Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

28.01.2016

20:31 Uhr

Bundesbank-Präsident

Weidmann sieht Geldpolitik in rauer See

Ölpreisverfall, Krise in China und anhaltend niedrige Inflation: Bundesbank-Chef Jens Weidmann fürchtet, dass es noch dauere, bis die EZB ihr Preisziel erreicht. Er sieht die Glaubwürdigkeit der Notenbank in Gefahr.

Trotz der jüngsten Turbulenzen rechnet Weidmann nicht mit einer anhaltenden Krise in China. dpa

Kein Einbruch erwartet

Trotz der jüngsten Turbulenzen rechnet Weidmann nicht mit einer anhaltenden Krise in China.

BonnBundesbank-Präsident Jens Weidmann sieht angesichts des Ölpreisverfalls und der jüngsten Börsen-Turbulenzen in China die europäische Geldpolitik momentan in einem schwierigen Fahrwasser. „Aktuell herrscht ohne Zweifel eine hohe Unsicherheit“, sagte Weidmann am Donnerstagabend bei einer Veranstaltung des internationalen Clubs La Redoute in Bonn. Von manchen werde infrage gestellt, ob vom internationalen Umfeld überhaupt noch Impulse für das Wachstum in der Euro-Zone ausgehen. Weidmann erneuerte in einem Zeitungsinterview zudem seine kritische Einstellung zu den massiven Staatsanleihen-Käufen der Europäischen Zentralbank (EZB).

Zwar liefere der Ölpreisverfall für die Euro-Zone und für Deutschland konjunkturellen Rückenwind, sagte Weidmann in Bonn. Aber die Inflationserwartungen für den Währungsraum müssten wohl deutlich zurückgenommen werden. Die EZB hatte im Dezember für 2016 noch eine Teuerungsrate von 1,0 Prozent veranschlagt. Womöglich muss diese Vorhersage im März wegen des Ölpreisverfalls kassiert werden. Befürworter einer noch lockereren Geldpolitik, der Weidmann zuletzt kritisch gegenüberstand, hätten dann weitere Argumente in der Hand.

Die Bundesbank im Überblick

Aufgaben

Die Bundesbank ist Teil des Eurosystems und damit mitverantwortlich für die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Sie ist die Zentralbank und damit die "Bank der Banken" - bei ihr müssen Banken Mindestreserven einzahlen, um ihr Bankgeschäft betreiben zu dürfen.

Im Auftrag der EZB werden auch Überweisungen abgewickelt und Bargeld gedruckt und verteilt.

Ein weiteres wichtiges Gebiet ist die Überwachung von Banken und ihren Geschäften sowie die Beobachtung der Großwetterlage der Konjunktur und Finanzmärkte.

Verhältnis zur Europäischen Zentralbank (EZB)

Die Bundesbank ist die bedeutendste Notenbank im Euro-Raum mit einem Anteil am eingezahlten Kapital der EZB in Höhe von etwas mehr als 27 Prozent. Viele Dienstleistungen wie der Aufkauf von Staatsanleihen oder die Lagerung von Bargeld-Notreserven erfolgen im Auftrag der EZB.

Jahresüberschuss

Der Überschuss der Bundesbank steht dem Finanzministerium zu. Im Jahr 2012 gab es einen Gewinn in Höhe von 664 Millionen Euro (Vorjahr: 643 Millionen Euro).

Goldbestände

Zu den Währungsreserven der Bundesbank zählen auch Goldbestände. Sie belaufen sich auf 3391 Tonnen und werden von der Bundesbank mit einem Wert von 137,5 Milliarden Euro bilanziert.

Das Gold lagert in Frankfurt (1036 Tonnen), New York (1536 Tonnen), London (445 Tonnen) und Paris (374 Tonnen). Die Goldbestände in Paris sollen nach Deutschland geholt werden.

Mitarbeiter

10.825 Mitarbeiter (9.543 Vollzeitstellen), davon 5417 Beamte und 5408 Tarifbeschäftigte

Standorte

Die Zentrale der Bundesbank ist in Frankfurt. Es gibt außerdem neun Hauptverwaltungen und 41 Filialen, 2011 waren es noch 47 Filialen. Ein weiterer Abbau auf 35 Filialen ist beschlossen – dicht gemacht werden noch Bayreuth, Bremen, Dresden, Gießen, Kiel und Lübeck.

Die Außenstellen sind unter anderem für Bargelddienstleistungen zuständig, entsenden aber auch Prüfer in Banken.

„Die Inflationsrate wird erst später als bislang erwartet wieder steigen“, sagte der Bundesbank-Chef. Es werde wohl länger dauern, bis die EZB ihr Preisstabilitätsziel erreichen werde. Das sei „eine Belastungsprobe für die Glaubwürdigkeit der Geldpolitik“, räumte Weidmann ein, der auch im EZB-Rat sitzt. Die Teuerungsrate könne in den Frühjahrsmonaten sogar wieder negativ werden. Die EZB strebt eine Inflation von knapp zwei Prozent an, die sie als ideal für die Wirtschaft betrachtet. Wegen des Ölpreisverfalls waren die Preise aber im Dezember lediglich um 0,2 Prozent gestiegen.

Weidmann verbreitete in seiner Rede aber nicht nur Molltöne. So rechnet er nicht mit einem scharfen Einbruch der Konjunktur in China – was laut Experten drastische Folgen für die Weltwirtschaft hätte. Er sieht vielmehr Hinweise „auf eine graduelle Abschwächung der wirtschaftlichen Dynamik“. Zudem warnte er davor, „wie das Kaninchen auf die Schlange“ auf die laufende Inflationsrate im Euro-Raum zu blicken. „Die Geldpolitik sollte durch diese kurzfristigen, ölpreisbedingten Schwankungen der Verbraucherpreise hindurchschauen“, sagte Weidmann. Sein Argument: Würden die Energiepreise aus der Preisentwicklung rausgerechnet, läge die Inflation zwar mit einem Prozent immer noch weit von der EZB-Zielmarke entfernt. Aber ebenso groß wäre die Distanz zu einer gefährlichen Abwärtsspirale aus sinkenden Preisen, rückläufigen Investitionen und Löhnen – im Fachjargon „Deflation“ genannt.

Der Werkzeugkasten der EZB

Leitzins

Das wichtigste Instrument ist der Leitzins, also der Zins, zu dem sich Geschäftsbanken bei der Notenbank Geld ausleihen können, um es dann zum Beispiel als Kredit an Unternehmen und Verbraucher weiterzugeben. Im August 2016 liegt der EZB-Zins bei historisch niedrigen 0,0 Prozent. Niedrige Zinsen können die Konjunktur ankurbeln.

Einlagezins

In normalen Zeiten bekommen Geschäftsbanken von der EZB Zinsen für überschüssiges Geld, das sie bei der Zentralbank parken. Im Juni 2014 senkten die Währungshüter den Zins unter die Nullgrenze. Aktuell müssen die Kreditinstitute einen Strafzins von 0,4 Prozent zahlen. Das Ziel ist eine Schwächung des Euro und ein Abbau der Einlagen der Banken bei der EZB.

Geldspritzen

Ende 2011/Anfang 2012 unterstützte die EZB Banken mit Notkrediten (LTRO) im Volumen von einer Billion Euro. Die Kredite wurden zu Mini-Zinsen und für drei Jahre gewährt. 2014 folgten weitere Notkredite, allerdings diesmal in deutlich geringerem Umfang.

Kauf von Kreditpaketen

Seit Herbst 2014 kauft die EZB Pfandbriefe (Covered Bonds) und gebündelte Kreditverbriefungen (ABS). Das soll Geschäftsbanken Freiräume zur Vergabe von Krediten verschaffen.

Staatsanleihen Käufe

Im Mai 2010 begann die EZB erstmals mit dem Kauf von Staatsanleihen. Das „Securities Markets Programme“ (SMP) sollte den Anstieg der Renditen von Anleihen angeschlagener Euro-Länder bremsen. Bis Anfang 2012 kaufte die EZB Staatspapiere für rund 220 Milliarden Euro, zumeist italienische Anleihen. Im September 2012 ersetzte das Programm „Outright Monetary Transactions“ (OMT) diese Maßnahme: Die EZB erklärt sich dabei bereit, notfalls unbegrenzt Anleihen von Krisenstaaten zu erwerben. Gekauft wurde in diesem Rahmen bisher keine Anleihe.

Quantitative Lockerung

Für die sogenannte Quantitative Lockerung druckt sich die Zentralbank quasi selbst Geld und kauft damit in großem Stil Anleihen - Staatsanleihen und andere Papiere wie Unternehmensanleihen. Das tut die EZB seit März 2015. Bis mindestens Ende März 2017 wollen die Währungshüter auf diese Weise 1,74 Billionen Euro in den Markt pumpen. Das soll die Konjunktur ankurbeln und die anhaltend niedrige Inflation wieder in Richtung der EZB-Zielmarke von knapp unter 2,0 Prozent befördern.

Weiterhin kritisch sieht Weidmann das große Staatsanleihen-Kaufprogramm der EZB. Je mehr Anleihen erworben würden, umso größer wird ihm zufolge die Gefahr, dass die Grenze zur verbotenen Staatsfinanzierung überschritten werde. „Wenn das Kaufvolumen zu groß wird, wirken die Käufe auf dem Sekundärmarkt wie die uns verbotenen Käufe direkt von den Staaten“, sagte Weidmann der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (Freitagausgabe). Die Notenbanken würden zu den größten Gläubigern der Staaten – die Verflechtung der Geldpolitik mit der Fiskalpolitik der Länder nehme zu. Damit steige der Druck auf die Notenbanken, die Zinsen ewig niedrig zu halten und weiter Staatsanleihen zu kaufen, sagte er der Zeitung. Aktuell ist das große Anleihen-Kaufprogramm der EZB auf 1,5 Billionen Euro angelegt und soll bis mindestens März 2017 laufen.

Von

rtr

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×