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19.09.2016

12:18 Uhr

Bundesbank-Studie

Ultralockere Geldpolitik nützt auch den Armen

VonJan Mallien

Kritiker werfen der EZB vor, dass ihre ultralockere Geldpolitik die Ungleichheit erhöht. Diesen Vorwurf weist die Bundesbank in ihrem aktuellen Monatsbericht zurück – und kommt zu überraschenden Schlüssen.

Dass die Niedrigzinsen nur Wohlhabenden nützen, sei unwahrscheinlich, so eine Studie der Bundesbank. Auch armen Europäern kommen sie zugute, weil sie die Konjunktur ankurbeln. dpa

Folgen der EZB-Geldpolitik

Dass die Niedrigzinsen nur Wohlhabenden nützen, sei unwahrscheinlich, so eine Studie der Bundesbank. Auch armen Europäern kommen sie zugute, weil sie die Konjunktur ankurbeln.

FrankfurtBundesbank-Chef Jens Weidmann ist einer der schärfsten Kritiker der lockeren Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Wie kaum ein anderer Vertreter aus dem EZB-Rat betont er stets die damit verbundenen Risiken und Nebenwirkungen.

Doch auch er und die Bundesbank teilen nicht alle Kritikpunkte. Ein häufiger Vorwurf lautet: Die EZB würde mit ihrer ultralockeren Geldpolitik zu höherer Ungleichheit beitragen. In ihrem aktuellen Monatsbericht tritt die Bundesbank dieser Kritik entgegen. „Es erscheint sehr zweifelhaft, dass die expansiven Sondermaßnahmen der letzten Jahre in der Gesamtschau die Ungleichheit erhöht haben“, heißt es darin. Mit Blick auf die Einkommensverteilung „dürften die unkonventionellen Maßnahmen für sich genommen die Ungleichheit eher verringert haben“, folgert die Bundesbank. Kritiker werfen der Europäischen Zentralbank (EZB) vor, mit ihrem Billiggeld-Kurs Sparer zu enteignen sowie über steigende Bewertungen von Aktien und Immobilien lediglich Reiche noch reicher zu machen.

Seit der Finanzkrise hat die EZB die Leitzinsen im Euro-Raum bis auf null Prozent gesenkt und einen Strafzins für Einlagen der Banken eingeführt. Außerdem kauft sie für monatlich 80 Milliarden Euro vor allem Staatsanleihen der Euro-Länder. Dies wirkt sich auf die Vermögens- und Einkommensverteilung aus.

Der Werkzeugkasten der EZB

Leitzins

Das wichtigste Instrument ist der Leitzins, also der Zins, zu dem sich Geschäftsbanken bei der Notenbank Geld ausleihen können, um es dann zum Beispiel als Kredit an Unternehmen und Verbraucher weiterzugeben. Im August 2016 liegt der EZB-Zins bei historisch niedrigen 0,0 Prozent. Niedrige Zinsen können die Konjunktur ankurbeln.

Einlagezins

In normalen Zeiten bekommen Geschäftsbanken von der EZB Zinsen für überschüssiges Geld, das sie bei der Zentralbank parken. Im Juni 2014 senkten die Währungshüter den Zins unter die Nullgrenze. Aktuell müssen die Kreditinstitute einen Strafzins von 0,4 Prozent zahlen. Das Ziel ist eine Schwächung des Euro und ein Abbau der Einlagen der Banken bei der EZB.

Geldspritzen

Ende 2011/Anfang 2012 unterstützte die EZB Banken mit Notkrediten (LTRO) im Volumen von einer Billion Euro. Die Kredite wurden zu Mini-Zinsen und für drei Jahre gewährt. 2014 folgten weitere Notkredite, allerdings diesmal in deutlich geringerem Umfang.

Kauf von Kreditpaketen

Seit Herbst 2014 kauft die EZB Pfandbriefe (Covered Bonds) und gebündelte Kreditverbriefungen (ABS). Das soll Geschäftsbanken Freiräume zur Vergabe von Krediten verschaffen.

Staatsanleihen Käufe

Im Mai 2010 begann die EZB erstmals mit dem Kauf von Staatsanleihen. Das „Securities Markets Programme“ (SMP) sollte den Anstieg der Renditen von Anleihen angeschlagener Euro-Länder bremsen. Bis Anfang 2012 kaufte die EZB Staatspapiere für rund 220 Milliarden Euro, zumeist italienische Anleihen. Im September 2012 ersetzte das Programm „Outright Monetary Transactions“ (OMT) diese Maßnahme: Die EZB erklärt sich dabei bereit, notfalls unbegrenzt Anleihen von Krisenstaaten zu erwerben. Gekauft wurde in diesem Rahmen bisher keine Anleihe.

Quantitative Lockerung

Für die sogenannte Quantitative Lockerung druckt sich die Zentralbank quasi selbst Geld und kauft damit in großem Stil Anleihen - Staatsanleihen und andere Papiere wie Unternehmensanleihen. Das tut die EZB seit März 2015. Bis mindestens Ende März 2017 wollen die Währungshüter auf diese Weise 1,74 Billionen Euro in den Markt pumpen. Das soll die Konjunktur ankurbeln und die anhaltend niedrige Inflation wieder in Richtung der EZB-Zielmarke von knapp unter 2,0 Prozent befördern.

Durch die Anleihekäufe beispielsweise drückt die EZB die Zinsen für Staatspapiere. Das führt dazu, dass Investoren auf andere Anlageformen wie etwa Aktien oder Immobilien ausweichen – und dort die Preise steigen. Ob sich dadurch die Ungleichheit verstärkt, hängt etwa davon ab, wer Immobilien besitzt.

In einigen Euro-Ländern ist die Quote der Hausbesitzer sehr hoch. Auch viele ärmere Leute besitzen eine Wohnung und verschulden sich dafür besonders stark. In einem solchen Fall können Niedrigzinsen die Ungleichheit sogar reduzieren. Insgesamt ist aus Bundesbank-Sicht der Effekt auf die Vermögensverteilung in der Euro-Zone eher unklar.

Was aus Sicht der Bundesbank-Ökonomen unterschätzt wird, ist der Effekt der Geldpolitik auf die Einkommensverteilung. Die Maßnahmen würden sich nicht nur auf Vermögenspreise auswirken, sondern auch auf die konjunkturelle Entwicklung, das Vertrauen der Marktteilnehmer und vor allem die Beschäftigung.

Hiervon würden bei einem wirtschaftlichen Abschwung vor allem gering qualifizierte, ärmere Menschen profitieren. Denn deren Arbeitsplätze seien besonders unsicher. „Geldpolitische Maßnahmen, die das Arbeitsplatzrisiko senken, haben daher großes Potenzial, Verteilungsungleichheit zu senken”, folgert die Bundesbank.

Grundsätzlich gibt es bei Studien zu den Effekten der Geldpolitik immer ein Problem: Es gibt keine Parallelwelt, mit der sich der Status quo vergleichen lässt. Durch die Finanzkrise hat sich die wirtschaftliche Situation in den Industrieländern massiv verschlechtert. Wegen dieser Verschlechterung sind die EZB und andere Notenbanken überhaupt erst aktiv geworden. Deshalb muss unterschieden werden zwischen Veränderungen der Verteilung, die auf das verschlechterte wirtschaftliche Umfeld zurückzuführen sind und Effekten, die direkt mit der Geldpolitik zu tun haben.

Kommentare (8)

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Account gelöscht!

19.09.2016, 12:28 Uhr

Der deutsche Arbeitnehmer und der kleine Rentenbezieher in seiner Mietwohnung ist in Deutschland der am meisten bluten muss.
Wenige Menschen in Deutschland haben ein Eigenheim und eine Arbeit von der sie leben können. Immer mehr Menschen müssen sich ums Überleben kümmern. Leben können hingegen nur die, die eh genug Geld verdienen und nicht nur ein Eigenheim haben sondern auch noch einige Mietobjekte nebenher ihr eigen nennne können.
Der Großteil der deutschen Gesellschaft wird aber unter steigenden Mieten, Lebenshaltungskosten und einer Null Zinspolitik bluten müssen...der Mangel und die Armut nehmen somit in der Breite der Deutschen Gesellschaft immer mehr zu. Dank an Euro-Drucker-Draghi.

Frau Sabrina Dresdnerin

19.09.2016, 12:56 Uhr

Speziell der deutsche Arbeitnehmer ist aber auch nicht bereit nach Alternativen zu suchen. Und wer mit dem Finger auf die zeigt, die mehr verdienen vergisst dabei, dass das in der Regel auch hart erarbeitet wird. Ein Selbständiger geht nicht 16 Uhr nach Hause, trägt ein enormes Risiko und hat garantiert weniger als 30 Tage Urlaub. Wer nicht von steigenden Mieten abhängig sein will sollte sich mit dem Erwerb von Eigentum befassen. Es gibt gute staatliche Förderprogramme. Sie dürfen auch genutzt werden. Sicher gilt das nicht für alle, aber wahrscheinlich gerade für die, die am lautesten jammern.

Herr Holger Narrog

19.09.2016, 13:09 Uhr

Die aktuell spürbaren Folgen der 0 Zinspolitik der Notenbanken sind für die meisten Menschen überschaubar. Jüngere Menschen die sich verschulden sind Profiteure, ältere deren Altersvorsorge real reduziert wird, die Verlierer.

Sehr herausfordernd wird es wenn das akutelle Konstrukt aus reichlicher Geldschöpfung und hohen Schuldenlasten denen häufig kein Gegenwert gegenübersteht kollabiert. Dies kann durch Inflationsschübe, Abwerfen staatlicher Schulden etc. geschehen, entwerten von Schulden durch staatliche Regeln und Gesetze geschehen. Dann werden sich alle auf der Verliererseite befinden.

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