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14.07.2011

13:16 Uhr

Bundesanleihen

Deutschland als sicherer Anleger-Hafen

Die US-Schuldenkrise macht Deutschland zum sicheren Anleger-Hafen. Die Zinsen für zehnjährige Bundesanleihen lagen klar unter 3 Prozent. Laut Ifo zahlt sich jetzt Deutschlands Glaubwürdigkeit aus.

Ob Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble aus den niedrigen Marktzinsen kurzfristig Kapital schlagen kann, ist nicht ausgemacht. Aber fest steht: Deutschland ist für Anleger zu einer Art sicherer Hafen geworden. Quelle: AFP

Ob Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble aus den niedrigen Marktzinsen kurzfristig Kapital schlagen kann, ist nicht ausgemacht. Aber fest steht: Deutschland ist für Anleger zu einer Art sicherer Hafen geworden.

BerlinDeutschland profitiert mit niedrigen Zinskosten von den wachsenden Zweifeln an der Kreditwürdigkeit der USA und vielen Euro-Ländern: Kein anderes großes Industrieland kann derzeit langfristige Kredite so billig aufnehmen. Die Zinsen für zehnjährige Bundesanleihen lagen am Donnerstag bei 2,74 Prozent - zu Monatsbeginn waren es noch mehr als drei Prozent, im April sogar fast 3,5 Prozent. US-Anleihen, die ihre Top-Bonitätsnote wegen der hohen Verschuldung der größten Volkswirtschaft zu verlieren drohen, werden mit 2,9 Prozent gehandelt. Für italienische Bonds sind es sogar knapp 5,7 Prozent. Auch Italien droht eine Herbstufung seiner Bonität.

„Wir sind so etwas wie der sichere Hafen“, sagte Ifo-Konjunkturchef Kai Carstensen Reuters. Grund dafür sei die hohe finanzpolitische Glaubwürdigkeit. „Wenn Deutschland eine Schuldenbremse ins Grundgesetz schreibt, dann wird von Investoren anerkannt, dass dies eine bindende Regel ist“, sagte Carstensen. „Wenn Griechenland dies tut, dann heißt es: Das ist eine nette Idee, warten wir mal ab, was die daraus machen.“

Deutschlands Kreditwürdigkeit wird von allen Ratingagenturen mit der Bestnote bewertet. Viele Marktteilnehmer berücksichtigen die Urteile der Experten bei ihren Anlageentscheidungen. Etliche institutionelle Anleger wie Pensionskassen oder Versicherungen sind sogar gesetzlich oder durch ihre eigenen Statuten dazu verpflichtet, nur Anleihen mit einem bestimmten Mindestrating zu erwerben oder zu halten. „Allerdings ist auch bei uns nicht alles Gold, was glänzt“, sagte Carstensen. „Wir schultern enorme Risiken, indem wir auf europäischer Ebene Garantien und Kredite vergeben.“ Wegen der 2013 anstehenden Bundestagswahl könnte die Regierung zudem in Versuchung geraten, Steuern zu senken anstatt mit Haushaltsüberschüssen Schulden zu tilgen.

Ob Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble aus den niedrigen Marktzinsen kurzfristig Kapital schlagen kann, ist nicht ausgemacht. „Erst wenn sich dieser Trend verfestigt und über alle Laufzeiten erstreckt, hat das größere Auswirkungen“, hieß es in Regierungskreisen. Grund dafür sei, dass vergleichsweise wenige neue Papiere auf den Markt gebracht werden und zudem gerade bei den langfristigen Anleihen das Handelsvolumen gering sei. Der Bund habe daher kaum Möglichkeiten, sich die niedrigeren Zinsen unmittelbar zunutze zu machen.

Was die US-Schuldenkrise für die Märkte bedeutet

Sind die USA ein wackliger Schuldner?

Im August 2011 stufte S&P die USA herab und entzog ihnen damit das Top-Rating. Die Zeit des unumstößlichen AAA-Ratings der USA ist damit vorbei. Grund waren mangelnde Aussichten auf einen Abbau der Rekordverschuldung von 15 Billionen Dollar. Eine weitere Herabstufung schlossen S&P nicht aus.

Fitch und Moody's drohen ebenfalls mit einer Herabstufung, sollte keine neue Strategie zum Schuldenabbau folgen.

Warum haben die USA nicht längst ein noch schlechteres Rating?

Die USA sind mit dem Dollar flexibel in der Zins- und Geldpolitik und können Geld drucken, um Dollar-Schulden zu bedienen. Als größte Volkswirtschaft der Welt tragen sie fast ein Viertel zur weltweiten Wirtschaftsleistung bei. Die Wirtschaft ist wettbewerbsfähig und flexibel. Zudem zahlt die Regierung, bei einer Inflation von drei Prozent und Renditen unter drei Prozent für Anleihen mit Laufzeiten von weniger als zehn Jahren, real aktuell keine Zinsen. "Das steht in krassem Gegensatz, zu der Situation in vielen Euro-Ländern", sagt Jörg Zeuner, Chefvolkswirt der VP Bank.

Wann werden die USA weiter herabgestuft?

Der Verlust des AAA-Ratings war vor einigen Monaten noch die "Billion-Dollar-Frage". Jetzt rätseln Analysten darüber, wann noch eine Stufe weiter abwärts geht. S&P haben eine weitere Herabstufung der USA nicht ausgeschlossen, sollte das Schuldenproblem nicht in den Griff bekommen werden. Behält die US-Regierung den jetzigen uneinigen Kurs bei der Schuldenbekämpfung bei, so werde Fitch spätestens 2013 den USA das Top-Rating entziehen.

Warum sind US-Staatsanleihen kaum unter Druck gekommen?

Weil die Ratings nicht (mehr) das non plus ultra für die Marktteilnehmer bilden. Die Warnungen der Ratingagenturen rücken zwar die problematische US-Verschuldung ins Bewusstsein der Öffentlichkeit, bedeuten für professionelle Anleiheinvestoren "aber nichts, was wir nicht schon ohnehin wussten", sagt William O'Donnel von der Royal Bank of Scotland. Frankreichs Wirtschaftsminister Baroin meinte, man dürfe die Herabstufung nicht überbewerten. Ein nicht namentlich genannter Regierungsvertreter Japans erklärte ebenfalls, dass er weiterhin Vertrauen in die Anleihen der USA habe.

Drohen US-Staatsanleihen längerfristig Probleme?

Ja, wenn die Probleme nicht gelöst werden und die Ratingagenturen die Kreditwürdigkeit weiter senken. Der Ruf der US-Anleihen als weltweiter risikoloser Maßstab für andere Zinspapiere werde dann weiter abbröckeln. "Wenn die USA ihre langfristige Verschuldung nicht in den Griff bekommen, droht ein Vertrauensverlust der Investoren", warnt Thomas Meißner von der DZ Bank. Diese Gefahr gebe es vor allem deshalb, weil die USA fast zur Hälfte im Ausland verschuldet seien und ausländische Investoren schneller nervös würden als einheimische.

Profitieren Bundesanleihen vom Verlust des "AAA"-Ratings der USA?

„Ja“ sagt Andreas Rees, Chefvolkswirt bei der Unicredit, „sie dürften die größten Gewinner sein, unter anderem, weil die Inflation in den USA spürbar anziehen wird.“ Voraussetzung dafür sei allerdings noch, dass Deutschland seine Spitzenbonität behält, was zurzeit der Fall ist.

Wie sind die Aussichten für den Dollar?

Bislang hat die US-Währung wenig reagiert. "Der Dollar profitiert seit mindestens drei Jahren stetig von Krisenszenarien, egal wo die Ursachen der Probleme liegen", erklärt Ralf Umlauf, Analyst bei der Helaba. Das liege vor allem daran, dass in Krisenszenarien viele US-Investoren ihre Anlagen in ausländischen Währungen verkaufen, und das stärke den Dollar.

Gegenüber dem Euro hat der Dollar keinen Wert einbüßen müssen, weil im Rahmen der Schuldenkrise der Euro-Länder der Euro zunehmend unter Druck geraten ist. Im August, dem Monat der Herabstufung der USA, ging es nämlich für den Euro stark abwärts.

Die Bundesregierung rechnet in den kommenden Jahren sogar mit kräftig steigenden Zinskosten. Das Finanzministerium veranschlagt für 2012 und 2013 einen höheren Aufwand von jeweils bis zu zwei Milliarden Euro. Ein Grund dafür ist, dass die Gesamtverschuldung weiter steigt. Auch die Zinserhöhungen der Europäischen Zentralbank (EZB) tragen zu den Mehrausgaben bei.

Bereits jetzt steht der Bund mit rund 1300 Milliarden Euro in der Kreide. Die Zinsen für die bei Banken und anderen Großinvestoren platzierten Anleihen summieren sich in diesem Jahr auf etwa 40 Milliarden Euro. Das ist nach den Ausgaben für Arbeit und Soziales der zweitgrößte Posten im 306 Milliarden Euro großen Bundes-Etat. Jeder sechste Euro der Steuereinnahmen des Bundes fließt direkt in den Schuldendienst.

 

Von

rtr

Kommentare (3)

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contrarian

14.07.2011, 16:00 Uhr

Die Pensionskosten und Sozialversicherungskosten, Transfer- und Zinszahlungen in einem Land mit alternden Bevölkerung sind nicht in der Summe der aufgelaufenen Schulden berücksichtigt. Jede Wette die wirkliche Verschuldung ist min. das Vierfache der bisher bekannten Schulden. Ein Sicherer Hafen ist das nicht. Wohl eher eine Abwrackstelle.

PikAs

14.07.2011, 16:39 Uhr

Meine Bunds habe ich bereits letztes Jahr im Mai verkauft und werde auch keine mehr anfassen. Wenn der Euro bricht, und das es geschieht ist nur eine Frage der Zeit, wird es auch für uns in Deutschland erst mal zur massiven Geldverbrennung kommen. Da ist mir solches Papier zu unsympathisch.

Account gelöscht!

14.07.2011, 21:28 Uhr

bunds??? kein bedarf! da setze ich lieber weiter auf meine high-yield eu perepherie-bonds. und lass mir zins und tilgung notfalls auch vom steuerzahler bezahlen.

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