuer verbreiten sich Gerüchte und Fakten an der Börse. Die Kurse reagieren prompt und oft auch heftig. Doch politische Ereignisse bringen die Märkte nur kurz aus dem Tritt. Das zumindest besagt die Börsenweisheit „Politische Börsen haben kurze Beine“.

Ein zugegeben historisches Beispiel: Als am 19. August 1991 die ersten Gerüchte über einen bewaffneten Aufstand gegen Russlands Präsidenten Michail Gorbatschow die Runde machten, stürzten an der Frankfurter Börse die Kurse ab. Die Angst vor politischer Instabilität, vor Unruhen im Osten war groß. Einige Tage später – die Putschisten waren zur Aufgabe gezwungen worden, Gorbatschow war nach Moskau zurückgekehrt – hatte der Dax sich bereits wieder erholt. Die große Weltpolitik hatte die deutschen Standardwerte nur kurz belastet.

Die grössten Fehler der Anleger

Risikotoleranz

Die Neigung, Risiken einzugehen, ist mit zwei demografischen Faktoren verbunden: Geschlecht und Alter. Frauen sind normalerweise vorsichtiger als Männer und ältere Menschen sind weniger bereit, Risiken einzugehen, als jüngere Leute. Die Konsequenzen der Verhaltensökonomik für Anleger sind klar: Wie wir uns bei der Geldanlage entscheiden und wie wir uns bei der Verwaltung unserer Anlage entscheiden, hängt sehr davon ab, wie wir über Geld denken. [...] Sie demonstriert, dass Marktwerte nicht ausschließlich von den gesammelten Informationen bestimmt werden, sondern auch davon, wie menschliche Wesen diese Informationen verarbeiten.

Übertriebene Zuversicht

An sich ist Zuversicht ja keine schlechte Sache. Aber übertriebene Zuversicht ist etwas ganz anderes, und sie kann besonders im Umgang mit unseren Finanzangelegenheiten Schaden anrichten. Übertrieben zuversichtliche Anleger treffen nicht nur für sich selbst dumme Entscheidungen, sondern diese wirken sich auch sehr stark auf den Mark als Ganzes aus.

Kurzfristiges Denken

Menschen [legen] zu viel Wert auf wenige mehr oder wenige zufällige Ereignisse [...] und meinen, sie würden darin einen Trend erkennen. Insbesondere sind Anleger tendenziell auf die neuesten Informationen fixiert, die sie bekommen haben, und ziehen daraus Schlüsse. So wird der letzte Ergebnisbericht in ihrem Denken zum Signal für künftige Gewinne. Und da sie meinen, sie würden etwas sehen, das andere nicht sehen, treffen sie dann aufgrund oberflächlicher Überlegungen schnelle Entscheidungen.

Verlustaversion

Der Schmerz durch einen Verlust [ist] viel größer als die Freude über einen Gewinn. Bei einer 50:50-Wette, bei der die Chancen exakt gleich sind, riskieren die meisten Menschen nur dann etwas, wenn der potenzielle Gewinn doppelt so groß ist wie der potenzielle Verlust. Das nennt man asymmetrische Verlustaversion. [...] Auf den Aktienmarkt bezogen bedeutet dies, dass sich die Menschen beim Verlust von Geld doppelt so schlecht fühlen, wie sie sich gut fühlen, wenn sie einen Gewinn erzielen. Diese Abneigung gegen Verluste macht Anleger übertrieben vorsichtig, und das hat einen hohen Preis. [...] Wir wollen alle glauben, wir hätten gute Entscheidungen getroffen, und deshalb hängen wir zu lange an schlechten Entscheidungen, in der vagen Hoffnung, die Dinge werden sich noch wenden.

Verdrängen

Wir neigen dazu, das Geld geistig auf verschiedene Konten zu buchen, und dies bestimmt, wie wir es verwenden. [...] Zudem wurde die geistige Buchhaltung als Grund angeführt, weshalb Menschen schlecht laufende Aktien nicht verkaufen: In ihren Augen wird der Verlust erst real, wenn sie ihn realisieren.

Quelle: Robert G. Hagstrom, Warren Buffett. Sein Weg. Seine Methode. Seine Strategie., Börsenbuchverlag 2011.

Doch wie kurz sind die Beine der politischen Börsen heute? Immerhin schauen die Anleger seit mehr als zwei Jahren wie gebannt darauf, wie die Politik die Haushaltsmisere in den Euro-Staaten und den USA in den Griff bekommen will. Gilt die Börsenweisheit in Zeiten der Schuldenkrisen überhaupt noch?

Ja, meinen die Experten. „Sich diese Weisheit hinter die Ohren zu schreiben, gehört zu dem wichtigsten Rüstzeug für Börsianer“, ist Loys-Fondsmanager Christoph Bruns überzeugt. Die alte Börsenregel gelte heute sogar mehr denn je, meint auch Wirtschaftsprofessor und Crashprophet Max Otte, und verweist auf die Schnelllebigkeit und Machtlosigkeit der heutigen Politik. Und auch Thomas Meyer zu Drewer glaubt an die Börsenweisheit: „Wahrscheinlich sind die Beine sogar noch kürzer geworden“, sagt der Chef des Indexfonds-Anbieters Comstage. Schließlich würden sich Ereignisse durch die Globalisierung von Informationen immer kürzer und schneller auswirken.

Einer der das ganz anders sieht, ist Niels Nauhauser. „Politische Börsen haben kurze Beine“ sei mehr Redensart als Weisheit. „Die Redensart ist bei Börsenkommentatoren beliebt, wenn sie das Tagesgeschehen an den Märkten kommentieren“, sagt der Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. „Es dürfte niemand ernsthaft behaupten, dass politische Entscheidungen grundsätzlich keine Auswirkungen auf die Börsen haben.“

Das sehen die Börsianer im Grunde ähnlich, nur sind sie überzeugt, dass politische Kapriolen eben nicht nachhaltig auf die Börsenstimmung drücken. „In den modernen Demokratien gibt es hinreichend viele Mechanismen, um politische Krisen früh zu erkennen und innerhalb eines vernünftigen Zeitfensters auszubügeln“, sagt Fondsmanager Bruns. In den Medien würden politische Krisen schnell und viel Aufmerksamkeit finden, allein schon unter diesem öffentlichen Druck würden bald Lösungsvorschläge reifen.

Kommentare (1)

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Kostolany

02.03.2012, 15:28 Uhr

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