Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

13.06.2013

20:50 Uhr

Bundesbank-Chef

Weidmann warnt vor langer Niedrigzinspolitik

Jens Weidmann übt Kritik an der Geldpolitik der Notenbanken. Versäumten sie es, die Zügel wieder rechtzeitig anzuziehen, würden sie zur Gefahr für die Preisstabilität – und letztlich auch für sich selbst.

Bundesbank-Präsident Jens Weidmann: Notenbanken haben ihr Mandat arg gedehnt. AFP

Bundesbank-Präsident Jens Weidmann: Notenbanken haben ihr Mandat arg gedehnt.

MünchenBundesbank-Chef Jens Weidmann hat vor einer langen Niedrigzinspolitik der Notenbanken weltweit gewarnt. „Die extremen Niedrigzinsen, die wir derzeit in vielen Volkswirtschaften haben, sind auf Dauer mit Risiken verbunden“, sagte das Ratsmitglied der Europäischen Zentralbank (EZB) am Donnerstag in München. „Es stehen daher alle Notenbanken vor der Herausforderung, die derzeit extrem lockeren geldpolitischen Zügel rechtzeitig wieder anzuziehen, wenn sich Gefahren für die Preisstabilität abzeichnen.“ Die EZB hat im Mai ihren Leitzins auf 0,5 Prozent gesenkt.

Weidmann erneuerte seine Mahnung, die Notenbanken sollten die Grenze zwischen Geld- und Fiskalpolitik nicht verwischen. „Wenn die Geldpolitik für fiskalische Zwecke eingespannt wird, verliert sie über kurz oder lang ihre Fähigkeit, die Preise stabil zu halten“, sagte Weidmann bei einer Veranstaltung des Münchner Volkswirte-Alumni-Clubs. Die Notenbanken seien mitverantwortlich dafür, dass neuerdings ihre Unabhängigkeit und Stabilitätsorientierung infrage gestellt werde. „Sie haben ihr Mandat in der Krise zuweilen arg gedehnt.“ Eine unabhängige, auf Preisstabilität festgelegte und von der Fiskalpolitik klar getrennte Geldpolitik sei wichtiger denn je.

Die umstrittenen Staatsanleihen-Kaufprogramme der EZB

10. Mai 2010

Als die Schuldenkrise zum ersten Mal in Griechenland eskaliert, beschließt der EZB-Rat den Kauf von Staatsanleihen überschuldeter Euro-Länder. Damit wirft die EZB erstmals in ihrer Geschichte de facto die Notenpresse an, um Krisenländern zu helfen und das politische Projekt der Gemeinschaftswährung nicht zu gefährden. In der Folge kauft sie für mehr als 200 Milliarden Euro Papiere von Griechenland, Irland und Portugal.

8. August 2011

Die EZB dehnt unter dem Druck der sich verschärfenden Schuldenkrise ihre Staatsanleihen-Käufe auf Spanien und Italien aus. Zudem wird bekannt, dass der damalige Notenbankchef Jean-Claude Trichet Briefe an die Regierungschefs dieser Länder, Silvio Berlusconi und Jose Luis Zapatero, geschrieben hat, in denen er ihnen Ratschläge für eine nachhaltige Finanzpolitik und Haushaltsführung erteilt. Der Brief an Berlusconi, den auch Trichets designierter Nachfolger - Italiens Notenbankchef Mario Draghi - unterzeichnet, wird zum Politikum.

2. August 2012

Draghi, mittlerweile EZB-Präsident, kündigt angesichts der immer weiter eskalierenden Krise ein neues Anleihen-Kaufprogramm an. Wenige Tage zuvor hatte er in London völlig überraschend erklärt, die EZB werde alles tun, um den Euro zu retten. Heftiger Widerspruch kommt von Bundesbank-Chef Jens Weidmann.

6. September 2012

Der EZB-Rat beschließt das von Draghi einen Monat zuvor angekündigte Anleihe-Kaufprogramm OMT (Outright Monetary Transactions). Es ist an Bedingungen geknüpft, etwa dass ein Land, um in den Genuss der Hilfe durch die Notenpresse zu kommen, unter den permanenten Euro-Rettungsschirm ESM schlüpfen muss. Im Gegenzug erklärt sich die EZB bereit, theoretisch unbegrenzt Staatsanleihen zu kaufen. Begründet wird das Programm, das im EZB-Rat gegen den Widerstand Weidmanns durchgesetzt wurde, mit einer Störung der Geldpolitik in den 17 Euro-Ländern.

12. September 2012

Das Bundesverfassungsgericht gibt in einem Eilverfahren grünes Licht für den ESM. Das Gericht kündigt zudem an, bei der Hauptverhandlung auch die Rettungspolitik der EZB unter die Lupe zu nehmen - und damit vor allem das Anleihe-Kaufpogramm OMT.

Ähnlich hatte sich Weidmann zuletzt vor dem Bundesverfassungsgericht geäußert. Das Gericht befasst sich mit Klagen gegen das Anti-Krisen-Programm der EZB. Sie hatte im September 2012 angekündigt, unter bestimmten Bedingungen unbegrenzt Staatsanleihen hoch verschuldeter Krisenstaaten zu kaufen.

EZB-Chef Mario Draghi hatte bei der jüngsten Leitzinssenkung alle Optionen offen gelassen. EZB-Chefvolkswirt Peter Praet sieht nach eigenen Angaben noch Raum für weitere Zinssenkungen. An den Finanzmärkten wird jedoch allenfalls in ein paar Monaten und nur bei einer weiteren Verschlechterung der Wirtschaftslage mit einer weiteren Zinssenkung der EZB gerechnet. Die US-Notenbank (Fed) will ihre ultralockere Geldpolitik beenden, sobald die Konjunkturerholung für einen nachhaltigen Rückgang der Arbeitslosigkeit sorgt.

Weidmann kritisierte erneut die Entwicklung, den Notenbanken der Euro-Staaten im Zuge der Krise immer mehr Verantwortung zu übertragen, etwa mit Aufsichtsfunktionen. Dies berge die Gefahr einer Überfrachtung.

Von

rtr

Kommentare (10)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

13.06.2013, 21:46 Uhr

Ach, das freut mich ja.
Ich warne meine Bank auch immer.

azaziel

13.06.2013, 22:00 Uhr

Warum will die Zentralbank niedrige Zinsen haben? Weil ueberschuldete Staaten hohe Zinsen nicht verkraften koennen. Entweder sie koennen ihre Schulden nicht mehr bedienen, werden insolvent, oder sie muessen zwecks Bedienung der Schulden zusaetzliche Schulden machen.

Wie erreicht die Zentralbank niedrige Zinsen? Sie setzt den Leitzins, zu dem sich Banken Zentralbank leihen koennen sehr niedrig an und versetzt die Banken in die Lage, ihr Angebot an Giralgeld zu erhoehen (Geldschoepfung). Darueber hinaus kauft die Zentralbank Anleihen. Ist einem privaten Anleger der Zinsertrag zu niedrig, kauft die Zentralbank. Durch die Nachfrage der Zentralbank steigt der Anleihekurs und der Zinsertrag sinkt. Das macht sie solange, bis das gewuenschte Zinsniveau errreicht ist.

Will der Politiker eines ueberschuldeten Staates gewaehlt werden, muss er seinen Waehlern etwas versprechen. Das kostet in der Regel Geld. Steht der Politiker vor der Wahl, entweder nicht gewaehlt zu werden, oder sich Mittel mit einer Anleihe zu verschaffen, wird er die Anleihe waehlen. Waehrend private Anleger aufgrund steigenden Kreditausfallrisikos diese Anleihe nur noch zu steigenden Zinsen abnehmen, kauft die Zentralbank diese Anleihe zu niedrigen Zinsen.

Was passiert mit den Anleihen im Besitz der Zentralbank, wenn sie faellig werden? Sie muessen der Zentralbank zurueckgezahlt werden! Wenn das ueberschuldete Land das nicht kann, muss der Reigen einfach weitergehen. Die Zentralbank wird immer weiter Anleihen kaufen.

Die Zentralbank sitzt in der Falle. Will sie das ueberschuldete Land nicht mehr finanzieren, kann das Land seine Schulden nicht mehr bedienen. Die Zentralbank verliert dann einen grossen Teil ihrer Investitionen in die Anleihen dieser Staaten. Die Zentralbank kann weder irgendwelche Bedingungen erzwingen, noch kann sie die Schuldenspirale anhalten.

Account gelöscht!

13.06.2013, 22:13 Uhr

"Die Zentralbank kann weder irgendwelche Bedingungen erzwingen, noch kann sie die Schuldenspirale anhalten."

Richtig.
Aber Herr Weidmann kann das :)

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×