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15.12.2014

11:33 Uhr

Bofinger kritisiert EZB-Anleihenkauf

„Zentralbankgeld gibt es wie Freibier“

Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger galt einst als Befürworter der EZB-Geldpolitik. Jetzt wechselt der Ökonom die Seiten. Ein Anleihekaufprogramm belaste deutsche Sparer und gefährde den Ruf der Notenbank, warnt er.

Ökonom Peter Bofinger geht auf Distanz zur EZB-Geldpolitik. ap

Ökonom Peter Bofinger geht auf Distanz zur EZB-Geldpolitik.

FrankfurtEin Ankauf von Staatsanleihen durch die Europäische Zentralbank würde den deutschen Sparer belasten und könne den Ruf der Notenbank in Deutschland gefährden. Davor warnt Peter Bofinger, Mitglied des Sachverständigenrates der Bundesregierung, in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Bloomberg.

Wenn die EZB Anleihen kaufe, dann müsse sie wahrscheinlich auch deutsche Anleihen kaufen. Wenn die Umlaufrendite im Zuge des Anleihekaufprogramms von 0,55 Prozent auf 0,3 Prozent gedrückt wird, dann könne der Ruf der EZB in Deutschland „großen Schaden“ nehmen, warnt der Wirtschaftsweise. Sollte das Aufkaufprogramm für Staatsanleihen anlaufen, dürfte das „in Deutschland für große Verärgerung sorgen“, meint Bofinger. „Das ist gefährlich.“

„Zentralbankgeld gibt es schon jetzt wie Freibier“. Wenn man die Sättigungsmenge erreicht habe, und der Preis bei null liege, dann helfe es nicht, noch mehr Freibier hinzustellen. „Es wird nicht mehr konsumiert“, so Bofinger.

Bofinger zählte lange Zeit zu den Fürsprechern der von EZB-Präsident Mario Draghi eingeleiteten Politik der quantitativen Lockerung. Doch in den vergangenen Monaten geht auch der Wirtschaftsweise der Universität Würzburg verstärkt auf Distanz zur EZB-Geldpolitik.

Spekulationen um EZB-Anleihenkäufe

Legt die EZB nach?

Europas Währungshüter haben den Zins abgeschafft und Strafgebühren für Bankeinlagen eingeführt. Sie fluten die Märkte mit billigem Geld und kaufen umstrittene Kreditpakete. Trotzdem ist die Inflation im Euroraum gefährlich niedrig und die Konjunktur lahmt. Legt die EZB bald nach? Als schärfstes Schwert gelten breit angelegte Anleihenkäufe - doch die sind umstritten.

Quelle: dpa

Was ist eine quantitative Lockerung?

Bei „Quantitativer Lockerung“ („Quantitative Easing“, QE) drucken sich Zentralbanken quasi selbst Geld, um damit in großem Stil Wertpapiere zu kaufen. Über den Erwerb von Unternehmens- oder Staatsanleihen sollen langfristige Zinsen gesenkt werden. Zudem wird zusätzliches Geld ins Bankensystem geschleust, das die Institute wieder anderweitig - etwa in Form neuer Kredite - verwenden können. Das soll die Konjunktur in Schwung bringen. Die Menge (Quantität) des Zentralbankgeldes nimmt zu, daher der Begriff „Quantitative Lockerung“. Verkäufer der Anleihen sind beispielsweise Banken.

Warum denkt die EZB über Anleihenkäufe nach?

Weil die Inflation im Euroraum bedenklich niedrig bleibt - trotz der extrem lockeren Geldpolitik der Notenbank. Seit Monaten liegt die Teuerung im Euroraum deutlich unter der EZB-Zielmarke von knapp 2,0 Prozent. Im November sank sie auf 0,3 Prozent. Was Verbraucher freut, macht die EZB nervös: Sie fürchtet das Abrutschen in eine Deflation - eine Spirale aus rückläufigen Preisen und schrumpfender Wirtschaft.

Was sagt Draghi?

Draghi betont immer wieder die Entschlossenheit der EZB, sich mit allen denkbaren Mitteln gegen einen Preisverfall zu stemmen. Erst kürzlich versprach er: „Wir werden tun, was wir müssen, um die Inflation und die Inflationserwartungen so schnell wie möglich anzuheben.“ Das wurde am Markt als Ankündigung für QE verstanden. „Breit angelegte Anleihekäufe der Notenbank sind wohl nur noch eine Frage der Zeit“, meint Commerzbank-Ökonom Christoph Weil.

Quantitative Easing in Europa - ein Spezialfall

Die EZB muss Geldpolitik für bald 19 höchst unterschiedliche Volkswirtschaften machen. Würde sie sich für den Kauf von Staatsanleihen entscheiden, sähe sie sich 19 Ausgebern solcher Papiere mit sehr unterschiedlichen Zinssätzen gegenüber. Gleichzeitig seien die gemeinsamen Kompetenzen in der Fiskalpolitik begrenzt, erklärt die deutsche EZB-Direktorin Sabine Lautenschläger.

Sieht Draghi kein Problem?

Auch Draghi räumt ein, dass QE im Euroraum komplizierter wäre als etwa in den USA. Zum einen wirke QE sich in den USA unmittelbar aus, weil Unternehmen sich überwiegend am Kapitalmarkt finanzierten. Im Euroraum finanzierten sie sich hingegen vor allem über Bankkredite. Zum anderen müsste die EZB Anleihen aller Länder kaufen, nicht nur die der Krisenstaaten.

Weitere Kritik an Anleihenkäufen

Die kommt auf, weil die EZB Staaten nicht mit der Notenpresse finanzieren darf. Zwar würde die Notenbank bei einer „quantitativen Lockerung“ anders als beim Anleihekaufprogramm OMT nicht nur Wertpapiere einzelner Krisenländer kaufen. Doch Bundesbank-Präsident Jens Weidmann warnt: „Dadurch, dass wir nicht nur Anleihen einzelner Mitgliedstaaten kaufen, sondern Anleihen aller Staaten, wird das Problem der monetären Staatsfinanzierung (...) nicht automatisch beseitigt.“

Warum lehnt die Bundesbank die Ankäufe ab?

Weidmann befürchtet, dass solche Käufe die Reformmüdigkeit in einigen Ländern verstärken könnten. Er argumentiert: Wenn Staaten darauf bauen können, dass das Eurosystem die Zinsen durch den Ankauf von Staatsanleihen deckelt, könnte dies zu einer stärkeren Verschuldung dieser Länder führen. Denn sie müssten dann nicht mehr für die Folgen einer verfehlten Finanz- und Wirtschaftspolitik haften.

Welche positiven Effekte könnten die Ankäufe haben?

Ökonom Carsten Brzeski von der ING-Diba bezweifelt, dass QE ein Allheilmittel für die Krise im Euroraum wäre: „Wir glauben, dass der Effekt von Unternehmens- oder Staatsanleihenkäufen auf die Wirtschaft unsicher ist. Sicher ist nur, dass der Euro weiter fallen würde.“

Nach einem Bericht der Wochenzeitung „Die Zeit“ wurde auf der letzten Sitzung des Notenbankrats über die Käufe von Staatsanleihen diskutiert. Dem Vernehmen nach könnte ein entsprechender Beschluss schon am 22. Januar gefasst werden.

Draghi habe sich „ohne Not unter Zugzwang gesetzt“ indem er sich zum Ziel gesetzt habe, die Bilanzsumme der EZB auf das Niveau von 2012 zu steigern, das damals bei drei Billionen Euro lag. „Jetzt werden die Märkte wissen wollen, ob er das Ziel tatsächlich erreicht“, sagt Bofinger.

Kommentare (8)

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Herr Thomas Behrends

15.12.2014, 12:16 Uhr

Ich sage nur Printing Money !

Mit dieser falschen Strategie von Helicopter-Ben ist auch bereits die Reichsregierung von 1923 gescheitert.

Aber, man kann ja die gleichen Fehler wiederholen, oder?!

Frau Nelly Sachse

15.12.2014, 12:29 Uhr

Herr Bofinger, willkommen in der Realität. Wurde auch Zeit!

Herr Uwe Warschkow

15.12.2014, 12:57 Uhr

Draghi hat doch nur Angst,das die wirkliche Bonität Italiens irgendwann bei den Märkten ankommt.
Was müsste den Italien zahlen,wenn es die EZB nicht gäbe? 10 Prozent Zinsen im Schnitt.Russland ist gleich bewertet,dort kann man es sehr deutlich sehen.

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