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15.07.2016

15:23 Uhr

Chefökonom der Bank of England

Geldpolitik mit dem „Vorschlaghammer“ empfohlen

Diese Woche hat die britische Notenbank den Leitzins noch unverändert bei 0,5 Prozent gelassen. Doch ihr Chefvolkswirt empfiehlt für August eine weitreichende Lockerung der Geldpolitik.

Viele Experten erwarten, dass der Leitzins der britischen Notenbank nächsten Monat von derzeit 0,5 auf 0,25 Prozent gekappt wird. AP

Bank of England

Viele Experten erwarten, dass der Leitzins der britischen Notenbank nächsten Monat von derzeit 0,5 auf 0,25 Prozent gekappt wird.

LondonDie Bank von England (BoE) muss nach Ansicht ihres Chefvolkswirts rasch und kraftvoll auf das Brexit-Votum reagieren. „Mit rasch meine ich nächsten Monat“, sagte Chefökonom Andrew Haldane am Freitag in seiner ersten Rede nach dem EU-Austrittsvotum der Briten vom 23. Juni. Die Notenbank habe keine Zeit zu zögern.

Er wolle eher das Risiko eingehen, „mit einem Vorschlaghammer eine Nuss zu knacken“ als mit einem winzigen Hammer einen Tunnel zu bauen – wie es im Film „Die Verurteilten“ Schauspieler Tim Robbins als Gefangener über 19 Jahre getan hatte, um dem Knast zu entkommen.

Die Notenbank hatte am Donnerstag zur Überraschung der Märkte auf eine Zinssenkung verzichtet. Die geldpolitische Antwort der Zentralbank müsse nun das Vertrauen im Land stärken, betonte Haldane. Daher müsse die Lockerung „kräftig“ ausfallen. Er denke dabei an ein ganzes Paket von Maßnahmen, die sich gegenseitig ergänzten.

Tim Robbins (l.) bahnt sich in dem Film mit einem winzigen Hammer den Weg aus einem Gefängnis bahnt. Rechts im Bild: Morgan Freeman. Imago

Szene aus „Die Verurteilten“

Tim Robbins (l.) bahnt sich in dem Film mit einem winzigen Hammer den Weg aus einem Gefängnis bahnt. Rechts im Bild: Morgan Freeman.

Viele Experten erwarten, dass der Leitzins nächsten Monat von derzeit 0,5 auf 0,25 Prozent gekappt wird. Hinzu kommen könnte ein neues Anleihenankaufprogramm. In den vergangenen Jahren hat die Notenbank bereits 375 Milliarden Pfund – umgerechnet fast 450 Milliarden Euro – in den Erwerb von Wertpapieren gesteckt, um die Wirtschaft anzuschieben.

Was der Brexit für die britische Wirtschaft bedeutet

Hintergrund

Die britische Wirtschaft muss sich nach dem Brexit-Votum auf schlechtere Geschäfte einstellen. Im schlimmsten Fall würde durch den EU-Abschied der Freihandel gestoppt, Regeln für den Binnenmarkt wegfallen und Zollschranken errichtet. Die folgenden Konsequenzen erwarten Experten für die britische Wirtschaft.

Wachstum

Finanzminister George Osbourne befürchtet eine „hausgemachte Rezession“: Binnen zweier Jahre könnte die Wirtschaftsleistung um bis zu sechs Prozent niedriger ausfallen als bei einem Verbleib in der EU. Bis 2020 summieren sich die Wachstumsverluste demnach auf bis zu 9,5 Prozent. Die Bank of England befürchtet einen „merklichen Abschwung“ bis hin zu einer Rezession. Auch internationale Organisationen wie die OECD und der IWF rechnen mit spürbaren Einbußen im Vergleich zu einem EU-Verbleib.

Jobs

Die Arbeitslosenquote liegt derzeit auf dem Zehn-Jahres-Tief von 5,0 Prozent. Die meisten Experten rechnen damit, dass sie nach dem EU-Abschied steigen dürfte. Anhänger des Brexit-Lagers argumentieren hingegen, dass durch den Wegfall von EU-Vorschriften neue Jobs entstehen könnten.

Löhne

Sie dürften bis 2030 real zwischen 2,2 und 7,0 Prozent niedriger ausfallen als bei einem EU-Verbleib, schätzen Experten des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der britischen Denkfabrik National Institute of Economic and Social Research.

Handel

Großbritannien riskiert nach den Worten des französischen Präsidenten Francois Hollande bei einem Brexit seinen Zugang zum EU-Binnenmarkt. US-Präsident Barack Obama betonte, dass sich Großbritannien nach einem Brexit in der Warteschlange für ein bilaterales Handelsabkommen mit den Vereinigten Staaten „hinten anstellen“ muss. Darunter könnten die britischen Exporteure leiden.

Leistungsbilanz

Großbritannien konsumiert mehr als es produziert. Mit 5,2 Prozent der Wirtschaftsleistung erreichte das Defizit in der Leistungsbilanz schon im vergangenen Jahr einen Rekordwert. Um diese Lücke zu schließen, ist das Land auf ausländisches Geld angewiesen. Ob dieses nach dem Brexit noch so zahlreich auf die Insel fließt, halten viele Experten für fraglich. Notenbankchef Mark Carney sagte, ein Brexit könnte „die Freundlichkeit von Fremden“ testen, die das Defizit bislang ausgleichen.

Währung

Das britische Pfund verzeichnete nach dem Referendum den heftigsten Kursverlust zum Dollar seit mindestens 40 Jahren. Der Kurs liegt derzeit bei etwa 1,38 Dollar, doch könnte er nach Prognose von Experten wie Starinvestor George Soros bis auf 1,15 Dollar fallen. Ein billiges Pfund macht britische Produkte anderswo billiger, verteuert aber Importe und kann so zu höherer Inflation und sinkender Kaufkraft führen.

Geldpolitik

Die britische Notenbank rechnet mit einer Zeit der Unsicherheit. Sie steht deshalb zum Eingreifen bereit. Zur Geldversorgung der Finanzwirtschaft könnten zusätzliche 250 Milliarden Pfund abgerufen werden. Wenn notwendig, will die Bank of England auch erhebliche Liquidität in Fremdwährungen bereitstellen. Experten rechnen auch mit Zinssenkungen.

Kreditwürdigkeit

Der Abschied Großbritanniens aus der EU kann der Ratingagentur Moody's zufolge die Kreditwürdigkeit drücken. „Das Ergebnis bedeutet eine längere Zeit der politischen Unsicherheit, die auf der wirtschaftlichen und finanziellen Leistungsfähigkeit des Vereinigten Königreichs lasten wird“, erklärte Moody's. Das wiederum sei negativ für die Bonität. Moodys's bewertet die Kreditwürdigkeit Großbritanniens derzeit eine Note unter der Bestnote AAA. Wird das Rating herabgestuft, kann das höhere Kosten bei der Schuldenaufnahme zur Folge haben.

Außerdem wird darüber spekuliert, dass die Währungshüter die Kreditvergabe der Banken durch ein neues Förderprogramm beleben könnten. Nach dem Brexit-Votum wächst auf der Insel die Sorge vor einer massiven Kapitalflucht. Es wird befürchtet, dass ausländische Unternehmen künftig bei Investitionsvorhaben einen Bogen um Großbritannien machen. Viele Experten befürchten, dass es zur Rezession kommen wird.

Von

rtr

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