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12.04.2016

13:28 Uhr

Bundesbank-Präsident Jens Weidmann

„Menschen sind nicht nur Sparer“

VonMartin Dowideit

Die Kritik an der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank ist zuletzt lauter geworden. EZB-Ratsmitglied Jens Weidmann, Chef der Bundesbank, wehrt sich, ohne Öl ins Feuer zu gießen – und verteidigt EZB-Präsident Draghi.

Der Bundesbank-Präsident steht zu einer expansiven Geldpolitik – auch wenn er einzelne eingesetzte Werkzeuge kritisiert. dpa

Jens Weidmann

Der Bundesbank-Präsident steht zu einer expansiven Geldpolitik – auch wenn er einzelne eingesetzte Werkzeuge kritisiert.

DüsseldorfEine Äußerung von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hatte jüngst für Aufregung unter Notenbankern in Frankfurt sowie professionellen Beobachtern von Bundesbank und Europäischer Zentralbank (EZB) ausgelöst. Schäuble hatte am Freitag vergangener Woche gesagt, dass die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank zur Hälfte die Umfrageerfolge und Wahlergebnisse der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland (AfD) erkläre. Dies sei ein neues Niveau der politischen Kritik an der eigentlich unabhängigen Zentralbank, so der Vorwurf gegenüber Schäuble.

Bundesbank-Präsident Jens Weidmann – der im EZB-Rat über den geldpolitischen Kurs in der Euro-Zone mitentscheidet – geht in einem Interview mit der „Financial Times“ indirekt darauf ein. „Es ist nicht unüblich für Politiker, Meinungen zur Geldpolitik zu haben, aber wir sind unabhängig“, so Weidmann gegenüber der britischen Wirtschaftszeitung. Die Unabhängigkeit war bei der Schaffung der EZB vor allem auf Drängen Deutschlands zustande gekommen, da das Land gute Erfahrungen mit der ebenfalls unabhängigen Bundesbank gemacht hatte.

Die Kritik in Deutschland an der EZB entzündet sich vor allem daran, dass der Leitzins im März von 0,05 auf 0,0 Prozent gesenkt wurde und die anhaltende Niedrigzinspolitik zu geringen Sparerträgen auf Sparbüchern, Tagesgeldkonen oder Lebensversicherungsbeiträgen führe. CSU-Chef Horst Seehofer hatte zuletzt sogar gewarnt, dass die niedrigen Zinsen ein Ansteigen der Altersarmut wahrscheinlich machten.

So verteilt sich das Vermögen auf deutsche Haushalte

5. Perzentil – ärmste fünf Prozent

Bruttovermögen: 100 €
Nettovermögen: minus 3.000 €
Jährliches Nettoeinkommen (Selbsteinschätzung): 7.500 €

Das 5. Perzentil bedeutet: Haushalte unter dieser Schwelle, gehören zu den ärmsten fünf Prozent in Deutschland. Quelle: Bundesbank, Daten beziehen sich auf das Jahr 2014.

10. Perzentil

Bruttovermögen: 700 €
Nettovermögen: 0 €
Jährliches Nettoeinkommen (Selbsteinschätzung): 9.600 €

Das 10. Perzentil bedeutet: Haushalte unter dieser Schwelle, gehören zu den ärmsten zehn Prozent in Deutschland. Quelle: Bundesbank, Daten beziehen sich auf das Jahr 2014.

20. Perzentil

Bruttovermögen: 5.200 €
Nettovermögen: 2.400 €
Jährliches Nettoeinkommen (Selbsteinschätzung): 14.300 €

Das 20. Perzentil bedeutet: Haushalte unter dieser Schwelle, gehören zu den ärmsten 20 Prozent in Deutschland. Quelle: Bundesbank, Daten beziehen sich auf das Jahr 2014.

30. Perzentil

Bruttovermögen: 14.200 €
Nettovermögen: 10.700 €
Jährliches Nettoeinkommen (Selbsteinschätzung): 17.800 €

Das 30. Perzentil bedeutet: Haushalte unter dieser Schwelle, gehören zu den ärmsten 30 Prozent in Deutschland. Quelle: Bundesbank, Daten beziehen sich auf das Jahr 2014.

40. Perzentil

Bruttovermögen: 33.200 €
Nettovermögen: 27.100 €
Jährliches Nettoeinkommen (Selbsteinschätzung): 21.100 €

Das 40. Perzentil bedeutet: Haushalte unter dieser Schwelle, gehören zu den ärmsten 40 Prozent in Deutschland. Quelle: Bundesbank, Daten beziehen sich auf das Jahr 2014.

50. Perzentil (Median)

Bruttovermögen: 77.200 €
Nettovermögen: 60.400 €
Jährliches Nettoeinkommen (Selbsteinschätzung): 23.900 €

Der Median teilt Deutschland in zwei Hälften: Wer mehr hat, gehört zu reicheren Hälfte. Wer weniger hat, gehört zur ärmeren Hälfte. Quelle: Bundesbank, Daten beziehen sich auf das Jahr 2014.

60. Perzentil

Bruttovermögen: 142.700 €
Nettovermögen: 111.900 €
Jährliches Nettoeinkommen (Selbsteinschätzung): 27.800 €

Das 60. Perzentil bedeutet: Haushalte über dieser Schwelle, gehören zu den reichsten 40 Prozent in Deutschland. Quelle: Bundesbank, Daten beziehen sich auf das Jahr 2014.

70. Perzentil

Bruttovermögen: 216.100 €
Nettovermögen: 174.900 €
Jährliches Nettoeinkommen (Selbsteinschätzung): 33.100 €

Das 70. Perzentil bedeutet: Haushalte über dieser Schwelle, gehören zu den reichsten 30 Prozent in Deutschland. Quelle: Bundesbank, Daten beziehen sich auf das Jahr 2014.

80. Perzentil

Bruttovermögen: 315.600 €
Nettovermögen: 274.700 €
Jährliches Nettoeinkommen (Selbsteinschätzung): 39.600 €

Das 80. Perzentil bedeutet: Haushalte über dieser Schwelle, gehören zu den reichsten 20 Prozent in Deutschland. Quelle: Bundesbank, Daten beziehen sich auf das Jahr 2014.

90. Perzentil

Bruttovermögen: 522.000 €
Nettovermögen: 468.000 €
Jährliches Nettoeinkommen (Selbsteinschätzung): 50.300 €

Das 90. Perzentil bedeutet: Haushalte über dieser Schwelle, gehören zu den reichsten zehn Prozent in Deutschland. Quelle: Bundesbank, Daten beziehen sich auf das Jahr 2014.

95. Perzentil - reichste fünf Prozent

Bruttovermögen: 816.500 €

Nettovermögen: 722.000 €
Jährliches Nettoeinkommen (Selbsteinschätzung): 60.000 €

Das 95. Perzentil bedeutet: Haushalte über dieser Schwelle, gehören zu den reichsten fünf Prozent in Deutschland. Quelle: Bundesbank, Daten beziehen sich auf das Jahr 2014.

Nach Ansicht Weidmanns zielt diese Debatte jedoch nicht auf die weiteren volkswirtschaftlichen Auswirkungen der Geldpolitik. „Menschen sind nicht nur Sparer, sie sind auch Arbeitgeber, Steuerzahler und Kreditnehmer – und als solche profitieren sie vom niedrigen Zinsniveau“, so Weidmann. Finanzminister Schäuble hatte jedoch zuletzt auf die unterschiedliche Wahrnehmung einer realen Verzinsung von null Prozent hingewiesen: „3 Prozent Zins bei 3 Prozent Inflation ist nicht dasselbe wie 0 Prozent Zins bei 0 Prozent Inflation.“

In ähnlicher Weise argumentieren auch Befürworter des Kurses der Europäischen Zentralbank. So hat der Bund etwa immense Ersparnisse dadurch, dass er deutlich weniger Zinsen für frisch begebene Staatsanleihen begeben muss. Für zehnjährige Papiere sind derzeit Zinsen von jährlich 0,149 Prozent fällig.

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